Online-Portal Erinnern an die friedliche Revolution

Die Website friedlicherevolution.de soll an die Wende und den Kollaps der DDR von 1989/90 erinnern - und junge Leute ansprechen. Hinter dem Projekt stecken die Dissidenten von einst - sie sind noch immer streitfreudig.

Von Malte Göbel


Eigentlich soll es nur die Vorstellung einer Info-Website sein. Aber Rainer Eppelmann, Ex-DDR-Bürgerrechtler und heute Chef der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, ist wütend. "Es gibt Leute, die meinen, man müsse streiten, ob das ein Unrechtsstaat war oder nicht", poltert der CDU-Politiker - und meint damit den Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering (SPD), der am Wochenende in einem Interview davon gesprochen hatte, die DDR sei kein "totaler Unrechtsstaat, in dem es nicht das kleinste bisschen Gute gab"gewesen.

Website www. friedliche   revolution .de: Soll die jungen Leute da abholen, wo sie sind: im Internet

Website www.friedliche revolution.de: Soll die jungen Leute da abholen, wo sie sind: im Internet

Angesichts der "Mauertoten, der politischen Gefangenen und vier Millionen Flüchtlingen" sei die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, für ihn "sekundär", erklärt Eppelmann. Marianne Birthler, ebenfalls Ex-DDR-Bürgerrechtlerin und heute Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, spricht hinsichtlich der Definition von "Unrechtsstaat" von einem "eklatanten Mangel an politischer Bildung, die man von einem Ministerpräsidenten eigentlich erwarten sollte". Beide stellten heute in Berlin die Website www.friedlicherevolution.de vor, die eigentlich vor allem junge Leute über den Umbruch von 1989/90 informieren sollte. Nun ist also auch die Zielgruppe der Älteren ins Blickfeld gerückt.

Das neue Portal präsentiert Hintergrundinformationen, Videointerviews mit Zeitzeugen sowie ein monatlich aktualisiertes "Montagsradio". Gleichzeitig können Veranstalter ihre Termine zum Jubiläumsjahr ankündigen und Berichte von ihren Veranstaltungen einstellen. Getragen wird die Internet-Plattform von der Stasi-Unterlagen-Behörde, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Freistaat Sachsen und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Die Website www.friedlicherevolution.de ist ab sofort abrufbar und soll bis zum 18. März 2010, dem 20. Jahrestag der ersten freien Wahlen in der DDR, redaktionell betreut werden.

Marianne Birthler und Rainer Eppelmann, die als Chefs der Stasi-Unterlagen-Behörde bzw. der Stiftung Aufarbeitung die Website präsentierten, waren als Bürgerrechtler bei den Geschehnissen von 1989/90 hautnah dabei. Eppelmann war damals einer der couragiertesten Kritiker des DDR-Regimes; als Pfarrer der Ost-Berliner Samariter-Gemeinde organisierte er Messen mit Bluesmusik und gründete die oppositionelle Vereinigung "Demokratischer Aufbruch", die später in der CDU aufging. Marianne Birthler war Gründungsmitglied des Arbeitskreises "Solidarische Kirche" in der DDR, sie sprach auch bei der großen Demonstration am 4. November 1989 und zog für Bündnis 90 in die Volkskammer ein. Beide vermissen heute Wissen und Auseinandersetzung mit den Geschehnissen von damals.

Birthler kritisierte darüber hinaus die Überhöhung der Ereignisse des 9. Novembers. "Nicht der Mauerfall hat die Ostdeutschen befreit, sondern der Mauerfall war nur möglich durch die Selbstbefreiung der Ostdeutschen." Sie erinnerte an andere wichtige Tage, namentlich den 4. Dezember 1989, als zuerst in Erfurt und dann auch in Dresden eine Gruppe von oppositionellen Frauen die Bezirksstelle der Stasi besetzte. Dazu gehörte damals viel Mut, sagte Birthler, und das werde heute oft vergessen. Nur durch diese Besetzung seien die Stasi-Akten heute überhaupt noch vorhanden und der Öffentlichkeit zugänglich - in der Stasi-Unterlagen-Behörde, der sie vorsteht.

Die Nachfrage nach den Stasi-Akten ist 2009 so hoch wie nie zuvor: Im Februar gab es mit etwa 9000 privaten Anträgen rund 30 Prozent mehr Anträge auf Akteneinsicht als im Februar 2008. Auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema steigt: 2008 waren es ca. 1400 Anträge von Historikern und Journalisten, im Gegensatz zu rund tausend im Vorjahr. Viele davon seien von Doktoranden, also jungen Wissenschaftlern, sagt Marianne Birthler.

Trotzdem sei gerade unter Schülern die Unkenntnis über die friedliche Revolution von 1989 groß. Da die meisten jungen Leute das Internet als Hauptinformationsquelle benutzen, will www.friedlicherevolution.de sie genau dort abholen: Bei YouTube, Facebook und Twitter sollen eigene Profile eingerichtet werden, die auf die Website verweisen.



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