S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Furzkissenwitze mit dem Papst

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Deutschland hat nicht nur ein Euro-, sondern auch ein Humorproblem. Sie glauben das nicht? Dann verbringen Sie mal einen Abend im Kabarett - oder schauen Sie in die aktuelle Ausgabe der "Titanic".

Reden wir aus gegebenem Anlass einmal über Humor und Politik. Der Papst hat das Satiremagazin "Titanic" verklagt, wie man nun weiß, weil er sich durch das aktuelle Titelbild in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sieht. Am Dienstag hat das Landgericht in Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen die Zeitschrift erlassen, die ihn unter der Überschrift "Halleluja im Vatikan - die undichte Stelle ist gefunden" mit befleckter Soutane als Inkontinenzopfer zeigte.

Jetzt kann man unter dem Gesichtspunkt der Aufmerksamkeitsökonomie lang und breit darüber debattieren, ob es vom Vatikan wirklich klug war, die Anwälte zu bemühen. Die "Titanic" (Auflage 99.000) findet die Beachtung natürlich großartig. Richtig unangenehm wäre es nur, wenn das Heft aus dem Handel genommen werden müsste, aber so weit wollte das Landgericht nicht gehen. Dann hätte es ja geheißen, die Meinungsfreiheit sei in Deutschland nicht mehr gesichert, und einem solchem Vorwurf will sich hierzulande kein Richter aussetzen, weder in Hamburg noch in Posemuckel. Jetzt dürfen nur keine weiteren Exemplare der Juli-Ausgabe mehr ausgeliefert werden: Mit dieser Entscheidung kann die Redaktion gut leben.

Das eigentlich Erstaunliche an dem Vorgang ist, dass es jemand komisch findet, den Papst mit Urinfleck abzubilden, beziehungsweise dass man mit solchem Pennälerhumor nicht nur Leser findet, sondern auch noch als Teil der kritischen Öffentlichkeit gilt. Tatsächlich ist ja kaum etwas vorhersehbarer als diese Form der augenzwinkernden Verächtlichmachung, die von allen umlaufenden Vorurteilen verlässlich das geläufigste bedient. Das Ganze gilt selbstverständlich als wahnsinnig subversiv, auch wenn das einzig Anstößige an der Nummer die Tatsache ist, dass in einem Land, das auf diesem Feld einmal Leute wie Kurt Tucholsky hervorgebracht hat, heute schon Furzkissenwitze als Satire gelten.

Bloß keine Späße über Humor

Die "Titanic" steht, wenn man so will, für ein umfassenderes Humorproblem. Irgendein Missverständnis hat vor Jahren für die Annahme gesorgt, dass der wahre Witz politisch sei. Seitdem stehen jeden Abend irgendwo in Deutschland Menschen auf der Bühne und machen Kabarett, wie diese Einrichtung zur humoristischen Volkserziehung heißt. Spätestens seit die Autoritäten gewechselt haben, also etwa seit Mitte der sechziger Jahre, wäre es angezeigt gewesen, den Kreis der Themen zu überdenken. Stattdessen schunkelt man sich lieber von einer erprobten Pointe zur nächsten und lacht über die vertrauten Pappkameraden: die böse Wirtschaft, die blöden Amis, die doofe CDU. Nun wäre gegen diese Butterfahrten der guten Laune nichts zu sagen, wenn einem dieses Dauer- und Einfaltsprogramm nicht ständig als Mittel der Aufklärung verkauft würde.

Es ist eigenartig, aber auf kaum etwas ist die Linke so stolz wie auf ihren Humor, wofür ihr ausgerechnet solche Spaßstätten wie die "Distel" oder die "Leipziger Pfeffermühle", die ihre angebliche Widerborstigkeit schon im Namen tragen, als Beweis gelten. Nichts bringt die Anhänger des SPD-Kabaretts so verlässlich aus dem Häuschen wie der offen geäußerte Verdacht, dass sie gar nicht so komisch sind, wie sie zu sein glauben. Man kann der Linken alles mögliche vorhalten: Stalin, die RAF, den Terror an der Mauer - nur an ihrer Humorkapazität sollte man tunlichst nicht zweifeln, dann setzt es sofort die allerwütendsten Reaktionen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Konservative sind sui generis nicht komischer, um auch diesem Missverständnis gleich zu begegnen. Aber sie stehen eben auch nicht laufend auf irgendwelchen Kleinkunstbühnen, um das Gegenteil zu beweisen, oder unterhalten lustige Satiremagazine.

Achtung Ironie

Der "Titanic"-Chefredakteur hat jetzt erklärt, der Papst habe das Titelblatt ganz falsch verstanden: Der nasse Fleck stamme von einem Glas Fanta, das sich Benedikt im Überschwang über die Soutane gekippt habe (hallo Ironie, hihihi). Außerdem, und da wurde der Mann für einen Augenblick ganz ernst, sei der Rahmen für Satire in Deutschland weit gesteckt. Ich gebe zu, dass ich an dieser Stelle kurz Sympathie für Martin Mosebach empfand, der sich kürzlich in einem Beitrag für die "Berliner Zeitung" wünschte, dass Gotteslästerung wieder etwas gefährlicher werden sollte.

Ich bin nicht katholisch genug, um mir wie Mosebach eine strengere Verfolgung der Blasphemie zurückzuwünschen. Aber wenn man als aufmüpfig gelten will, dann sollte man dabei einen Einsatz wagen - da hat er recht, wie ich finde. Wie wäre es also, liebe "Titanic"-Redaktion, beim nächsten Mal mit einer ordentlichen Mohammed-Karikatur? Vielleicht zum Anfang ein Bild des Propheten mit verschütteter Cola überm Rauschebart.

Dann müsstet ihr in eurem fidelen Studentenbuden-Gejuxe mal ausnahmsweise unter Beweis stellen, dass es euch wirklich ernst ist mit dem Einsatz für den Freiraum der Satire. Das könnte lustig werden. Echt.


P.S.: Auch in Frankfurt kennt man den Unterschied zwischen ein paar Witzchen über Moslembrüder und einer Beleidigung des Gesandten Allahs, bei dem nach islamischen Glauben schon die bildliche Darstellung verboten ist. So viel versteht man dort von Religion dann doch.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 367 Beiträge
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1. So viel zum Thema: Witze über den Islam
josephwurzel 12.07.2012
https://www.titanic-magazin.de/shop/images/default_shop/Religionen-Postkarte-gr.jpg
2. ...
deus-Lo-vult 12.07.2012
Zitat von sysopDeutschland hat nicht nur ein Euro-, sondern auch ein Humorproblem. Sie glauben das nicht? Dann verbringen Sie mal einen Abend im Kabarett - oder schauen Sie in die aktuelle Ausgabe der "Titanic". Papst gegen Titanic: Deutschland hat ein Humorproblem - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,843978,00.html)
Was ist denn jetzt passiert? Ich muss Herrn Fleischhauer unumwunden zustimmen! :O Danke für diesen Artikel!
3. optional
traurigewelt 12.07.2012
Herr Fleischhauer, bitte gehen sie auf die Seite der Titanic und suchen sie nach Mohammed. Dann sehen sie schon, dass ihr kompletter Beitrag auf Konservativem Unwissen und mangelnder recherche besteht. Außerdem lernen sie doch mal das Wort die Linke besser zu verwenden. Sie werfen alle Gesinnungen die Linker sind als die CDU(was ziemlich viele sind) in den Topf die Linke, und machen es bald zum unwort des jahres... Und wenn sie nicht das Wortspiel und die einfachheit der satire erkennen, sit das ihr problem aber ihre pseudo echauffierung können sie sich sparen
4.
Gebetsmühle 12.07.2012
Zitat von sysopDeutschland hat nicht nur ein Euro-, sondern auch ein Humorproblem. Sie glauben das nicht? Dann verbringen Sie mal einen Abend im Kabarett - oder schauen Sie in die aktuelle Ausgabe der "Titanic". Papst gegen Titanic: Deutschland hat ein Humorproblem - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,843978,00.html)
fleischauer hat wieder mal nicht begriffen, dass die satiremagazin der republik nicht für ihn gemacht werden, sondern für die aufgeklärte bevölkerung, die gern mal intelligente satire verkonsumiert. wie ich gehört habe ist das heft ausverkauft und soll ggf. nachgedruckt werden. lieber les ich 1000 titanic-hefte als einen 5-zeiler von fleischauer.
5. Schonmal
galens 12.07.2012
Öfters als einmal wurde eine Ausgabe der Zeitschrift Titanic aus dem Handel genommen,zum Beispiel das Heft mit dem Titelblatt"Wiedervereinigung ungültig,Kohl war gedopt". Woran man erkennt das der "Pennäler Humor" doch nicht so harmlos aufgefasst wird,wie jetzt erneut. Mir sind die Linken mit ihrem Humor lieber als die Konservativen ohne Humor.
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