Franz Walter über die Pädophilie-Debatte "Es widert mich an"

Die Zwischenergebnisse einer Studie über Pädophilie in den deutschen Parteien sorgen für Aufregung - Ex-FDP-Generalsekretär Günter Verheugen spricht sogar von einer "Riesensauerei". Studienleiter Franz Walter antwortet in einem Gastbeitrag auf seine Kritiker.

Gründungsparteitag 1980: "In erster Linie geht es um die Grünen. Aber eben nicht nur"
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Gründungsparteitag 1980: "In erster Linie geht es um die Grünen. Aber eben nicht nur"


Das Göttinger Institut für Demokratieforschung ist vor gut zwei Monaten vom Bundesvorstand Bündnis 90/Die Grünen gebeten worden, "Umfang, Kontext und Auswirkungen pädophiler Forderungen in den Milieus der Neuen Sozialen Bewegungen sowie der Grünen" zu untersuchen. Am Montag haben wir eine erste Darstellung und Analyse hierzu in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht, die beträchtlichen Widerhall gefunden hat.

Im Kern geht es in unserem Beitrag um die pädophilen Verstrickungen der Grünen, die - so die "FAZ" auf Seite eins der Ausgabe - "umfangreicher als bislang bekannt" ausgefallen seien, wie unsere Forschungen ergeben hätten. Wir sind in den Untersuchungen auf eine damalige Kaderorganisation der Pädophiliebewegung gestoßen, die "Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie" (DSAP).

Wir haben versucht, die Biografien der Aktivisten und Bundesvorstandsmitglieder zu ermitteln. Viele sind mittlerweile verstorben; in einem Fall fanden wir heraus, dass eine damalige Aktivistin, Dagmar Döring, 2013 für die FDP für den Bundestag kandidieren wollte. Ende der vergangenen Woche trat sie von dieser Kandidatur zurück. Da die DSAP Kontakte systematisch auch im Wahljahr 1980 ebenfalls zu Freien Demokraten aufbaute, gerieten die Liberalen auch in den Blick der Forschung. Seinerzeit herrschte das Drei-Parteien-System, und in Fragen der Strafrechtsreformen waren die Freien Demokraten, denen sich viele liberale Strafrechtsprofessoren bereits in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre zugewandt hatten, ein wichtiger Ansprechpartner für Gruppen, denen es um diesbezügliche Revisionen ging. Innerhalb des Beitrags in der "FAZ" machte dieser Aspekt indessen nur einen kleinen Teil aus. Doch aus wissenschaftlicher Perspektive wäre es ganz und gar unredlich gewesen, dieses Ergebnis der Recherche komplett zu ignorieren und unerwähnt zu lassen.

Veranstaltung in der Bonner Beethovenhalle

In erster Linie geht es um die Grünen. Aber eben nicht nur. Die Pädophiliebewegung begann etwa 1978, als ein grüner Bundesvorstand noch nicht existierte. Und in den frühen Landesverbänden der Ökos tummelten sich weniger Emanzipationslinke, sondern hauptsächlich wertekonservative Umweltschützer, die an Strafrechtsänderungen nicht interessiert waren. Daher war zu diesem Zeitpunkt die FDP für einen Teil der Personen, die eine Änderung der Paragrafen 174, 175 und 176 des Strafgesetzbuchs bewirken wollten, interessant. Die Pädophilengruppen verbündeten sich damals mit den Schwulengruppen, um Bündnispartner zu gewinnen und die Schlagkraft zu steigern.

Als ein Höhepunkt dieser Bewegung galt dann eine Veranstaltung am 12. Juli 1980 in der Bonner Beethovenhalle: Vertreter der Parteien sollten von Schwulen, Lesben und Pädophilen auf den Prüfstand gestellt werden. Die Veranstaltung wurde von einigen radikalen Linken und Stadtindianern massiv gestört, so dass sich etwa 40 Leute mit den eingeladenen Politikern in einen kleinen Nebenraum zurückzogen, um die Debatte halbwegs in Ruhe zu führen.

Anwesend waren Vertreter der CDU, der Grünen, der SPD und für die Freien Demokraten der damalige Generalsekretär Günter Verheugen. Die Vertreter von SPD und CDU hatten wenig oder nichts zu liefern, was dem Publikum hätte gefallen können. Selbst Grünen-Mann Corny Littmann war zurückhaltend mit dem, was er im Namen der Grünen vertreten durfte, war kesser dagegen bei den Positionen, die er als private Person verkündete. Die Veranstalter und das Organisationsumfeld applaudierten am stärksten den Aussagen von Verheugen. In der "FAZ" fassten wir das so zusammen: "Die Grünen waren also, wie es in den Berichten von Teilnehmern aus der Schwulen- und Pädophilenszene hieß, hinter 'dem Stand' der 'epochemachenden FDP-Erklärung' geblieben, die sich für die ersatzlose Streichung des damaligen § 175 StGB (Verbot sexueller Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts) einsetzte und deren damaliger Generalsekretär Günter Verheugen persönlich auch eine Revision der Paragrafen 174 und 176 für möglich hielt."

Günter Verheugen reagierte darauf nun empört, redet von "Verleumdung", von einer "Riesensauerei" und "wissenschaftlicher Schlamperei" - weil ich nicht mit ihm geredet hätte. So die Meldung bei der Nachrichtenagentur AFP: "Ex-FDP-Generalsekretär Verheugen weist Pädophilie-Vorwurf zurück. "Pädophilie war kein Thema und ich kann ausschließen, dass ich mich dazu jemals geäußert hätte", sagte Verheugen der "Welt". Es habe nach seiner Erinnerung in der fraglichen Zeit überhaupt keine innerdeutsche Parteiendiskussion um sexuellen Kindesmissbrauch gegeben - "weder bei der FDP, noch bei SPD, noch bei der Union", sagte Verheugen weiter. Er erinnere sich "vage, dass es damals in der deutschen Öffentlichkeit eine Diskussion über die unterschiedlichen Schutzalterbestimmungen für männliche und weibliche Jugendliche im damaligen StGB gab". Aber auch an dieser Debatte habe er sich nach seiner Erinnerung nicht aktiv beteiligt.

Es gibt eine Fülle an Quellen

Man fragt sich, warum man ihn für ein Gespräch hätte aufsuchen sollen, wenn ihm die Vorgänge "unbekannt" sind. Wie soll sich ein vielbeschäftigter Mann wie er auch an Vorgänge, die nunmehr 33 Jahre zurückliegen, noch akkurat erinnern? Reinhard Münchenhagen wusste auf Nachfrage nichts mehr von der Debatte - obwohl er sie damals als Moderator leitete. So ist das mit dem Gedächtnis. Wir führen keine Untersuchung durch, wie die Zeitgenossen von damals heute ihre Positionen und Aktionen sehen. Das wäre eine andere Untersuchung mit anderer Fragestellung. Das wäre Oral History, was man sonst vor allem dann anwendet, wenn es sonst kaum oder gar keine Quellen gibt - was bei unserem Projekt keineswegs der Fall ist, da wir mit einer Überfülle an Material gesegnet sind.

Historiker müssen quellenkritisch sein. Gibt es identische oder sehr affine Berichte von verschiedenen Anwesenden einer Veranstaltung in unmittelbarer Nähe des Ereignisses, dann kann, ja muss man so verdichten, wie wir das getan haben (dass "Verheugen persönlich auch eine Revision der Paragrafen 174 und 176 für möglich hielt"). Das geben die zeitgenössischen Quellen her, hat also von uns auch so wiedergegeben zu werden.

Dass Verheugen ein Anhänger von Pädophilie gewesen wäre, dass er die Paragrafen rundum und ersatzlos gestrichen haben wollte, geht daraus nicht hervor - und wird natürlich von uns auch nirgendwo behauptet. Es kann Überlegungen bei ihm gegeben haben, dass das Strafrecht für die intendierten Zwecke nicht taugte. Das wissen wir nicht. Da würde uns aber auch eine Interpretation im Nachhinein von Verheugen nichts nutzen, weil solche Erinnerungen oft genug verzerrt und umgedeutet sind. Wichtig ist, dass mehrere Personen die Stellungnahme Verheugens so aufgenommen haben, wie es hier steht, daraus für sich auch eine Empfehlung abgeleitet haben, die FDP zu wählen - und das hat Verheugen nach unserem Kenntnisstand 1980 nicht dementiert.

Es gibt Fotos, Filmausschnitte

Wie ja auch Verheugen sich ja nicht erinnern kann, dass er und die Parteien in der fraglichen Zeit eine solche Diskussion führten. Aber das haben sie. Es gibt Fotos, Filmausschnitte, insofern sollte man mit der nicht sehr zimperlichen Beschimpfung unseres Forscherteams doch besser vorsichtig sein. Vor und auf der Veranstaltung in der Bonner Beethovenhalle "Parteien auf den Prüfstand" hatten die Veranstalter ihre Forderungen aufgelistet, darunter auch die folgende:

"Unsere grundsätzliche Forderung an die Parteien des Bundestages geht dahin, durch eine Reformgesetzgebung den Komplex des Sexualstrafrechts ersatzlos zu streichen, die Inkriminierung jeglicher Sexualität also aufzuheben. […] Unsere Forderung nach Entkriminalisierung einvernehmlicher sexueller Handlungen ist in folgende Einzelforderungen aufzugliedern: die §§ 173, 174, 175, 176, 180, 182, 183a, 184, 184b, 184c sind ersatzlos zu streichen."

Explizit wurde von den Veranstaltern deutlichgemacht, dass hierüber die Vertreter der Parteien diskutieren sollten.

In einer umfangreichen Dokumentation aller Vorgänge um die Beethovenhallenveranstaltung wird dann berichtet: "Zu weitergehenden Änderungen (§174, 176 StGB) äußerte Verheugen sich persönlich recht positiv (er könne sich vorstellen, auf diese Vorschriften zu verzichten, wenn sichergestellt sei, dass weiterhin von Kindern nicht gewünschter Sex mit Strafe bedroht bliebe)."

Dies wird von anderen Teilnehmern/Zuhörern in verschieden Schwulenzeitungen ähnlich wiedergegeben. Die Zeitschrift "Don" schrieb 1980:

"Als schließlich Günter Verheugen für die F.D.P. in aller Form erklärte, sämtliche Punkte der 'Aktion 80' sozusagen 'unterschreiben' zu können, taten sich die Redakteure Talis, Selitsch und Reichelt zusammen und erklärten dem F.D.P-Vertreter, sie würden ihren Lesern als diesmal einzig wählbare Partei die F.D.P. empfehlen. Mit diesem Sieg in der Tasche zog Verheugen ab."

Zu diesen Forderungen der "Aktion 80" (eine gemeinsame Kampagne der vier Schwulenzeitschriften "Don", "du & ich", "Gay-Journal" und "him/applaus") gehörte, "dass die Paragrafen 174, 174 a und 174 b StGB vereinfacht, zusammengefasst und auf den Strafbegriff der sexuellen Nötigung beschränkt werden".

Wir erfahren von furchtbaren Grausamkeiten

Aber nehmen wir noch einen Rundbrief der Deutschen Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie selbst. "Die Angst, prominente F.D.P. - Politiker könnten nur der Version der 'AG § 175' zustimmen, ist - zumindest was die Äußerungen des Generalsekretärs Verheugen am 12.07.80 in Bonn anbelangt - unbegründet"; andernfalls wären "seine Äußerungen am 12.07.1980 schlicht Wahlkampfbetrug". Unterschrieben hat den Rundbrief übrigens Dagmar Döring.

Nochmals: Wir haben nie geschrieben, dass Verheugen ein Befürworter der Pädophilie war. Ich käme nie auf den Gedanken, dergleichen zu behaupten. Er (nicht die FDP) hat sich nach Lage der vorfindbaren Quellen für eine Revision auch der Paragrafen 174 und 176 ausgesprochen, wobei der Schutz der Kinder erhalten bleiben solle. Für einen solchen Vorschlag mochte er plausible Gründe gehabt haben, schließlich sind Bestimmungen des Strafrechts nicht immer geeignet, das, was damit intendiert wird, auch wirklich zu erreichen. Dann revidiert man. Ob das mit der Stellungnahme Verheugens, die von mehreren Personen damals gehört und von verschiedenen Zeitschriften wiedergegeben wurde, gemeint war, wissen wir nicht. Was wir wissen, ist: Dass die Zuhörer daraus aus unterschiedlichen Gründen politische Hoffnung schöpften.

Nur, wichtiger ist doch etwas ganz anderes: Die Diskussion, wie sie jetzt geführt wird, macht mich wirklich - wirklich - tieftraurig. Am Wochenende erhielt ich ein Schreiben von jemandem, der anonym bleiben möchte. Als erstes bedankt er sich für unser "Engagement gegen Kindermissbrauch". Er ist in einem Kinderheim aufgewachsen, dort wie andere Kinder unzählige Male sexuell missbraucht worden. Zum Schluss dieser abgrundtief beklemmenden Schilderungen schreibt er: "Alle Kinder, die damals in dem Heim sexuell missbraucht wurden, haben heute keine Familie, leben allein oder sind ganz einfach kaputt."

Darum geht es. Immer wieder erreichen uns in den letzten zwei Monaten solche Briefe, erfahren wir von furchtbaren Grausamkeiten. Es ist fast unerträglich. Derjenige, der die Kinder im oben genannten Heim misshandelt hat, war Mitglied im Bundesvorstand der DSAP. Hier finden wir die "Riesensauereien". Wir werden diese Leidensgeschichten der Kinder aufschreiben, mit aller Sensibilität. Wir werden auch über all diejenigen berichten, die die Kinder gequält haben.

Und ich habe keine Lust mehr, auf Presseanfragen zu antworten, die es für möglich halten, man mache dies alles aus "wahlpolitischen Motiven". Es widert mich an.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 149 Beiträge
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Seite 1
deutscherevolution00 15.08.2013
1.
ein Wort: gute Arbeit
kategorien 15.08.2013
2. Ausgezeichneter Artikel
Danke, wirklich. Einer der besten Artikel, die ich seit langem gelesen habe. Warum nicht mehr Historiker in den Zeitungen? Dann gäbe es eine echte Differenz zu den neuen digitalen Partizipationsmedien wie blogs, youtube und twitter, und einen ernsthaften und nicht bloß gossiphaften Grund, Zeitung zu lesen.
shatreng 15.08.2013
3. so ist das
Warum sich der herr von der fdp so aufregt, kann ich dahingehend verstehen, weil er weiss, dass die Mehrheit der Zeitungen und ihre Leser nicht in der Lage sind, differenziert zu denken und schreiben. Das ist aber nicht das Problem der Wissenschaft! Das sich der FDPler auch noch an die Springermedien wendet, ist bezeichnend, weiß er doch, dass dort die Undifferenziertesten und Hassprediger arbeiten und lesen.
aka-d-miker 15.08.2013
4. gewusst wie...
so geht's! BRAVO!!!
willgence 15.08.2013
5. Man darf das Geschehen nicht
aus dem historischen Kontext reißen. Die heutige Sensibilität und Empfindlichkeit gegenüber dem Thema Kindesmißbrauch gab es damals schlichtweg nicht. Das kann man im Nachhinein bemängeln, man kann es aber niemanden zum Vorwurf machen, bestimmte Sachverhalte vor 30 Jahren thematisiert zu haben. Davon sind natürlich keine Taten gedeckt, die schon damals Bestandteile des Strafrechts waren. Die Diskussionen damals haben letztendlich zu den heutigen Standpunkten in des Sache geführt. Wenn man heute rückwirkend alle Beteiligten (auch die der Gegenseite) abstraft, kommt irgendwann jede Diskussion zum erliegen, weil niemand ahnen kann, welche Meinungen oder Moralvorstellungen IN Dreißig Jahren dazu führen, wegen einer Meinungsäußerung an den Pranger gestellt zu werden. Und das im Wahlkampf zu thematisieren ist schlichtweg Ekel erregend!
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