Oxfam-Skandal Entwicklungsministerium mahnt Partner zu konsequenter Missbrauchs-Verfolgung

Die Entwicklungshilfe kämpft wegen des Oxfam-Skandals um ihren Ruf. Deutsche Organisationen sind bisher nicht betroffen, doch das Entwicklungsministerium ist alarmiert.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller
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Bundesentwicklungsminister Gerd Müller


Der Sex-Skandal um die britische Sektion von Oxfam beunruhigt auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ). "Wir haben die Vorwürfe gegen Oxfam International mit großer Sorge zur Kenntnis genommen", sagt eine Sprecherin von Minister Gerd Müller (CSU) dem SPIEGEL. Ein solches Verhalten sei "völlig inakzeptabel" und widerspreche genau den Werten, für die das Entwicklungsministerium arbeite.

Mitarbeiter von Oxfam Großbritannien sollen während ihres Einsatzes in Haiti Frauen ausgebeutet und Sex für Hilfe verlangt haben. Seit Bekanntwerden der ersten Fälle wurden 26 neue Berichte über sexuelles Fehlverhalten von Mitarbeitern in Projekten weltweit bekannt, was die Organisation in eine schwere Krise gestürzt hat.

Das BMZ unterstützt derzeit 17 Oxfam-Projekte mit einem Gesamtwert von rund 13,6 Millionen Euro. Die geförderten Projekte stehen jedoch unter der Leitung von Oxfam Deutschland, einer rechtlich unabhängigen Unterorganisation von Oxfam International.

Seit die Vorwürfe Anfang Februar bekannt wurden, steht das BMZ mit Oxfam Deutschland in "intensivem" Kontakt. Vorwürfe bezüglich eines Fehlerverhaltens gegen den deutschen Ableger der Hilfsorganisation seien dem Bundesministerium aber nicht bekannt, heißt es. Auch von anderen Partnerorganisationen seien dem Bundesministerium keine Fälle von "gravierendem Fehlverhalten" einzelner Mitarbeiter bekannt.

"Vorsorgliche" Bitte an Projektpartner

Dennoch ist man offenbar besorgt, dass auch deutsche Hilfsorganisationen möglichen Fällen von sexuellem Missbrauch nicht genug nachgehen. Das BMZ habe "vorsorglich" alle Partnerorganisationen gebeten, ihre Verhaltenskodizes zu überprüfen und Sicherungssysteme gegen sexuellen Missbrauch zu stärken. Die Organisationen sollten Vorwürfen "in aller Konsequenz" nachgehen und eventuelle Fälle "unverzüglich den deutschen Strafverfolgungsbehörden" anzeigen.

Oxfam International wusste schon seit Jahren von dem Fehlverhalten der Mitarbeiter, machte die Fälle aber nicht öffentlich und informierte auch nicht die örtliche Polizei. Die Entwicklungshelfer waren Anfang 2010 in den Inselstaat gekommen, um es nach einem schweren Erdbeben wiederaufzubauen.

Bereits im Jahr 2011 lag der Organisation ein Untersuchungsbericht über Fälle von sexuellem Missbrauch vor. Dieser wurde aufgrund des öffentlichen Drucks nun veröffentlicht und bestätigt, dass sexuelle Ausbeutung, Belästigung und Einschüchterung durch sieben Oxfam-Mitarbeiter in Haiti stattgefunden hat. Unter ihnen ist auch der damalige Oxfam-Landesdirektor für Haiti.

Oxfam zeigte sich erschüttert und bekannte sich "unmissverständlich zur moralischen Verantwortung". Mit einem "Aktionsplan gegen Missbrauch" soll nun gegen Belästigung, Ausbeutung und sexuelles Fehlverhalten vorgegangen werden. Dennoch hat die haitianische Regierung Oxfam Großbritannien nun für zwei Monate die Arbeitserlaubnis entzogen. Die Schweiz hat ihre Zahlungen an Oxfam eingestellt, bis die Fälle nicht "lückenlos" aufgeklärt sind. 7000 regelmäßige Spender seien binnen zehn Tagen abgesprungen, sagte Mark Goldring, der britische Chef der Organisation.

Inzwischen kämpft die ganze Branche gegen den Vertrauensverlust. Auch Ärzte ohne Grenzen und die US-Flüchtlingsorganisation International Rescue Committee (IRC) hatten Fehlverhalten in den eigenen Reihen eingeräumt.

Umfragenund anderen Studien zufolge sindsexuelle Übergriffe innerhalb von Hilfsorganisationen keine Ausnahme. Die Täter sind oft Vorgesetzte oder in Krisenregionen angeheuerte Sicherheitskräfte.

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Fassung dieses Textes hieß es, es seien 26 neue Berichte über sexuelles Fehlverhalten von Mitarbeitern in Haiti bekannt geworden. Die Anzahl der Berichte bezieht sich allerdings nicht nur auf den Inselstaat, sondern auf Oxfam-Projekte weltweit.

sag/dpa

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