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Rechte Reaktionen auf Paris: Aufstand der Angsthasen

Ein Kommentar von

Der politischen Rechten Deutschlands scheinen im Angesicht der Anschläge von Paris sämtliche Sicherungen durchzuschmoren. Möchte man keinen Zynismus unterstellen, bleibt als Motiv nur Angst. Ängste aber sind am besten beim Therapeuten aufgehoben.

Als mitfühlender Mensch muss man sich zwangsläufig Sorgen machen um die psychische Verfassung der politischen Rechten in Deutschland. Früher zeichnete viele Konservative ihr kühler, nüchterner Blick auf die Gesellschaft und deren Probleme aus. Früher waren es eher die Linken im Lande, die schnell emotional wurden, die in der politischen Auseinandersetzung hyperventilierten, statt den Verstand zu bemühen. Es scheint ein Rollentausch stattgefunden zu haben.

Die schrecklichen Anschläge von Paris haben nichts mit dem aktuellen Flüchtlingsandrang nach Deutschland und Europa zu tun. Trotzdem werden rechts von der Mitte plötzlich Zusammenhänge erkannt, die nur die Ängstlichen erkennen. Man könnte auch von Verschwörungstheorien sprechen. Auch die waren lange Zeit eine Spezialität der Linken.

Alle Sicherungen durchgeschmort

Konservative Publizisten und Millionen Internetteilnehmer haben das vergangene Wochenende genutzt, aus den aktuellen Flüchtlingszahlen eine vom Terror geprägte Zukunft zu heraufzubeschwören. Ihre Verbündeten aus der (traditionell eher zivilisierten) CSU und der (lange schon vulgären) AfD taten es ihnen gleich. "Es beginnt eine neue Ära", raunte CSU-Mann Markus Söder. "Die Zeit unkontrollierter Zuwanderung und illegaler Einwanderung kann so nicht weitergehen. Paris ändert alles." Alexander Gauland, Söders Kollege von der AfD, sprach derweil angstergriffen von den "Horden junger Männer, gut gekleidet, durchtrainiert, frisch frisiert, die da an den Hauptbahnhöfen aus den Zügen sprangen".

Noch einen Tick hemmungsloser drückten sich ihre Brüder im Geiste aus. "Die hierher kommen, bringen den Terror ins Land", schrieb Pegida-Gründer Lutz Bachmann, der an diesem Montagabend mit all den anderen Ängstlichen wieder durch Dresden stapfen wird. "Ich könnte jetzt sagen, Sie, Frau Merkel, Herr Gabriel (…) und die gesamte verantwortliche Politik von Deutschland, haben in Paris mitgeschossen und mitgebombt!"

Auf der politischen Rechten des Landes scheinen im Angesicht dieser Tage sämtliche Sicherungen durchzuschmoren. Da man niemandem Zynismus unterstellen sollte, bleibt als Motiv nur Angst übrig. Ängste aber sind am besten beim Therapeuten aufgehoben. In der Politik funktioniert es besser mit Fakten und einem kühlen Kopf. Gerade in Ausnahmesituationen führen Angsthandlungen meist zu noch größeren Krisen und Bedrohungen. Die Kriege in Afghanistan und im Irak etwa, beide Antworten auf die Anschläge des 11. September, haben die Welt unsicherer gemacht. Das Erstarken des "Islamischen Staats", der hinter den Anschlägen des 13. November steckt, ist auch dem Zerfall staatlicher Strukturen im Irak geschuldet.

Fotostrecke

14  Bilder
Fotostrecke: Paris nach den Terroranschlägen
Nun zu den Fakten. Die Zahl der Straftaten durch Zuwanderer in Deutschland hat im Vergleich zur signifikant ansteigenden Zahl von Asylbewerbern kaum zugenommen, teilte das Bundesinnenministerium am Freitag mit. Die Straftaten gegen Asylbewerber und Asylbewerbereinrichtungen sind hingegen "quantitativ und qualitativ stark angestiegen".

Auch wenn einer der Terroristen über die Balkanroute nach Paris gereist sein sollte: Fakt ist auch, dass die Attentäter keine Flüchtlingskrise brauchten, um auf europäischen Boden zu gelangen - genau wie Mohammed Atta oder die "Charlie Hebdo"-Attentäter keine Flüchtlingskrise brauchten. Wenn es ein Versagen der Politik gab, dann bestand es darin, dass sie diese Menschen in Banlieues oder Vorstadtgettos sich selbst überlassen haben.

Zu den Wahrheiten gehört auch, dass, wer Angst vor der Radikalisierung junger muslimischer Männer hat, jetzt keinesfalls den Familiennachzug syrischer Flüchtlinge stoppen sollte - worin viele in der Union jetzt die Lösung sehen. Es ist richtig, dass unter den Flüchtlingen viele junge Männer aus dem Irak und Syrien sind, die meisten Familienväter, die vorauseilten, um ihren Frauen und Kindern die Mühen der Balkanroute zu ersparen. Das würde jeder Mann so machen, der mit seiner Familie in einem Bürgerkrieg festsitzt und dort dieselben Barbaren fürchtet, die nun in Paris gewütet haben. Nichts ist gefährlicher als junge Männer, die Liege an Liege mit anderen jungen Männern in Aufnahmeeinrichtungen hocken und ihren Frauen und Kindern nachtrauern.

Eine Reaktion im Sinne des IS

Es ist schon paradox, dass ausgerechnet die ängstlichen Islamfeinde in Deutschland den islamistischen Terroristen derart in die Falle tappen - und exakt so reagieren, wie die ruchlosen Menschenfeinde es beabsichtigen. Es gehört zu den Zielen des IS, dass sich Muslime in Europa ausgegrenzt und stigmatisiert fühlen, weil es so wahrscheinlicher wird, sie eines Tages zu rekrutieren. Wollen wir den Dschihadisten ein Schnippchen schlagen, müssen wir die Willkommenskultur gerade jetzt beibehalten und so viel in die Integration dieser Flüchtlinge investieren, damit diese für die Radikalen unerreichbar bleiben.

Den größten Gefallen täten wir den Terroristen, wenn wir unsere Freiheit nun selbst einschränken. Wenn wir unsere Grenzen schließen, unsere Humanität verraten, unsere Toleranz, das Grundrecht auf Asyl und all die anderen zivilisatorischen Errungenschaften. Wenn wir so werden, wie wir nie sein wollten.

Zum Autor
Maurice Weiss
Markus Feldenkirchen ist politischer Autor des SPIEGEL in Berlin und leitet das Meinungsressort.

E-Mail: Markus_Feldenkirchen@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 181 Beiträge
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1. Wirklich?
Robert_Rostock 16.11.2015
---Zitat--- Es ist richtig, dass unter den Flüchtlingen viele junge Männer aus Irak und Syrien sind, die meisten Familienväter, die vorauseilten, um ihren Frauen und Kindern die Mühen der Balkanroute zu ersparen. Das würde jeder Mann so machen, der mit seiner Familie in einem Bürgerkrieg festsitzt und dort dieselben Barbaren fürchtet, die nun in Paris gewütet haben. ---Zitatende--- Wirklich? Sie würden Ihre Familie dort im Bombenhagel, in unmittelbarer Gefahr sitzenlassen und sich erstmal auf eine wochenlange Reise begeben? Ich würde erstmal alles, aber auch wirklich alles unternehmen, meine Liebsten aus der unmittelbaren Gefahrenzone herauszubringen.
2. Niemals
angelobonn 16.11.2015
Der Autor meint allen Ernstes: "Das würde jeder Mann so machen, der mit seiner Familie in einem Bürgerkrieg festsitzt und dort dieselben Barbaren fürchtet, die nun in Paris gewütet haben." Er möge bitte nur für sich sprechen. Ich würde meine Frau und mein Kind NIEMALS alleine in einem Bürgerkriegsland zurücklassen, in dem Barbaren ihr Unwesen treiben.
3. Ich finde
!!!Fovea!!! 16.11.2015
es beschämend, dass man sich über die "Ängste" anderer lustig macht, in dem man die zum Therapeuten schicken will. Andersherum ist es aber richtig Angst zu haben, wenn man, wie der SPON ausführlich berichtete, wenn die Polizei Autos mutmaßlicher Verbrecher kontrolliert und diese unbehelligt weiterfahren lässt. Oder seit Jahren Terroristen auf den Fahndungslisten stehen hat, deren Wohnorte kennt und nichts macht. Auf einmal soll man dann nach einem verheerendem Attentat die Aufklärungsarbeit loben, wenn das berühmte "Kind schon ins Wasser gefallen ist"? Nein, solch ein Artikel reiner Populismus. Es ist geradezu beschämend, die Anschläge zu verharmlosen und diese als Paranoia der Rechten abzutun. Die Polizei in Frankreich hat geschlafen. So einfach ist das. Da passiert so ein massiver Anschlag, keiner will was gewusst haben und auf einmal werden diverse Terrorzellen ausgehoben, auf einmal finden sich diverse Infos über Waffen u.a., wer glaubt den sowas?? Ich nicht, und da soll man kein Mitglied einer Verschwörungstheorie werden. Es ist armselig, wie Polizei und Staat den normal mündigen Bürger an der Nase herumführen will. Nicht nur in Deutschland.
4. Endlich!
Rassek 16.11.2015
Sachlich und sehr gut zusammengefasst.
5.
Robert_Rostock 16.11.2015
---Zitat--- Es gehört zu den Zielen des IS, dass sich Muslime in Europa ausgegrenzt und stigmatisiert fühlen, weil es so wahrscheinlicher wird, sie eines Tages zu rekrutieren. ---Zitatende--- Und genau darin unterstützen wir jetzt den IS, weil es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gelingen wird, den Hunderttausenden Flüchtlingen in angemessener Zeit auch nur halbwegs angemessene Unterkünfte, Sprachkurse, geschweige denn gut bezahlte Jobs zur Verfügung zu stellen. Sprich: Wir organisieren genau die unzufriedenen, sich ausgegrenzt fühlenden Menschen.
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Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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