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Parteien: "In der Linken steckt sehr viel SED"

Erst SED, dann PDS, später Linkspartei und jetzt Die Linke: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Historiker Hubertus Knabe, warum er die Metamorphosen der Genossen für einen PR-Trick hält - und warum er sogar an der demokratischen Gesinnung von Parteichef Lafontaine zweifelt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Knabe, Ihr neues Buch zur Linken trägt den Titel "Honeckers Erben - Die Wahrheit über Die Linke". Das klingt nach Enthüllung. Worauf wollen Sie hinaus?

Knabe: In der Linken steckt nach 19 Jahren deutscher Einheit viel mehr SED als den meisten Leuten bekannt ist. Mehr als die Hälfte der Parteimitglieder gehörte bereits der SED an, Ko-Parteichef Lothar Bisky ist schon zu Zeiten von Walter Ulbricht der Partei beigetreten, ebenso Fraktionschef Gregor Gysi. Insbesondere im Osten Deutschlands bilden alte Parteigänger der DDR-Diktaturpartei einen Großteil ihrer Mitgliedschaft.

SPIEGEL ONLINE: Selbst von politischen Gegnern hört man inzwischen versöhnlichere Töne, etwa von der SPD: Es bringe nichts, die Mitglieder der Linken für die nächsten 200 Jahre zu exkommunizieren, sagte SPD-Chef Franz Müntefering.

Knabe: Wir reden ja nicht von den nächsten 200 Jahren, sondern von den nächsten zwei, fünf oder zehn Jahren. Solange die Verantwortlichen für die SED-Diktatur noch leben - und auch die Opfer, die unter ihnen gelitten haben - hat es einen merkwürdigen Beigeschmack, wenn diese Leute wieder an die Macht drängen. Ich finde es bedenklich, dass manche Sozialdemokraten ihnen dabei offensichtlich behilflich sein wollen.

SPIEGEL ONLINE: Tun sie das? Eine Zusammenarbeit mit der Linken auf Bundesebene schließt Müntefering doch unmissverständlich aus.

Knabe: Wer mag darauf noch wetten. Seit sich die damalige hessische SPD-Chefin Andrea Ypsilanti mit Hilfe der Linken zur Regierungschefin wählen lassen wollte, obwohl sie dies vor der Landtagswahl ausgeschlossen hatte, muss man machthungrigen Politikern ziemlich viel zutrauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von der Gefahr einer "neuen Diktatur", sollten Kernforderungen der Linken Realität werden. Das klingt nach Alarmismus. Was führt Sie zu dieser Einschätzung?

Knabe: Die Linke will den Sozialismus in Deutschland errichten. Damit haben wir einschlägige Erfahrungen. Sie beruft sich zudem auf den Marxismus und Rosa Luxemburg. Die Erfahrung lehrt: Wer die wirtschaftliche Freiheit einschränken oder beseitigen will, muss auch die politische Freiheit einschränken. Die Linke stützt sich zudem auf antidemokratische Ressentiments.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie genau?

Knabe: Die Linke hat ein negatives Verhältnis zum politischen System der Bundesrepublik. Sie agitiert gegen Amerika und gegen die westliche Staatengemeinschaft, auch gegen Israel. Hier werden starke antidemokratische Affekte sichtbar, die wir aus unserer Geschichte zur Genüge kennen. Wenn sich dann noch eine Art Gegenbewegung auf der rechtsextremen Seite entwickelt, wie wir es in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern mit der NPD beobachten können, könnten sich in Krisenzeiten rechts und links gegenseitig hochschaukeln und die demokratische Mitte zerreiben.

SPIEGEL ONLINE: In Koalitionen auf Länderebene - etwa in Berlin - regiert die Linke aber doch mehr als pragmatisch mit.

Knabe: Die Berliner Partei ist nicht repräsentativ für die Gesamtpartei. Aber es ist richtig: Überall dort, wo die Linke an die Macht kam, hat sie ihr Parteiprogramm in den Wind geschrieben und keineswegs versucht, den Sozialismus einzuführen. Dazu fehlte ihr auch die Macht. Die bisherigen Regierungsbeteiligungen dienten einem anderen Zweck: nämlich die Partei politisch hoffähig zu machen. Es liegt in der Natur der Sache, dass man dies nicht durch Revoluzzertum gefährden will.

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