Papst im Bundestag: Der Überraschungsgast

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Mahnende Worte, ironische Momente: Bei seinem Auftritt im Bundestag erntet Papst Benedikt XVI. Anerkennung von allen Seiten. Er redet den Politikern ins Gewissen und erfreut seine Kritiker von den Grünen mit einem Lob. Bei diesem Papst darf sogar gelacht werden.

REUTERS

Der Papst lächelt, als er den Plenarsaal betritt. In kleinen, vorsichtigen Schritten kommt er, gefolgt von Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Christian Wulff. Es wirkt, als taste er sich langsam vor auf diesem unbekannten Terrain, von dem er weiß, dass nicht alle ihn hier willkommen heißen. So muss er zunächst an den Plätzen der Fraktion der Linken vorbei, viele Stühle sind dort leer geblieben, aber die Abgeordneten, die gekommen sind, tun es den anderen im Saal gleich und erheben sich - die meisten spenden sogar vorsichtigen Applaus.

Der Empfang fällt also überraschend herzlich aus für den Heiligen Vater. Das mag ihn und viele Parlamentarier schon einmal beruhigen, schließlich ist der erste offizielle Besuch Benedikts XVI. in der Bundesrepublik bei aller zeremoniellen Harmonie schon im Vorfeld zum Politikum geworden. Der Papst ist einer von nur 13 ausländischen Staatsoberhäuptern, die bislang im deutschen Parlament reden durften. "Selten hat eine Rede in diesem Haus, noch bevor sie gehalten wurde, soviel Aufmerksamkeit und Interesse gefunden", bemerkt Bundestagspräsident Norbert Lammert zu Beginn seines Grußworts. Der Papst erfährt an diesem Tag viel Sympathie, und - bei aller Kritik an ihm - verströmt auch er Sympathie und gewinnt die Zuhörer für sich.

Wochenlang hatte die Diskussion darüber angehalten, ob das Oberhaupt der katholischen Kirche sein Wort im Haus der Volksvertreter erheben dürfe. Rund hundert Abgeordnete von SPD, Grünen und Linken erklärten zuvor, die Papstrede boykottieren zu wollen. Bei SPD und Grünen aber haben ehemalige Abgeordnete und Mitarbeiter die Reihen aufgefüllt, als der Heilige Vater unter der Kuppel Platz nimmt, vor Blumengestecken in Weiß und Gelb, den Farben des Vatikans. Die Sonne strahlt durch das gläserne Dach auf ihn herab.

22 Minuten Philosophie und Theologie

Der Begrüßung durch den Bundestagspräsidenten lauscht er fast regungslos, dann trippelt er nach vorne und nimmt erst einmal den falschen Weg in Richtung Präsidiumspodium. Hausherr Lammert eilt hinab und dreht ihn sanft zum Rednerpult, tritt im dabei versehentlich auf die Soutane - ohne Folgen. Leise und mit leicht brüchiger Stimme hält Benedikt XVI. dann seine mit Spannung erwartete Rede. 22 Minuten lauschen die Abgeordneten fast andächtig, nur ganz selten unterbrechen sie den Pontifex, um ihm Beifall zu spenden.

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Benedikt im Bundestag: Scherze, Applaus - und eine Panne
Es ist eine anspruchsvolle, philosophisch-theologisch gehaltene Ansprache, in der der Papst der Politik ins Gewissen redet. "Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen", sagt Benedikt XVI. Maßstab politischer Arbeit dürfe nicht "der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein". Er kritisiert die zunehmende Glaubensferne und Geringschätzung der Religion zugunsten des rein rationalen Denkens im Sinne der Naturwissenschaft. Natur und Schöpfung dürften nicht nur noch nach funktionalen Gesichtspunkten bewertet werden, mahnt der Papst, Ethos und Religion nicht außen vor bleiben. Eine "dramatische Situation", nennt Benedikt dies. Eine Denkweise, wo es nur um das Funktionieren gehe, gleiche Betonbauten ohne Fenster.

Ausgerechnet die Grünen, in deren Reihen viele den Besuch kritisch sehen, dürfen sich dann über ein überraschendes Lob freuen. Der Papst lobt die Ökobewegung der siebziger Jahre. Diese habe "zwar wohl nicht Fenster aufgerissen", aber sie sei "ein Schrei nach frischer Luft gewesen", sagt der Papst und fordert: "Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen."

Lob für die Öko-Bewegung

Die Grünen-Abgeordneten applaudieren - und werden wieder auf den Boden geholt. Nichts liege ihm ferner, als "Propaganda für eine bestimmte politische Partei" zu machen, sagt Benedikt und lächelt verschmitzt. Jetzt lachen und klatschen die Kollegen von der Union. An deren Adresse sind auch die Anspielungen auf die Debatten über Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik gerichtet. "Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren", sagt der Papst. "Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen." Wieder gibt es Applaus aus der konservativen Ecke.

"Er hat uns zu Herzen geredet"

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Am Ende klatschen wieder alle Abgeordneten. Auch die Kritiker, von denen viele sich eine rote Aids-Schleife oder Regenbogenfahnen an ihre Kleidung gesteckt haben, erheben sich wieder von ihren Plätzen. Besonders den christdemokratischen und christsozialen Parlamentariern ist die Begeisterung anzusehen. Ohnehin hat die CDU den Papstbesuch nach Kräften genutzt um das etwas angestaubte C im Parteinamen wieder aufzupolieren.

Doch vieles hat der Papst in seiner Rede eben auch nicht gesagt. Er hat kein Wort verloren zu Homosexuellen, kein Wort zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Kirche, kein Wort zur Haltung der Kirche Geschiedenen und Wiederverheirateten gegenüber.

Unmittelbar nach seiner Rede macht sich Benedikt der XVI. auch schon wieder auf den Weg in Richtung Berliner Olympiastadion zur Messe mit mehr als 70.000 Gläubigen. Es ist der erste wirklich öffentliche Teil der Papst-Visite. Im hermetisch abgeriegelten Regierungsviertel bekamen Neugierige den Pontifex den ganzen Tag fast nie zu Gesicht. Stattdessen stand die Politik im Mittelpunkt: Ein Treffen mit Bundespräsident Wulff und ein halbstündiges Vier-Augen-Gespräch mit der Kanzlerin. Zu der Privataudienz stieß am Ende auch noch Merkels Mann Joachim Sauer hinzu.

Abgeordnete auf der Gegendemo

Während sich viele katholische Abgeordnete nun vom Reichstagsgebäude in Bussen direkt auf den Weg ins Stadion machen, schließen sich andere noch den Tausenden Gegendemonstranten am Potsdamer Platz an. Manche, die die Papst-Rede im Parlament boykottiert haben, sind schon lange hier. Der Linken-Bundestagsgeordnete Jan Korte meint: "Ich glaube, dass ich hier auf der richtigen Veranstaltung bin."

Es gibt Transparente mit Sprüchen wie "Pope, go home" ("Papst, geh nach Hause)" oder "Keine Macht den Dogmen". Auch die mehrere Meter hohe Pappfigur einer Nonne ist zu sehen. In der einen Hand trägt die Nonne einen Stock, in der anderen ein Kreuz, auf ihrer Brust ist der Spruch "Nie wieder" zu lesen - unter Anspielung auf die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche." Drei Frauen sind in bunten Kostümen gekommen, die "Ganzkörperkondome" darstellen sollen. "Das Kondomverbot ist menschenfeindlich", sagt eine von ihnen, weil Präservative vor Geschlechtskrankheiten und Aids schützten.

Der Papst bekommt die Demonstranten nicht zu Gesicht. Zu den Protesten aber hat er sich zuvor schon gelassen geäußert. "Das ist normal in einer freien Gesellschaft", so der Papst. Dagegen sei nichts zu sagen, wenn man es denn auf zivile Weise tue.

Auf der Straße ist es bis zum frühen Abend friedlich. Und auch im Bundestag bleibt der befürchtete Eklat aus. Es werden weder Protest-Transparente ausgerollt noch wird die Rede von Zwischenrufen unterbrochen. Nur Grünen-Politiker Ströbele verlässt wenige Minuten nach den ersten Worten Benedikts demonstrativ den Plenarsaal. Seine Begründung: Der Applaus zu Beginn sei ihm "zu heftig" gewesen.

Mitarbeit: Florian Gathmann

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insgesamt 304 Beiträge
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1. Schade.
Meskiagkasher 22.09.2011
Die Gelegenheit Deutschlands, das richtige zu tun und diesen Mann in Haft zu nehmen und an Den-Haag auszuliefern , ist verstrichen. Wenn einer, gegen den vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" ein Verfahren angestrengt wird, vor dem Bundestag spricht, so zeigt das, wie schlimm die Lage in Deutschland tatsächlich schon ist. Haben wir echt nichts gelernt?
2. ....
chefkoch1 22.09.2011
Zitat von sysopMahnende Worte, ironische Momente: Bei seinem Auftritt im Bundestag erntet Papst Benedikt XVI. Anerkennung von allen Seiten. Er redet den Politikern ins Gewissen und*erfreut seine Kritiker von den Grünen mit einem Lob. Bei diesem Papst darf sogar gelacht werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,787836,00.html
Ich finde es generell bedenklich einzelnen Personen derart übergeordnete Rollen zu übertragen. Seine Rede ist letztlich derart unverbindlich, dass niemand - schon gar kein anwesender Politker - Angst um sein Gewissen haben muss. Alle schwerwiegende Problemfleder der Kirche blieben unausgesprochen.
3. .............................
Tommi16 22.09.2011
Zitat von sysopMahnende Worte, ironische Momente: Bei seinem Auftritt im Bundestag erntet Papst Benedikt XVI. Anerkennung von allen Seiten. Er redet den Politikern ins Gewissen und*erfreut seine Kritiker von den Grünen mit einem Lob. Bei diesem Papst darf sogar gelacht werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,787836,00.html
Ehrlich, tolle Show, die Rede sehr gut, wenn man sich mit dem christilichen Glauben im Einklang befindet. Leider 2 "Aber": die Rede ist "Perlen vor die Säue geworfen", vielleicht haben die meisten die Rede noch verstanden, aber beherzigen werden sie sie nicht (Können). Der Versuch, die Ökologie auf christliche Gsben zurückzuführen, ähnelt sehr den Reden der Kreatinisten. Aber der Mann hat was.
4. Hier könnte Ihre Werbung nicht
ArnoNym 22.09.2011
Zitat von sysopMahnende Worte, ironische Momente: Bei seinem Auftritt im Bundestag erntet Papst Benedikt XVI. Anerkennung von allen Seiten.
Ein Cleverle ist er ja schon. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß seine antiquierte Welteinstellung nicht mehr mehrheitsfähig ist - glücklicherweise.
5. Hm, viel Aufregung
ChristianBW 22.09.2011
..."Nur Grünen-Politiker Ströbele verlässt wenige Minuten nach den ersten Worten Benedikts demonstrativ den Plenarsaal. Seine Begründung: Der Applaus zu Beginn sei ihm "zu heftig" gewesen.",,,,, Ich bin nicht katholisch und besonders gläubig oder ein großer Papst-Fan, aber Herr Ströbele hat sich meiner Meinung nach ziemlich respekt- und würdelos benommen. Wäre er doch besser gleich ganz fern geblieben. Ziemlich wenig Toleranz
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