Browser-Spiel aus Bayern Bavaria banal

Die Bayerische Staatskanzlei will junge Bürger mit einem Online-Spiel für die Kernwerte des Freistaats begeistern. Ein teures Projekt - mit peinlichem Ergebnis. Im Web ergießt sich Spott über den Versuch.

Von Jan Lukas Strozyk


Hamburg - Strahlend blaue Augen, die blonden Locken hochgesteckt und in ein weiß-blaues Gewand gehüllt, so steht sie vor dem Helden und fragt: "Bist du bereit?" Wer kann da schon nein sagen? Prompt schickt Bavaria, die Schutzpatronin Bayerns, das virtuelle Alter Ego auf eine Reise zu den Tugenden des Freistaats: Schutz der Familie, Bildung und Fortschritt. Dem Spieler begegnen in voralpiner Hügellandschaft Löwen, Gipfelfahnen und Diamanten, die für das "Band der Familie" stehen - am Ende der weiß-blauen Klischeeorgie winkt ein Eintrag in die "ewige Liste der Heldinnen und Helden Bayerns".

Die Idee ist nicht schlecht: dorthin gehen, wo die jungen Bürger sind und sie mit dem Ködern, was sie eh den ganzen Tag machen - daddeln. Das dachte sich die bayerische Staatskanzlei auch und ließ das Browser-Spiel "Aufbruch Bayern" zur gleichnamigen Zukunftskampagne programmieren. Gerüchten zufolge soll das Spiel über 100.000 Euro gekostet haben - eine Größenordnung, die die Staatskanzlei auf Anfrage nicht dementieren wollte. Das Geld fließt aus dem Etat für Öffentlichkeitsarbeit. Dafür stehen der bayerischen Staatskanzlei rund zwei Millionen Euro im Jahr zur Verfügung. Die Programmierung wurde nach Angaben der Staatskanzlei regulär ausgeschrieben, den Zuschlag erhielt - ganz unbajuwarisch - eine Firma aus Köln.

Das Spiel ist nicht nur online verfügbar, es wird auch auf Messen oder Festen eingesetzt, um Besucher für den Freistaat zu interessieren. Ein paar Klicks sollen dem Bürger zeigen, wie erfolgreich das Land im Süden ist und für welche Werte es steht. Oder, wie es aus der Staatskanzlei heißt: "Mit dem Spiel wollen wir dazu beitragen, Bayern da zu halten, wo es ist: an der Spitze." An Selbstvertrauen in die virtuellen Fähigkeiten scheint es ohnehin nicht zu mangeln. "Für eine staatliche Behörde gehen wir einen ziemlich kreativen Weg", sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE.

Vereinfachung statt Tiefgang

Im Laufe der Odyssee werden dem Nutzer viele Informationen über das Land Bayern präsentiert - die sich allerdings schlecht prüfen lassen. Vor allem die Familienpolitik, Lieblingsthema der CSU auch im Bund, wird dabei hervorgehoben. "0,0 Euro: Das dritte Kindergartenjahr wird in den meisten Fällen beitragsfrei", heißt es etwa salopp. Klingt gut, stimmt nur halb: Die Beiträge der staatlich unterstützen Kindergartenplätze sollen zwar bis September 2013 um 100 Euro reduziert werden. Gerade in den Städten müssen die Eltern aber oft weiterhin zahlen: Die "Süddeutsche Zeitung" hat errechnet, dass in München für täglich acht Stunden Betreuung im Schnitt 218 Euro pro Monat fällig sind.

Auch ein Rekordetat von sechs Milliarden Euro, den man in München für "Wissenschaft und Kunst" ab dem kommenden Jahr verplant, macht sich in den bunten Sprechblasen des Spiels gut. Jedoch wurden die Kulturausgaben seit 2010 um 50 Millionen Euro gekürzt. Auch 2013 werden sie niedriger liegen, als noch vor zwei Jahren. Verpackt in der Erfolgsmeldung erfährt der Spieler von den Kürzungen nichts. Ohnehin handelt es sich bei den vermittelten Vorzügen des Freistaats weitgehend um wohlwollende Prognosen der Regierung.

Das Vorgehen, dem Spieler kleinstmögliche Informationsstückchen zu verabreichen, nennt die Staatskanzlei ein "spielerisches Instrument, ernsthafte und harte Themen zu vermitteln". Dass man damit der Tragweite mancher Themen nicht gerecht wird, scheint zweitrangig. Nur so könne man Bürger erreichen, die an einer klassischen Kommunikation kein Interesse haben. "Die Menschen sind nicht unpolitischer als früher, sie kommunizieren nur anders darüber", so ein Sprecher.

"Ich schäme mich für das Spiel"

Die Kommentare, die das Netz bislang über das Spiel hervorgebracht hat, lesen sich indes kritischer. Das Magazin "Vice" spricht in seiner Online-Ausgabe vom "schlechtesten Spiel der Welt". Die bayerische Landesregierung habe sich mit dem Projekt "für dumm verkaufen lassen". Die Kommentare zu einem Video, in dem das Spiel als "innerer Gipfelsturm" eines jeden Bajuwaren mit vielfältigen Spielmöglichkeiten beworben wird, dokumentieren das Entsetzen über das Programm. "Ich schäme mich für das Spiel, weil ich aus Bayern komme", heißt es dort. Und: "Oh Gott, ich dachte, es sei eine Parodie. Das ist ja echt."

Die Staatskanzlei wiegelt ab: Das Angebot sei nichts für Profi-Zocker. "Dass wir damit nicht den Preis für das beste Computerspiel gewinnen, ist uns bewusst." Es sei vielmehr ein einzelner Teil in einem "breiten Strauß" an Kommunikationsstrategien. In der Kanzlei wird das Spiel zumindest gerne gespielt, so der Sprecher: "Ich höre die Spielmusik oft aus den Zimmern - natürlich nur in der Mittagspause."

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insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
superfake2012 13.09.2012
1. So kann man seinen Wahlkampf...
... natürlich auch bezahlen. Das Medium ist dabei noch der positivste Aspekt. Dass das Ergebnis so extrem peinlich ist - das Video ist wirklich sehenswert, gerade am frühen Morgen, wenn man ein paar Lacher braucht - wäre weitaus mehr zu geniessen, wenn nicht Steuergelder dafür aufgewendet würden.
Salomox 13.09.2012
2. Netter Ansatz falche Umsetzung
Ich muss sagen , dass die Zuwendung an Online Medien durchaus eine gute Idee ist um jüngere Bürger zu erreichen.Die Umsetzung in ein Spiel mit oberflächlichen Informationen ist jedoch definitiv der falche Ansatz. Ich spiele selbst gerne Computerspiele und falle mit meinen 21 Jahren wohl in die angestrebte Altersgruppe. Wollte ich mich über den Freistaat Bayern informieren , würde ich jedoch definitv kein Spiel benutzen , sondern Foren , Blogeinträge oder Zeitungsartikel bzw. die offizielle Webpage besuchen. Es kommt mir als junger Bürger einfach so vor als denken heutige Politker meine Generation würde nichts anderes tun als den ganzen Tag am Computer zu spielen und das Leben an uns vorbei ziehen zu lassen.
herbert 13.09.2012
3. Theaterbühne CSU Bayern !
Zitat von sysopDie Bayerische Staatskanzlei will junge Bürger mit einem Online-Spiel für die Kernwerte des Freistaats begeistern. Ein teures Projekt - mit peinlichem Ergebnis. Im Web ergießt sich Spott über den Versuch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,854120,00.html
So schlicht und banal das Online Spiel ist, so ist auch die bayerische CSU zu sehen. Immer wieder gut für eine bayerische, politische Theatervorstellung. Ich kann mir gar nicht vorstellen, das mancher rustikaler CSU Politiker in der Lage ist, überhaupt einen Computer zu bedienen. Geschweige denn solch einen neumodischen Kram einzuführen. Denke mal, da ist die Genehmigung so durchgerutscht weil es keiner dort verstanden hat, um was es geht.
michaelXXLF 13.09.2012
4. Der neue Staatstrojaner
ist gleich eingebaut?
c.PAF 13.09.2012
5.
---Zitat--- Dem Spieler begegnen in voralpiner Hügellandschaft Löwen,(...) ---Zitatende--- Da geht es schon los mit der Realitätsferne. In Bayern werden doch Bären, Löwen, Nandus etc. sofort erschossen... ---Zitat--- In der Kanzlei wird das Spiel zumindest gerne gespielt, so der Sprecher: "Ich höre die Spielmusik oft aus den Zimmern - natürlich nur in der Mittagspause. ---Zitatende--- Na klar, bayerische Beamte haben ja sonst nicht viel zu lachen... Aber mal im Ernst, wenn man die Vergabekriterien kennt (der billigsten Anbieter wird genommen), weiß man, was man von dem Ergebnis zu erwarten hat. Ich selbst (kein Beamter!) muß mit einem Programm arbeiten, das von der Regierung gestellt wurde. Diese hat sich das Programm schreiben lassen. Die Fehler und Macken in dem Programm kennen kein Ende. Tabellen nach Datum sortieren? Klar, kann das Programm. Aber nicht chronologisch, sondern nur nach dem Tag des Datums. Sehr hilfreich... Ich weiß nicht, welche Zielgruppe das Bavaria-Spiel ansprechen will. Aber bei Jugendlichen macht sich die Regierung damit nur lächerlich. Bei Erwachsenen wird dagegen kaum Interesse an die Spiel bestehen. Aber vielleicht war es wirklich nur dazu gedacht, die Beamten in ihrer Mittagspause zu erheitern?
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