Papst in der Defensive: Piusbrüder schalten auf stur

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Der Vatikan macht Druck, der Staatsanwalt ermittelt, Kritik kommt von allen Seiten - doch die Piusbrüder fallen mit neuen Provokationen auf. Die Kirche hat ein Problem: Wie kann sie der Affäre Herr werden, und über welche Druckmittel verfügt der Papst überhaupt noch?

Berlin/Hamburg/München - Der Anwalt gibt sich zahm. Einen romanischen, ultramontanen Katholizismus zu leben - darum gehe es den Piusbrüdern, sagt Maximilian Krah. Er klagt: "In der jetzigen Berichterstattung finde ich die Bruderschaft, die ich kennengelernt habe, nicht wieder." Richard Williamson? Der sei kein prototypischer Bruder, sagt Krah. Nein, wirklich nicht.

Papst Benedikt XVI., umstrittener Pius-Bischof Williamson: "
REUTERS

Papst Benedikt XVI., umstrittener Pius-Bischof Williamson: "

Piusbruder Williamson ist jener notorische Holocaust-Leugner, den Papst Benedikt XVI. zusammen mit drei anderen exkommunizierten Bischöfen der Gruppierung wieder in die Kirche aufgenommen hat. Rechtsanwalt Krah vertritt Williamson - sowie die gesamte Piusbruderschaft in Deutschland. Und er sendet verbal die Signale, die seine Mandanten jetzt eigentlich selbst senden müssten: versöhnlich, mäßigend, um Verständnis bittend. Seit der Vatikan am Mittwoch Williamson zum Widerruf seiner Holocaust-Thesen aufgerufen und damit auch den Druck auf die Piusbrüder erhöht hat, sollte man vermuten, dass das der neue Grundton der Radikalkonservativen ist.

Ist es aber nicht.

Der Distriktobere Pater Franz Schmidberger aus der deutschen Pius-Zentrale meldete sich im SWR zu Wort. Erst wies er die Kritik von Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel am Papst wegen der Williamson-Affäre zurück: "Sie versteht das nicht, sie ist ja auch nicht katholisch." Dann widmete er sich dem islamischen Propheten Mohammed. Der habe "mit einem Mädchen geschlechtlichen Umgang gepflegt, mit acht oder neun Jahren", sagte Schmidberger laut Vorabmitteilung des Senders. "Das bezeichnet man nach der heutigen Terminologie tatsächlich als Kinderschänder. Aber ich möchte mich darauf nicht festlegen, ich habe das nicht speziell studiert", wird er weiter zitiert.

Eine arg einseitige Sicht der Prophetenbiografie kam da zum Ausdruck, die wissenschaftlich wirklich höchst umstritten ist - die man vor einem Jahr aber zum Beispiel schon bei einer Politikerin der rechtspopulistischen FPÖ in Österreich bestaunen durfte. Dialog der Religionen sieht anders aus. Darum allerdings geht es Schmidberger offenbar nicht wirklich, denn er distanzierte sich gleich auch noch vom gleichberechtigten Umgang mit dem Judentum: "Christus hat seine Apostel ausdrücklich hinausgesandt in alle Welt, um alle Völker, einschließlich der Juden, eben zu ihm zu bekehren."

Schmidberger ging zwar auf Abstand zu Williamsons Äußerungen - sagte aber, der Holocaust-Leugner könne weiterhin Glaubensbruder sein: "Solange er die katholischen Dogmen anerkennt, ja natürlich". Die Rehabilitation der vier Piusbrüder? "Dringend notwendig, denn der Glaube ist sehr, sehr verwässert, und wir leben in einer neuheidnischen Gesellschaft."

Dass sich die Piusbrüder im Kampf für ihre Glaubensvorstellungen nur begrenzt den Wünschen des Papstes unterordnen - auch das wurde an diesem Donnerstag deutlich. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtete, dass der Generalobere der Piusbruderschaft, der Schweizer Bischof Bernhard Fellay, am vergangenen Sonntag angehenden Geistlichen sogenannte niedere Weihen gespendet haben soll.

Das Problem dabei: Fellay ist - wie Williamson - einer der vier gerade wieder in die Kirche Zurückgeholten. Als Bischöfe sind sie weiterhin suspendiert. Ihnen ist es vom Vatikan untersagt, liturgische Handlungen vorzunehmen oder Sakramente zu erteilen.

Reicht die Widerrufsaufforderung des Papstes?

Für Ende Juni soll dem Bericht zufolge schon der nächste Termin für Priesterweihen angesetzt sein. Einen Akt "bewussten Ungehorsams gegen die Autorität des Papstes" nannte das der Trierer Kirchenrechtler Peter Krämer in der Zeitung - und berührte damit die zentrale Frage, die sich dem Vatikan und den Kritikern der Piusbrüder jetzt stellt: Ist die Affäre durch die päpstliche Widerrufsforderung an Williamson wirklich unter Kontrolle zu bekommen?

Angela Merkel, die den Vatikan mit ihrer öffentlichen Kritik an Benedikt XVI. enorm unter Druck gesetzt hatte, nannte die Aufforderung inzwischen ein wichtiges Signal: "Das macht deutlich, dass eine Leugnung des Holocaust niemals ohne Folgen im Raum stehen bleiben kann." Doch manchen ist das zu wenig.

Die Erklärung des Vatikan reiche nicht, sagt zum Beispiel Grünen-Chefin Claudia Roth SPIEGEL ONLINE. Es müsse unmissverständlich klargestellt werden, "dass der wiederholte Holocaust-Leugner Williamson und die antidemokratische, erzreaktionäre Piusbruderschaft in der katholischen Kirche nichts zu suchen haben", verlangt sie - und trifft dabei einen Nerv. Auch der Zentralrat der Juden verlangt eine vollständige Abkehr der Kirche von der Bruderschaft.

Der Papst und die Piusbruderschaft
Papst
Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt . Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave , einer Versammlung von Kardinälen , auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom .
Römische Kurie
Die wichtigste politische Einrichtung der römischen Kurie ist das Staatssekretariat , das die gesamte Tätigkeit der Kurie und der außenpolitischen Beziehungen des Heiligen Stuhls koordiniert. Es ist in zwei Abteilungen – eine Art Innen- und ein Außenministerium – gegliedert. Beide leitet der Kardinalstaatssekretär – derzeit Tarcisio Bertone . Er wird vom Papst eingesetzt.
Die höchsten Verwaltungsbehörden sind die neun Kurienkongregationen , die nach Sachgebieten gegliedert sind – so gibt es eine für die Glaubenslehre, eine für Gottesdienst und die Sakramente, eine für die Ostkirchen, eine für die Mission etc.
Zur Kurie gehören auch drei Gerichtshöfe für katholisches Kirchenrecht: der Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur , die Apostolische Pönitentiarie und die Rota Romana .
Außerdem setzt der Heilige Stuhl Päpstliche Räte ein, die keine Regierungsfunktion haben, sondern der Information und der Kontaktpflege auf verschiedenen Gebieten dienen. So befasst sich ein Päpstlicher Rat mit den Laien, einer mit der Einheit der Christen, der Interpretation von Gesetzestexten usw.
Ämter der Kurie sind die Apostolische Kammer , die Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und die Präfektur für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls .
Mit der römischen Kurie verbunden sind verschiedene Institutionen, darunter das Vatikanische Archiv , die Vatikanische Bibliothek und Radio Vatikan .
Piusbrüder
Die Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche . Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt Religionsfreiheit und Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum Schisma . Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation auf.
Antisemitismus
Leitende Brüder der konservativen Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden kollektiv schuld am "Gottesmord" , der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des Antisemitismus .
Indem Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof Richard Williamson : Er hatte in einem TV-Interview den Holocaust und die Existenz von Gaskammern geleugnet.

Die Affäre ist für den Vatikan schon deshalb nicht ausgestanden, weil die bayerische Justiz seit dem 23. Januar wegen des Verdachts auf Volksverhetzung gegen Williamson ermittelt. Ihm droht nach deutschem Recht eine Geld- oder Haftstrafe - und sein Rechtsanwalt Krah wird sich dagegen wehren. Er argumentiert mit den Rahmenbedingungen des inzwischen berühmten Interviews, in dem Williamson den Holocaust leugnete. "Wer von einem schwedischen Fernsehsender auf Englisch interviewt wird, kann nicht automatisch davon ausgehen, dass das Interview in Deutschland ausgestrahlt wird", sagt Krah SPIEGEL ONLINE. Eine Veröffentlichung in Deutschland sei nach Absprache mit den beiden Journalisten nicht geplant gewesen - was die beiden TV-Reporter Lars-Göran Svensson und Ali Fegan anders sehen: "Es gab definitiv keinerlei Absprache mit Williamson, wann und wo das Interview veröffentlicht wird", entgegnen sie.

Krah hat am Landgericht Nürnberg einen Antrag gestellt, dass der schwedische Sender SVT das Interview von seiner Homepage nehmen muss. Die Kammer für Urheberrechtsstreitigkeiten werde in diesen Tagen darüber entscheiden, sagt der Anwalt.

Piusbrüder sollen Williamson Druck gemacht haben

Er führt an, dass sein Mandant "nach meiner Überzeugung nicht mit Vorsatz gehandelt hat. Juristisch gesehen kann er daher nicht belangt werden. Wenngleich die Beurteilung dessen, was er gesagt hat, eindeutig ist". Der Anwalt behauptet, das habe Williamson sogar eingesehen. In der Einlassung, die er im Auftrag des Bischofs dem Leitenden Oberstaatsanwalt Günther Ruckdäschel vorgelegt hat, habe Williamson zugegeben, dass "das Ausmaß am Judenmord verharmlost wurde".

Aus der Piusbruderschaft selbst dringt nach außen, dass der Bischof womöglich aus den eigenen Rehen Druck bekommen hat. Dem umstrittenen Mitbruder soll angeblich ein Ultimatum gesetzt worden sein, um die antisemitischen Äußerungen zu revidieren, heißt es von Insidern - ansonsten sei das Ende seiner Karriere bereits ausgemacht: Abschiebung in irgendein trostloses Kloster. Angeblich soll es schon kurz nach der Veröffentlichung des Interviews hinter den Klostermauern der Piusbruderschaft zum großen Showdown gekommen sein.

Offiziell ist von derlei Aktionen allerdings nichts bekannt. Im Gegenteil. Der Generalobere Fellay schickte am 21. Januar wenige Minuten vor Ausstrahlung des Interviews ein Fax an den Sender SVT und griff seinerseits die Reporter an: "Es ist schändlich, ein Interview über religiöse Angelegenheiten zu benutzen, um darin kontroverse Fragen anzuschneiden mit dem Ziel, die Tätigkeit unserer religiösen Gemeinschaft zu verleumden", schrieb er.

Welches Druckmittel hat der Vatikan überhaupt?

Genau solche Sätze sind es, die Zweifel an der Einsicht in die Tiefe des Problems schüren - und die Frage aufwerfen, welche Druckmittel dem Vatikan eigentlich bleiben, wenn sich Williamson oder die Piusbruderschaft weiter widerspenstig zeigen.

Wenn er die Holocaust-Leugnung nicht widerrufe, könne er seine "bischöflichen Funktionen" nicht zurückerhalten: Das war die Drohung des Vatikans an den Bischof. Sie ist allerdings hohl. Denn seine bischöflichen Funktionen hatte Williamson einst verloren, ohne dass Äußerungen zum Holocaust dabei eine Rolle gespielt hätten - den Zusammenhang gibt es nicht.

Der katholische Theologe Hans Küng hat eine neuerliche Exkommunikation als Mittel ins Spiel gebracht. "Das wäre eine klare Position", sagte er dem Fernsehsender N24. Allerdings kann Williamson nicht wegen seiner Äußerungen zum Holocaust der Kirche verwiesen werden, denn "das Leugnen historischer Fakten stellt juristisch keinen Grund für eine Exkommunikation dar", sagt Monica Herghelegiu, Dozentin für katholisches Kirchenrecht an der Universität Tübingen. Zu bestrafen sind dagegen nach dem Kodex des kanonischen Rechts zum Beispiel die Verletzung des Beichtgeheimnisses durch den Beichtvater, der Schwangerschaftsabbruch, jegliche "Straftaten gegen die Religion und die Einheit der Kirche" - Letzteres ist zum Beispiel der Hebel, um Schismatiker zu exkommunizieren.

Genau dies geschah 1988 mit Williamson und seinen drei Mitstreitern. Weil sie sich ohne Einverständnis des Papstes zu Bischöfen hatten weihen lassen, machten sie sich zu Spaltern. Sie erkannten sein Vorrecht nicht an. Benedikt XVI. nahm diese Exkommunikation deshalb zurück, weil die Verstoßenen in einem Brief an den Vatikan versicherten, sie glaubten nun doch "fest an den Primat Petri und an seine besondere Stellung".

Nur eine Chance zur Exkommunikation

Juristisch habe der Vatikan damit korrekt gehandelt und sich abgesichert, sagt Kirchenrechtlerin Herghelegiu SPIEGEL ONLINE - allerdings sei das Ergebnis "eine politische Katastrophe". Benedikt XVI. sei ein "81-jähriger brillanter Dogmatiker aus dem tiefen Bayern", er sei in festen Denkstrukturen verhaftet.

Die Expertin sieht nur eine Möglichkeit zur neuerlichen Exkommunikation der Piusbrüder: Den Umstand, dass die Gruppierung das Zweite Vatikanische Konzil nicht anerkennt, in dem sich die katholische Kirche zum Beispiel für Religionsfreiheit ausgesprochen hat.

In der vatikanischen Widerrufsforderung an Williamson heißt es recht schwach: "Für eine künftige Anerkennung der Bruderschaft St. Pius ist eine eindeutige Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils selbst unabdinglich." Von Exkommunikation kein Wort - dabei erfülle die Ablehnung des Vaticanum II den Tatbestand der Häresie nach dem Kodex des kanonischen Rechts, sagt Expertin Herghelegiu. "Das wäre also ein neuer Fall."

Hier kommt die Bischofskongregation ins Spiel. Um ihre Suspendierung vom Bischofsamt rückgängig zu machen, müssen sich Williamson und seine drei Mitstreiter dieser zentralen römischen Behörde stellen. Die Kongregation kann Bedingungen stellen – "und eine davon muss die Anerkennung des Vaticanum II sein", sagt Herghelegiu. "Lehnen die vier ab, muss man sie konsequenterweise ein zweites Mal exkommunizieren."

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