Ost-Journalisten und die Stasi Große Bühne, tiefer Fall

Der lange Arm der Stasi erwischt am Ende alle - auch die eigenen Leute. Gerade ist der Ex-IM Thomas Leinkauf bei der "Berliner Zeitung" aufgeflogen. Und es könnte noch viele ähnliche Fälle geben: Weit mehr Ostjournalisten sind Experten zufolge für die Stasi tätig gewesen, als bisher bekannt ist.

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Berlin - Wie man schuldig werden kann, dafür gibt es viele Beispiele. Thomas Leinkauf, als Leitender Redakteur der "Berliner Zeitung" zurzeit beurlaubt, sei ein besonders gutes. Sagen manche. Andere sind der Meinung, von Schuld könne in diesem Fall weniger die Rede sein.

Stasi-Chef Erich Mielke (bei einer Parade 1984): An Journalisten war man besonders interessiert

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Unstrittig ist seit Ende vergangener Woche, dass Leinkauf in den Jahren 1975 bis 1977 als Inoffizieller Mitarbeiter für die Staatsicherheit tätig war. Mit anderen Worten: Er hat gespitzelt.

Leinkauf hat das gegenüber dem SPIEGEL zugegeben, wenn auch sehr einsilbig - mit einem "Ja".

Weil kurz nach ihm ein weiterer Redakteur der "Berliner Zeitung" seine langjährige IM-Karriere beichtete - und zwar freiwillig, im Gegensatz zu Leinkauf -, sind Journalisten und Leser des Hauptstadtblatts in Aufregung: Ist Leinkauf als verantwortlicher Redakteur für die Reporter-Gruppe und die Wochenendbeilage noch tragbar? Sollte man sich endgültig von den beiden Ex-Spitzeln trennen?

Es gibt auch Stimmen, die sagen: Schwamm drüber.

Für die "Berliner Zeitung" ist diese Debatte wichtig. Der Fall Leinkauf erinnert jedoch an eine Problematik, die viel weiter geht - weil sie den ganzen Osten betrifft. Denn nach Meinung von Fachleuten dürfte Leinkauf nur ein Fall von vielen sein: Mehr als ein Dutzend weitere ehemalige SED-Bezirkszeitungen gibt es in den neuen Ländern, dazu die Nachfolger der Blockpartei-Blätter, die Fernseh- und Radiostationen. "Da wird nun immer wieder was hochkommen", sagt Martin Gutzeit, Berliner Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen. Ein bisschen drastischer drückt es Klaus Schroeder aus, Leiter des "Forschungsverbunds SED-Staat" an der FU Berlin: "Es gibt da so viele Abgründe."

Ist der Fall Leinkauf ein Abgrund?

22 Jahre alt ist der Philosophie-Student an der Berliner Humboldt-Universität, als er seiner IM-Akte zufolge am 28. November 1975 eine Verpflichtungserklärung abgibt. Handschriftlich. "Meine zukünftigen Informationen in mündlicher oder schriftlicher Form werde ich mit dem Pseudonym 'Gregor' unterzeichnen", so endet das einseitige Schreiben. Rund 140 Blatt und zwei Jahre später endet die Akte. "Gregor" hat in dieser Zeit Kommilitonen ausgehorcht, sich West-Studenten konspirativ angenähert, andere für die Stasi anzuwerben versucht. Leinkauf bat die Stasi sogar, seine Wohnung zum Abhören von Gesprächen zu verwanzen.

Die Unterlagen geben Zeugnis von einem jungen Mann, der sich gerne von dem System der Stasi benutzen lässt. Leinkauf habe den Sozialismus geliebt, hört man von verschiedenen Seiten.

Das taten andere DDR-Bürger auch - und wurden trotzdem nicht IM. Nach Ende des Studium steigt Leinkauf 1979 bei der "Berliner Zeitung" ein, arbeitet als Redakteur in verschiedenen Ressorts, erst in der Wendezeit macht er Karriere. Das Blatt ist zu dieser Zeit ein Versuch der Ostwest-Schmelze, vor allem mit dem Einstieg Erich Böhmes als Herausgeber. Das Problem: Beim Versuch, eine Art deutsche "Washington Post" zu schaffen, kümmert Böhme die mitunter delikate Vergangenheit seiner Mitarbeiter offenbar weniger. Also unterbleibt die systematische Überprüfung der Redakteure.

Wie wohl bei allen Ost-Zeitungen, zunächst jedenfalls. Schuld daran ist zum einen die Gier des Westens: Vor allem um die SED-Bezirkszeitungen buhlen die großen Verlage in den Wendemonaten. "Das war ein Persilschein zum Gelddrucken", sagt Berlins Stasi-Beauftragter Gutzeit. Dazu kommt die Haltung vieler Journalisten und Leser - nach dem Motto: Es muss ja irgendwie weitergehen. Besser ist es anfangs auch bei den Rundfunkanstalten nicht. "Was ist die Steigerung von eisig?" So erinnert sich ein damaliger Mitarbeiter der Gauck-Behörde an die Stimmung bei Sender-Besuchen.

FU-Historiker Schroeder sagt: "Man hat damals die Chance zur Aufklärung verpasst."

Nur wenige outen sich in dieser Zeit freiwillig. Leinkauf hat sich erst Jahre später offenbart - gegenüber Michael Maier, zwischen 1996 und 1998 Chefredakteur der "Berliner Zeitung". Allerdings hatte Maier, wie er im SPIEGEL schreibt, seiner Redaktion zuvor klargemacht: Von wem eine Akte gefunden wird, der fliegt. Daraufhin habe Leinkauf gebeichtet - und sich reuig gegeben. "Det war Scheiße", sagte er Maier zufolge. Ehemalige Kollegen erinnern sich, im kleinen Kreis habe Leinkauf schon zu Beginn der neunziger Jahre von Stasi-Kontakten gesprochen. Was der Ex-IM konkret sagte, darüber gehen die Erinnerungen allerdings auseinander.

Und wenn sich Leinkauf damals öffentlich bekannt hätte, auch den Lesern gegenüber?

Die Leipzigerin Grit Hartmann ist heute freie Journalistin. Als Redakteurin des Mitteldeutschen Rundfunks hatte Hartmann Ende der neunziger Jahre immer wieder eine genauere Überprüfung der Mitarbeiter gefordert. Als sich der Sender endlich dazu entschloss, wurden auch führende Angestellte als IM enttarnt - darunter jene, die Hartmanns Vorstöße stets abgeblockt hatten. "Da hat es mir gereicht", sagt Hartmann. Sie kündigte. Auch einige Zeitungen ließen damals Studien anfertigen, darunter die "Berliner Zeitung" im Auftrag des damaligen Mutterverlags "Gruner + Jahr"; anschließend trennte man sich von zwölf Redakteuren. Nun will die Redaktion eine erneute Untersuchung.



insgesamt 433 Beiträge
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Seite 1
cathys 01.04.2008
1. Wer sollte dies veranlassen??
Zitat von sysopZwei Redakteure der Berliner Zeitung wurden als ehemalige Stasi Mitarbeiter enttarnt. Wurden die deutschen Medien ausreichend durchleuchtet??
Wer weiß wo diese noch überall sitzen, wenn ich mir Deutschland mittlerweile so anschaue!
Hardliner 1, 01.04.2008
2. Kein ernster Wille
Zitat von sysopZwei Redakteure der Berliner Zeitung wurden als ehemalige Stasi Mitarbeiter enttarnt. Wurden die deutschen Medien ausreichend durchleuchtet??
Wenn schon Stasi-Leute in Parlamenten und Behörden sitzen dürfen, warum nicht auch in der Redaktion der BZ. Die Politik hat doch alles getan, um die "Befindlichkeiten" der ehemaligen DDR-Bürger nicht zu sehr zu strapazieren. Parallelen zur Nachkriegszeit im Westen tun sich auf. Ein ernster Wille, die Schandtaten der Mielke-Truppe aufzuarbeiten, war im politischen Raum nie vorhanden. Und wie auch in Berlin man sehen kann, ist die SED-PDS-Linke ja bereits wieder hoffähig und ministrabel.
Jodeljedi, 01.04.2008
3.
Zitat von sysopZwei Redakteure der Berliner Zeitung wurden als ehemalige Stasi Mitarbeiter enttarnt. Wurden die deutschen Medien ausreichend durchleuchtet??
Klasse Frage! Wie habt ihr das denn bei Euch geregelt? Hat Rudolf alle seine Redakteure gecheckt und wenn ja, wußten die davon und was ist dabei rausgekommen? Gruß Jodeljedi
kleiner-moritz 01.04.2008
4.
Zitat von sysopZwei Redakteure der Berliner Zeitung wurden als ehemalige Stasi Mitarbeiter enttarnt. Wurden die deutschen Medien ausreichend durchleuchtet??
Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie erinnere ich mich, dass es da eine Verjährungsfrist gab, die wohl auch schon mal verlängert worden ist. Man beurteile bitte Menschen nach dem, was sie tun... Offensichtlich haben die Beiden keinen Hymnus auf die Stasi und die SBZ angestimmt, also, was soll es?
Nante, 01.04.2008
5.
Die Frage ist völlig falsch gestellt. Ich war fast gerührt, als bei berlinonline.de von der Redaktionskonferenz berichtet wurde: unterdrückte Tränen, Betroffenheit, Schlucken, Besorgnis ob der Glaubwürdigkeit der Journalisten, Journalismus als "vierte" Gewalt, als Korrektiv usw. Die Journalisten nehmen sich da zu wichtig; so groß ist ihre Glaubwürdigkeit auch nicht. Betroffenheitstränen sind 30 Jahre nach den Ereignissen übertrieben, die Ereignisse überwiegend unwichtig und gegenüber ISNM- oder Gewerkschaftsverbundenen Berichterstattungen absolut marginal. Deswegen: Mal einen Gang zurückschalten und an die vielen BILD-Journalisten denken. Da stellt sich das Problem der Glaubwürdigkeit viel dringender.
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