Hamburg - Strahlend blaue Augen, die blonden Locken hochgesteckt und in ein weiß-blaues Gewand gehüllt, so steht sie vor dem Helden und fragt: "Bist du bereit?" Wer kann da schon nein sagen? Prompt schickt Bavaria, die Schutzpatronin Bayerns, das virtuelle Alter Ego auf eine Reise zu den Tugenden des Freistaats: Schutz der Familie, Bildung und Fortschritt. Dem Spieler begegnen in voralpiner Hügellandschaft Löwen, Gipfelfahnen und Diamanten, die für das "Band der Familie" stehen - am Ende der weiß-blauen Klischeeorgie winkt ein Eintrag in die "ewige Liste der Heldinnen und Helden Bayerns".
Die Idee ist nicht schlecht: dorthin gehen, wo die jungen Bürger sind und sie mit dem Ködern, was sie eh den ganzen Tag machen - daddeln. Das dachte sich die bayerische Staatskanzlei auch und ließ das Browser-Spiel "Aufbruch Bayern" zur gleichnamigen Zukunftskampagne programmieren. Gerüchten zufolge soll das Spiel über 100.000 Euro gekostet haben - eine Größenordnung, die die Staatskanzlei auf Anfrage nicht dementieren wollte. Das Geld fließt aus dem Etat für Öffentlichkeitsarbeit. Dafür stehen der bayerischen Staatskanzlei rund zwei Millionen Euro im Jahr zur Verfügung. Die Programmierung wurde nach Angaben der Staatskanzlei regulär ausgeschrieben, den Zuschlag erhielt - ganz unbajuwarisch - eine Firma aus Köln.
Das Spiel ist nicht nur online verfügbar, es wird auch auf Messen oder Festen eingesetzt, um Besucher für den Freistaat zu interessieren. Ein paar Klicks sollen dem Bürger zeigen, wie erfolgreich das Land im Süden ist und für welche Werte es steht. Oder, wie es aus der Staatskanzlei heißt: "Mit dem Spiel wollen wir dazu beitragen, Bayern da zu halten, wo es ist: an der Spitze." An Selbstvertrauen in die virtuellen Fähigkeiten scheint es ohnehin nicht zu mangeln. "Für eine staatliche Behörde gehen wir einen ziemlich kreativen Weg", sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE.
Vereinfachung statt Tiefgang
Im Laufe der Odyssee werden dem Nutzer viele Informationen über das Land Bayern präsentiert - die sich allerdings schlecht prüfen lassen. Vor allem die Familienpolitik, Lieblingsthema der CSU auch im Bund, wird dabei hervorgehoben. "0,0 Euro: Das dritte Kindergartenjahr wird in den meisten Fällen beitragsfrei", heißt es etwa salopp. Klingt gut, stimmt nur halb: Die Beiträge der staatlich unterstützen Kindergartenplätze sollen zwar bis September 2013 um 100 Euro reduziert werden. Gerade in den Städten müssen die Eltern aber oft weiterhin zahlen: Die "Süddeutsche Zeitung" hat errechnet, dass in München für täglich acht Stunden Betreuung im Schnitt 218 Euro pro Monat fällig sind.
Auch ein Rekordetat von sechs Milliarden Euro, den man in München für "Wissenschaft und Kunst" ab dem kommenden Jahr verplant, macht sich in den bunten Sprechblasen des Spiels gut. Jedoch wurden die Kulturausgaben seit 2010 um 50 Millionen Euro gekürzt. Auch 2013 werden sie niedriger liegen, als noch vor zwei Jahren. Verpackt in der Erfolgsmeldung erfährt der Spieler von den Kürzungen nichts. Ohnehin handelt es sich bei den vermittelten Vorzügen des Freistaats weitgehend um wohlwollende Prognosen der Regierung.
Das Vorgehen, dem Spieler kleinstmögliche Informationsstückchen zu verabreichen, nennt die Staatskanzlei ein "spielerisches Instrument, ernsthafte und harte Themen zu vermitteln". Dass man damit der Tragweite mancher Themen nicht gerecht wird, scheint zweitrangig. Nur so könne man Bürger erreichen, die an einer klassischen Kommunikation kein Interesse haben. "Die Menschen sind nicht unpolitischer als früher, sie kommunizieren nur anders darüber", so ein Sprecher.
"Ich schäme mich für das Spiel"
Die Kommentare, die das Netz bislang über das Spiel hervorgebracht hat, lesen sich indes kritischer. Das Magazin "Vice" spricht in seiner Online-Ausgabe vom "schlechtesten Spiel der Welt". Die bayerische Landesregierung habe sich mit dem Projekt "für dumm verkaufen lassen". Die Kommentare zu einem Video, in dem das Spiel als "innerer Gipfelsturm" eines jeden Bajuwaren mit vielfältigen Spielmöglichkeiten beworben wird, dokumentieren das Entsetzen über das Programm. "Ich schäme mich für das Spiel, weil ich aus Bayern komme", heißt es dort. Und: "Oh Gott, ich dachte, es sei eine Parodie. Das ist ja echt."
Die Staatskanzlei wiegelt ab: Das Angebot sei nichts für Profi-Zocker. "Dass wir damit nicht den Preis für das beste Computerspiel gewinnen, ist uns bewusst." Es sei vielmehr ein einzelner Teil in einem "breiten Strauß" an Kommunikationsstrategien. In der Kanzlei wird das Spiel zumindest gerne gespielt, so der Sprecher: "Ich höre die Spielmusik oft aus den Zimmern - natürlich nur in der Mittagspause."
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