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Oskar Lafontaine: Abgang des linken Mephisto

Von Franz Walter

Oskar Lafontaine ist eine Reizfigur, er ist herrisch, populistisch, laut. Sein Auftreten hat ihn zu einem der meistgehassten Politiker der Republik gemacht. Doch er hat mehr bewirkt als die meisten seiner Gegner - vor allem in der Sozialdemokratie.

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Redner Lafontaine: Aus der Opposition heraus das Land umpflügen

Oskar Lafontaine galt stets als widersprüchlicher, schwer durchschaubarer Mann, ob in der SPD oder in der Linken. Schon bei den Sozialdemokraten erlebte man seine Wandlung vom kosmopolitischen, postmaterialistisch angehauchten Politiker und Hoffnungsträger westdeutscher Unternehmer zum Traditionalisten der überlieferten Sozialstaatlichkeit. Dies stieß seinerzeit durchaus noch auf Applaus, da er dadurch mit dem Funktionärswesen und der Programmorthodoxie der klassischen SPD brach, Unkonventionalität ausstrahlte.

Dabei hatte es seine unmittelbare Umgebung schon damals nie einfach mit ihm. Er zeigte oft Ungeduld, trat herrisch auf, verlangte, dass alle ihm bedingungslos folgten, wenn er, oft einsam, eine Entscheidung für sich getroffen hatte. Seine Reden waren damals wie später laut, mitunter brüllend vorgetragen, mit peitschenden Stakkatosätzen, in denen er seine Gegner - nicht selten als Ignoranten, Dummbeutel, Schwätzer verächtlich gemacht - an den Pranger der sozialen Empörung stellte.

Der Duktus war rechthaberisch, das Gesicht gerötet, der Oberkörper aufgepumpt. Er trat nicht in einen Dialog mit seinen Zuhörern, sondern paukte ihnen seine Lehrsätze zur politischen Lage in einer Schärfe ein, die Widerspruch nicht zuließ. Populismus war ihm nicht fremd, so war Lafontaine, der Sozialdemokrat. So blieb er, als Anführer der Linken.

Und seine Verwandlung vom Saulus des Gewerkschaftskritikers zum Paulus sozialer Gerechtigkeitskämpfe fand ebenfalls in den sozialdemokratischen Jahren statt, als er den Weg wies, dem alle in der SPD folgten. Mit seinem Konzept, die Finanzmärkte zu regulieren, die Binnennachfrage durch Steigerung der Massenkaufkraft zu stärken, die Belastung der Rentner und die Eigenbeteiligung der Patienten an den Gesundheitskosten zurückzunehmen, gingen die Sozialdemokraten in den Bundestagswahlkampf 1998. Sie gewannen und schafften nach 16 Jahren langer, bitterer Opposition den Regierungswechsel.

Über Lafontaine drang die soziale Frage in die neue Linke zurück

Insofern desavouieren Sozialdemokraten ein beträchtliches Stück eigener Geschichte, wenn sie Lafontaine als Blender, rückwärtsgewandten Demagogen und verantwortungslosen Populisten beschimpfen. Was Lafontaine als Mann der Linkspartei postulierte, hatten die Sozialdemokraten eine gute Zeit mit ihm und in gleicher Art und Weise gefordert.

Dann war es eine Dekade anders, bis mit dem Crash auf den Finanzmärkten der Rekurs auf den Keynesianismus auch in der SPD wieder üblich wurde, ohne sich aber noch auf den Urheber zu beziehen. Dafür war die große emotionale Beziehung zwischen den Aktivisten der Partei und ihrem früheren Leitwolf zu sehr belastet, ja zerstört. Angeblich geht es in der Politik nüchtern um den rein sachrationalen Erwerb von Macht, aber die Triebkräfte, die darunter liegen, sind oft stärker.

Lafontaine fühlte sich in den all den Jahren nach 1999 wohl tatsächlich von den Sozialdemokraten verlassen, als er an seinen Positionen festhielt, von denen Schröder als Kanzler Zug um Zug abwich. Und falsch dürfte es in der Tat nicht sein, dass er aus Verletztheit und Verbitterung handelte, aus dem Gefühl, es den Schröder-Jüngern noch einmal zu zeigen, als er an die Spitze zunächst von westdeutschen Linken trat, für deren hölzernen und wirren Politikstil er noch wenige Jahre zuvor bestenfalls Verachtung übrig gehabt hätte. Nun war er selbst, in seinem Antrieb, den "Opportunismus" und "moralischen Verfall" seiner früheren Partei zu geißeln, rigide im Tonfall und sarkastisch in der Aussage geworden.

In dieser herrischen Unduldsamkeit wirkte er wie ein Fremdkörper gerade auf jüngere und mittelalte Zugehörige der PDS, die fast 15 Jahre Anstrengungen unternommen hatten, sich von einer politischen Kultur zu lösen, die durch Lafontaine in einer affinen Variante zurückkehrte. Lafontaine gab Weisungen von oben, dekretierte autoritär, erlaubte den Zweifel nicht. So - wenngleich aus anderen Quellen gespeist - ging es im Osten vor der PDS zu.

Lafontaine rehabilitierte die uralte Suggestivparole der Kommunisten, von der sich die Neuerer gegen die Resistenz der SED-Veteranen gerade erst gelöst hatten: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!" Und Lafontaines sozialagitatorische Anklagen gegen schamlose Unternehmer im gigantischen Kasino-Kapitalismus, auch sein stetes Plädoyer für staatliche Kontrolle erinnerte die Reformer an die Lehrbuchparolen vom Klassenkampf während der grauen Gesellschaft, die man doch eigentlich hinter sich gelassen hatte.

Lafontaine hat mehr bewirkt als das Gros seiner Gegner

Denn gerade ein großer Teil der PDS war seit einigen Jahren eher auf dem Weg zu einer Art linker Bürgerrechtspartei des Ostens nach dem Vorbild der frühen Grünen im Westen. Schon sozialstrukturell glichen sich Grüne-West und PDS-Ost verblüffend stark. Hier wie dort dominierten bis 2004 die Akademiker mit Berufen im öffentlichen Dienst, in Medizin und Pflege. Die PDS vor Lafontaine war keine Partei der Arbeiterklasse, keine linkssozialistische Formation der sozialen Frage. Dafür fehlten gewichtige Kontakte zu den Industriegewerkschaften.

Erst über Lafontaine, erst durch die Gewerkschaftsfunktionäre der WASG drang die soziale Frage in die neue Linke zurück. Erst das machte sie zu einer Partei, die auch Arbeiter ansprach und das Prekariat zumindest punktuell aktivierte, die nicht mehr - wie im September 2002 - abgeschlagen bei vier Prozent lag, sondern um die zehn Prozent oszillierte. Das war ein Verdienst Lafontaines, der in den 40 Jahren, die er politisch schon aktiv war, tektonische Verschiebungen in der Gesellschaft oft früh gewittert und die politischen Chancen ergriffen hatte.

Insofern war seine zweite Karriere in der Tat bemerkenswert. Als Danton der Linken reklamierte er für sich, aus der Opposition heraus das Land umzupflügen. Rundum abstrus war der Anspruch nicht. Allein mit der Neubildung seiner Partei hatte er das Parteiensystem und damit wohl auch die Wahlkampfkultur transformiert. Lafontaine blieb fraglos einer der meistgehassten Politiker der Republik; aber er hat ebenso fraglos mehr bewirkt und auch politisch-thematisch in Bewegung gesetzt als das Gros seiner Gegner - vor allem in der Sozialdemokratie.

Immer stand gleichwohl die besorgte Frage im Raum, wie lange es mit Lafontaine wohl gut gehen möge. Sein Politikstil lebt von der charismatischen Aura. Doch Charisma ist eine labile Sache. Sie lebt vom ständigen Wirbel, von einer Steigerung der Emotionen. Flachen diese Gefühlswellen ab, ist man des Gesichts und der großen Reden des vormaligen Helden überdrüssig. Charismatiker sind, wenn das Ziel erreicht ist, rasch gelangweilt, neigen gar dazu umzutreten, was sie zuvor errichtet haben. Daher goutiert das Publikum das charismatische Bühnenstück in der Politik, den Aufstieg und den Fall der Mephistogestalten. Viele von der Sorte gibt es nicht mehr in der deutschen Politik. Sie wird dadurch unzweifelhaft langweiliger.

Schade eigentlich.

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1. da wurde noch was vergessen ... !
herbert 24.05.2012
Zitat von sysopDPAOskar Lafontaine ist eine Reizfigur, er ist herrisch, populistisch, laut. Sein Auftreten hat ihn zu einem der meistgehassten Politiker der Republik gemacht. Doch er hat mehr bewirkt als die meisten seiner Gegner - vor allem in der Sozialdemokratie. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,834806,00.html
Es wurde hier geschrieben: Doch er hat mehr bewirkt als die meisten seiner Gegner - vor allem in der Sozialdemokratie. UND der Oskar mag die Frauen und wenn es im höheren Alter ist !
2. Erstaunlich
ip- 24.05.2012
Zitat von sysopDPAOskar Lafontaine ist eine Reizfigur, er ist herrisch, populistisch, laut. Sein Auftreten hat ihn zu einem der meistgehassten Politiker der Republik gemacht. Doch er hat mehr bewirkt als die meisten seiner Gegner - vor allem in der Sozialdemokratie. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,834806,00.html
Ich glaube, das ist der positivste Artikel bei Spiegel ueber Lafontaine. Natuerlich durfen Vergleiche mit der DDR-Diktatur und verrueckten Populisten nicht fehlen, aber trotzdem wird zwischen den Zeilen Lafontaine gelobt. So weit hat sich der Spiegel noch nie aus dem Fenster gelehnt...
3.
tristanaut 24.05.2012
Lafontaine war und ist ein kluger und konsequenter Politiker. Darum ist er auch eine Reizfigur, viel mehr noch für Pseudo-Sozialdemakraten der SPD, als für Konservative. Kaum etwas von seinen Thesen ist widerlegbar, ob es um Löhne und Binnennachfrage oder um Bankenabzocke und Besteuerung von Reichen geht. Sein politisches Handeln ist erkennbar. Beim Rest erkenne ich nichts, außer Fähnchen im Wind!
4. Kuhrüden
mattotaupa 24.05.2012
Ich bin wahrlich kein Linker, aber dass der olle Oskar nun den Hut nimmt, finde ich ungemein schade.
5.
jens45 24.05.2012
Zitat von sysopDPAOskar Lafontaine ist eine Reizfigur, er ist herrisch, populistisch, laut. Sein Auftreten hat ihn zu einem der meistgehassten Politiker der Republik gemacht. Doch er hat mehr bewirkt als die meisten seiner Gegner - vor allem in der Sozialdemokratie. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,834806,00.html
na, er hat das gemacht, was er schon immer am Besten konnte. Einfach hingeschmissen und sich schmollend zurück gezogen. Eben den Lafontaine ;)
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Zum Autor
Uni Göttingen
Franz Walter, Jahrgang 1956, ist Parteienforscher und lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Seit März 2010 leitet er das Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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