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Zugriff im Sauerland: Generalbundesanwalt ermittelt gegen möglichen Paris-Mitwisser

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Flüchtlingsunterkunft in Arnsberg: "Ganz Frankreich wird schockiert sein"

Wenige Tage vor dem Terror von Paris kündigt ein Asylbewerber im Sauerland vor Mitbewohnern einen Anschlag an. Jetzt sitzt Abd El Hamid B. in Untersuchungshaft, der Generalbundesanwalt ermittelt. Ist der Algerier Mitwisser oder Wichtigtuer?

Sonntagabend, fünf Tage vor den Anschlägen von Paris: In einer Flüchtlingsunterkunft im nordrhein-westfälischen Arnsberg unterhalten sich drei Männer. Da sagt einer von ihnen, der Algerier Abd El Hamid B.: "Kennt ihr Paris, die Hauptstadt von Frankreich? In ein paar Tagen werdet ihr hören, was in Paris passiert ist. Eine große Bombe wird explodieren. Ganz Frankreich wird schockiert sein." So jedenfalls schildern die Syrer A. und A. die Unterhaltung später der Polizei.

Doch zunächst geschieht nichts. Erst nach den Anschlägen von Paris wenden sich die beiden Zeugen an den Leiter des Asylbewerberheims. "Die haben das zunächst für eine Spinnerei gehalten", sagt Hans Wulf. Den Schilderungen der Syrer zufolge habe B. am Sonntag davon gesprochen, dass "in Frankreich und in Paris etwas Schreckliches" passieren werde. Die Einrichtung habe dann die Polizei informiert, die den "nicht ganz einfachen" B. festgenommen habe, so Wulf.

Auch den Staatsschützern im Dortmunder Präsidium gegenüber tritt B. unfreundlich und aggressiv auf, wie die Beamten notieren. Der Algerier sagt, er hasse Frankreich, die dortige Polizei habe ihn zweimal angeschossen, er sei aber kein Terrorist und habe nichts von Bomben gewusst. Er habe sich bloß wichtig machen wollen. Doch wenn sie ihn einsperrten, droht B., werde etwas Schreckliches geschehen. Die Polizisten sperren ihn trotzdem ein.

Spinnerei oder Hintergrundwissen?

Die Staatsanwaltschaft Arnsberg erwirkt einen Haftbefehl wegen des dringenden Verdachts der Nichtanzeige geplanter Straftaten. "Die Ankündigung der Anschläge passte von der Zeit her. Wir müssen nun prüfen, ob es sich um eine Spinnerei oder um eine Information mit tatsächlichem Hintergrundwissen handelt", so Oberstaatsanwalt Werner Wolff vor einigen Tagen. Am Donnerstag übernimmt dann die Bundesanwaltschaft das Verfahren. Ein Sprecher der Karlsruher Behörde äußert sich am Freitag auf Anfrage nicht zu den laufenden Ermittlungen.

Dass Terrorverfahren auf der Grundlage des Paragrafen 138 ("Nichtanzeige geplanter Straftaten") geführt werden, ist ein eher ungewöhnlicher Vorgang. Er deutet jedoch darauf hin, dass die entscheidende Frage, ob B. tatsächlich von den Pariser Anschlägen wusste, am Ende womöglich zu verneinen sein wird. "Wir gehen mit aller gebotenen Ruhe und Sachlichkeit vor", sagt ein Staatsschützer. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) teilte mit, es müsse genau geprüft werden, ob es sich bei B. um einen Mitwisser oder Mittäter handele.

Die europäischen Sicherheitsbehörden stehen derzeit unter enormem Druck. Kein Beamter will sich am Ende den Vorwürfen aussetzen, Hinweise auf mögliche Mitverschwörer ignoriert zu haben.

Der SWR berichtet zudem, hinter einem Schrank in dem Arnsberger Quartier des Verdächtigen B. sei ein Papier mit der handschriftlichen Notiz "Ali Baba 13.11. Paris" entdeckt worden. Dem Sender zufolge darf der Algerier auch wegen eines bestehenden Einreiseverbots das französische Staatsgebiet schon seit längerer Zeit nicht mehr betreten. Die Hintergründe dessen sind unklar.

Überhaupt haben die Behörden noch arge Probleme damit, B. richtig einzuschätzen. Selbst der Leiter der Arnsberger Flüchtlingsunterkunft tut sich mit einer Beurteilung des Algeriers schwer: "Da gibt es eine Sprachbarriere", so Hans Wulf. "Wir bekommen das ja immer aus dem Arabischen ins Englische übersetzt, was die Bewohner sagen."

Mit Material von dpa

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