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Parteien: Titanic-Stimmung bei der SPD

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Neues Umfragetief, Grabenkrieg in der Parteizentrale - die SPD kommt nicht aus der Krise. Auch auf der traditionellen Spargelfahrt auf dem Wannsee klagten die Genossen ihr Leid - und selbst Gesine Schwan konnte die Stimmung nicht heben.

Berlin - Der Ausflugsdampfer, auf dem die SPD-Führung, zahlreiche Bundestagsabgeordnete und Mitarbeiter über den Wannsee schippern, trägt den schönen Namen MS Paloma. Doch Parteichef Kurt Beck fühlt sich an ein ungleich größeres Schiff erinnert, als die Genossen dicht an dicht über eine enge Gangway von Bord drängen. "Jetzt wissen wir, wie die sich auf der Titanic gefühlt haben", ruft er weinselig über die Köpfe hinweg.

Kandidatin Schwan, Parteichef Beck: "Wir werden die ganze Breite des Spielfelds nutzen"
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Kandidatin Schwan, Parteichef Beck: "Wir werden die ganze Breite des Spielfelds nutzen"

Untergangsmetaphern dürfen in diesen Tagen auf keiner SPD-Party fehlen. Auch auf der traditionellen Spargelfahrt des Seeheimer Kreises, der konservativen Gruppierung innerhalb der Bundestagsfraktion, war dies am Dienstagabend zu erleben. "Ein schwerer Tanker auf schwerer See" sei die SPD, befand die Sprecherin des Seeheimer Kreises, Petra Ernstberger. Und ihr Kollege Johannes Kahrs fragte sich: "Wenn wir so gut sind, wieso ist die Stimmung dann so schlecht?"

Einen Anlass, sich zu grämen, finden die Sozialdemokraten immer. Diesmal war es die neueste Umfrage. Nur noch 20 Prozent der Wähler würden sich laut Forsa für die SPD entscheiden, dafür liegt die Linkspartei bereits bei bedrohlichen 15 Prozent. So schlecht war die Lage noch nie. Zwar werden schlechte Umfragen offiziell ignoriert, insbesondere die von Forsa, doch über Jahre hinweg entfalten sie trotzdem ihre Wirkung.

Beck entdeckt Fußballmetaphern

Die Spitzengenossen geben sich unverdrossen kämpferisch. "Wir werden aus dieser Situation herauskommen", versprach Fraktionschef Peter Struck auf dem Dampfer. Auch Parteichef Beck kündigte zum x-ten Mal an, "über den Kampf zum Spiel" zu finden. Er werde sich nicht einreden lassen, dass man nur auf dem rechten oder linken Flügel stürmen könne. "Wir werden die ganze Breite des Spielfelds nutzen." Ab und zu schieße man mal ein Eigentor, auch ihm sei das schon passiert, aber dann müsse man eben mehr Bälle ins gegnerische Tor schießen.

Passend dazu reichte der stellvertretende Parteivorsitzende Peer Steinbrück (rechter Flügel) seiner schräg gegenübersitzenden Kollegin Andrea Nahles (linker Flügel) ein Papier, auf dem er die SPD-Gewinnerelf für 2009 aufgemalt hatte. Sie lachte herzlich und hatte wohl noch den einen oder anderen Vorschlag für eine Mannschaftsumstellung.

Grabenkrieg über Wahlkampf-Chef

Doch das Vertrauen in die Führung, aus dem Umfragetief herauszukommen, sinkt. Gerhard Schröder habe das gekonnt, die SPD im Wahlkampf auf die Überholspur zu bringen und schlechte Umfragewerte binnen Monaten in gute zu verwandeln, sagte ein Genosse. Aber im Moment habe die SPD eben keinen Schröder.

Die Verzweiflung über das fehlende Zugpferd ist zunächst umgelenkt auf einen Nebenkriegsschauplatz. Gesprächsthema Nummer eins ist seit Montag der ominöse "strategische Koordinator" für den Wahlkampf, den Generalsekretär Hubertus Heil nach der Präsidiumssitzung angekündigt hatte.

Wer es wird, ist noch nicht entschieden, auch die genaue Aufgabenbeschreibung und Machtfülle dieses Koordinators ist nicht klar definiert. Ist es bloß ein Medienberater oder aber ein Kampagnenmanager mit umfassenden Vollmachten? Darum hat die Personalie einen regelrechten Grabenkrieg in der Parteizentrale ausgelöst. Spötter sprechen bereits von der "neuen K-Frage der SPD". Zunächst wurde dies als "Kühn-Frage" interpretiert, weil der Plan Heils, einen externen "Medienprofi" zu holen, auf die Entmachtung des Pressesprechers Lars Kühn zu zielen schien. Heil leistete aber inzwischen Abbitte, indem er Kühn in der "Süddeutschen Zeitung" als "hervorragenden Sprecher" bezeichnete.

Unmut über Heil und Gorholt

Damit sind die Wolken im Willy-Brandt-Haus aber noch nicht verzogen. Für Ärger sorgte vor allem die öffentliche Darstellung Heils, er werde Wahlkampfleiter sein. Dies sei im Präsidium nicht beschlossen worden, sagten Mitarbeiter unter Berufung auf Präsidiumsmitglieder. Tatsächlich ist in dem Organigramm der Wahlkampfführung keine Hierarchie festgelegt: Im Kreis in der Mitte finden sich Generalsekretär Heil, Bundesgeschäftsführer Martin Gorholt und der unbekannte strategische Koordinator gleichberechtigt nebeneinander.

Das Präsidium habe Heil nicht die Führungsrolle zugesprochen, lautet der Vorwurf einiger Mitarbeiter, sondern dieser habe sich in der anschließenden Pressekonferenz eigenmächtig zum Wahlkampfleiter ausgerufen. "Der ist total heiß auf diesen Posten", heißt es. Präsidiumsmitglieder, die an der Sitzung am Montag teilgenommen haben, bestätigten SPIEGEL ONLINE allerdings, dass Heil sich in der Sitzung als Wahlkampfleiter dargestellt habe und kein Widerspruch erfolgt sei.

Der Widerstand im Willy-Brandt-Haus entzündete sich vor allem deshalb, weil Heil und Gorholt keine Erfahrung mit Bundestagswahlkämpfen haben. Seit Monaten rumort es in der Parteizentrale. Je näher 2009 rückt, desto besorgter fragen sich die wahlkampferfahrenen Mitarbeiter: Können unsere Chefs das überhaupt?

Viele alte Hasen sagen, der Wahlkampf sei eine Nummer zu groß für das Duo. Doch die fehlende Erfahrung ist nur ein Problem. Dazu kommt, dass Heil und Gorholt sich durch ihren Führungsstil im eigenen Haus Feinde gemacht haben. Insbesondere Gorholt wird angelastet, in seinen drei Jahren als Bundesgeschäftsführer das Betriebsklima ruiniert und fähige Mitarbeiter vergrault zu haben.

Schwan als Trösterin

Die Querelen in der Parteizentrale sind ein weiteres Symptom der Krise der SPD. Erfahrene Strategen stöhnen über das Kommunikationschaos der Führung, das die Partei seit Monaten in den Schlagzeilen hält. Umso stärker klammern sich die Genossen an den einzigen Hoffnungsschimmer, der ihnen noch bleibt: Gesine Schwan.

Auch auf der Spargelfahrt war die Kandidatin fürs Bundespräsidentenamt der Star des Abends. "Frisch. Mutig. Geradeaus. Unsere Frau, running for President", so wurde Schwan angekündigt. Gleichzeitig wurden Buttons verteilt. "Gesine for President" stand darauf, und es wurde genau beobachtet, was die bekannten Schwan-Skeptiker damit machten. Beck und Struck steckten ihn sich an die Brust, Steinbrück hingegen ließ ihn liegen.

Bezeichnend war die Szene vor dem Ablegen: Während Schwan von einem Dutzend Journalisten umlagert wurde, saß Parteichef Beck unbeachtet direkt neben diesem Auflauf. Schwan schien die Symbolik egal zu sein, freudig dozierte sie über "Good Governance" in Afrika.

Ihre Ansprache zu den Genossen war dann leutselig ("Ihr lieben alle") und kokett ("Ihr wisst, dass ich eine kaum Zügelbare bin"). Sie versuchte, wie es ihrem Image als Berufsoptimistin entspricht, die Stimmung zu heben. Sie finde es "ganz herrlich", dass in der SPD so viel debattiert werde, sagte sie, das sei "völlig auf der Höhe der Zeit". Die Menschen wollten Offenheit.

Etliche Mitfahrer wollten die tröstenden Worte aber gar nicht hören: Der Geräuschpegel stieg während der Rede spürbar an.

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