Parteien und ihre Geschichte Wie CDU und Grüne mit ihrem Mythos hadern

Wer Wählermassen begeistern will, muss Sinn stiften. Parteien brauchen dafür einen Mythos, eine Leidensgeschichte, klare Gegner - und die Fähigkeit, einzelne Elemente anzupassen. Doch Vorsicht: Wirkt die Polit-Geschichte unglaubwürdig, droht der Absturz. 

Atomkraftgegner in München (März 2011): Erbittertes Ringen gegen das "Böse"
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Atomkraftgegner in München (März 2011): Erbittertes Ringen gegen das "Böse"

Von Franz Walter


Harte Realpolitiker pflegen genervt die Augen zu verdrehen, wenn in einer innerparteilichen Debatte die Forderung aufkommt, man brauche doch wieder eine "neue politische Erzählung". "Große Erzählungen" - das klingt nach dem fatalen ideologischen Zeitalter der 1870er bis 1940er Jahre, nach utopischer Pläneschmiederei. In der Hyperkomplexität des 21. Jahrhunderts aber wird man, so der professionelle Einwand, schwerlich das Alltagsmanagement der Politik an Langzeitvisionen ausrichten können.

Doch was ist mit der Formel von der "großen Erzählung" eigentlich gemeint? Sie ist nicht mehr ganz so flott im Umlauf wie noch vor einigen Jahren. Allerdings lässt sich durchaus die Frage stellen, ob "große Erzählungen" ausschließlich als kühne Zukunftsversprechen für kollektive Bewegungen oder Formationen zu begreifen sind.

Erinnern wir uns kurz an die Überlegungen von George Lakoff und Elisabeth Wehling, die vor zwei, drei Jahren die Polit-Strategen hierzulande geradezu elektrisiert hatten: Im Lernprozess des Menschen bilden sich neuronale Verschaltungen, in denen sich Erfahrungen unterschiedlicher Art vereinen und so etwas wie einen Deutungsfilter herausbilden, von dem ausgehend fortan alle weiteren Eindrücke geordnet und bewertet werden. Der Mensch verfügt so über einen haltbaren Interpretationszugang, der unterbewusst Bildern, Metaphern und Effekten binnen Sekundenbruchteilen eine bestimmte Bedeutung verschafft.

Ein weiterer Aspekt: Menschen neigen dazu, die eigene (oder auch fremde) Lebensgeschichte in einen Sinnzusammenhang zu bringen, ihr so einen roten Faden zu geben. Das Leben als Fortsetzungsroman: Entstehung, Werden, Kampf, schließlich Erfüllung. Auch die großen politischen Bewegungen sind durchweg mit solchen Narrativen entstanden. Sie funktionieren ähnlich wie die Geschichten der Missions- und Erlösungsreligionen, auch die Tradition des dramatischen Theaters folgt diesem Schema. Es sind immer dieselben Motive in verschiedenen Variationen, etwa: Aufgrund der Sündhaftigkeit einiger aus dem Paradies vertrieben, sammeln sich die Berufenen, aber zugleich Geächteten, ziehen unter Entbehrungen durch karge Gegenden, kämpfen sich, da ihnen Sterne und Offenbarungsbotschaft die Richtung weisen, bis ins gelobte Land.

Mit den Grünen wurde die deutsche Gesellschaft offener und toleranter

Die katholische Zentrumspartei hatte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine solche Erzählung. Sozialdemokraten verfügten etliche Jahrzehnte lang über so ein Epos. Aber sie schrieben es nicht fort, gerieten in Begründungs- und Sinnkrisen. Anders bei den Grünen. Ob bewusst oder nicht: Sie boten Anhängern und Wählern eine Geschichte ihrer selbst, die nach den biblischen Motiven verlief und zunehmend als Geschichte auch der gesamten Republik erzählt wurde. Der Sündenfall: die Atomenergie. Die Propheten, die zur Umkehr aufriefen: Petra Kelly und ihre Mitstreiter. Die vielen Apostel: Bürgerinitiativen und Bunte Listen. Das Volk, das die Reise durch die Wüste der naturzerstörenden Profitwirtschaft antrat: die Grünen selbst. Das gelobte Land: die Energiewende in einer Gesellschaft des "Green New Deal".

Da man die grüne Geschichte in einer modernen Sprache vortrug, wirkte sie bis zum Frühjahr zeitgemäß und stieß auf Resonanz, zumal die Story sich im Laufe der Jahre für zunächst abseits stehende Gruppen öffnete. Mit den Grünen, mit der Generation der Alternativen und Postmaterialisten änderte sich, so der Tenor des Mythos, die deutsche Republik. Sie wurde zu dem, was mittlerweile die meisten Bürger freudig goutieren: Ihre Mitte ist modern statt spießig; der Adenauer- und Kohl-Mief scheint auf immer vertrieben zu sein; individuelle Entfaltung steht höher im Kurs als subalterne Disziplin. Kurz: Mit den Grünen wurde die deutsche Gesellschaft diskursiver, offener, toleranter, mit einem großen Herz für Minderheiten, mit frischer Neugierde auf fremde Kulturen, mit unverkrampfter Großzügigkeit gegenüber Lebensformen verschiedenster Art. Am Ende hatte man gar die anfänglichen, erbitterten Gegner zumindest halbwegs auf den Pfad der Bekehrung geführt, da auch die Christdemokraten ihr Frauen- und Familienbild korrigierten, Ganztagsschulen nicht mehr obstruierten, Krippen akzeptierten und - nicht zuletzt - eine geschiedene Frau an der Spitze ihrer Partei und Zentralregierung ertrugen.

Wer eine solche Erzählung selbstbewusst in Umlauf bringen kann, massenhaft Gehör und Zustimmung dafür findet, hat politisch so gut wie gewonnen. Denn die Botschaft ist eingängig, sie verknüpft Stationen und selbst die Umwege des (politischen) Lebens zu einem stimmigen Plan der Weiterentwicklung. Und diese Mythen beanspruchen Allgemeingültigkeit. Im Vergleich zur grünen Geschichte jedenfalls wirkte das über vier Jahrzehnte so zugkräftige Epos der CDU - Partei des christlichen Glaubens, des mittelständischen Fleißes, der Treue zur Heimat und Nation, der lebenslangen Ehe und redlichen Sparsamkeit - zuletzt wie die Verfallsbotschaft einer rapide schwindenden Sozialkultur. Noch dazu stand die ursprüngliche CDU-Story mehr und mehr in Widerspruch zur tatsächlichen Politik der Partei, die das Alte von Fall zu Fall weiter propagierte, ohne daran noch zu glauben. Was der Partei nicht gelang, war eine neue Begründung, eine stimmige Fortsetzung auf alten Fundamenten. Da war nur noch ein Vakuum.

Auch die Sozialdemokraten, die sich fraglos gute Teile der Grünen-Geschichte selbst hätten gutschreiben können, haben ihre Erzählung in den siebziger Jahren ausklingen lassen. Im Banne der alten Ansicht, Partei der Entrechteten, zumindest der "kleinen Leute" zu sein, gefiel es ihnen nicht, die Resultate und Erfolge ihres Reformismus, den sozialen Aufstieg ihrer früheren Facharbeiterkader etwa, zum Thema eines sozialdemokratischen Fortsetzungsromans zu machen. Daher hatte das, was nach der Ära Brandt von Sozialdemokraten politisch gemacht wurde, immer etwas ein wenig Verdruckstes, auch etwas Richtungsloses. Das eigene Tun erzeugte ein schlechtes Gewissen, weil das Muster der Uraltlegenden stets mehr glänzte.



insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
Baikal 16.07.2011
1. droht der Absturz?
Zitat von sysopWer*Wählermassen begeistern will, muss Sinn stiften. Parteien brauchen dafür*einen Mythos, eine Leidensgeschichte, klare Gegner - und die Fähigkeit, einzelne Elemente anzupassen. Doch Vorsicht: Wirkt die*Polit-Geschichte*unglaubwürdig, droht der Absturz.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,774395,00.html
Baden-Würtemberg ist schon der Absturz, die Grünen sind Geschichte.
freiewählerberlin 16.07.2011
2. Ein sehr schöner Artikel
Und auch der Schlussabsatz, der auf das "Narrativ" (wörtliche: Legende, Märchen) einer politischen Bewegung abstellt, scheint treffend für die die deutsche Parteiengeschichte. Nur: Entspricht die politische Moblisierung nach überlieferten, historischen oder legendenhaften Standorten dem Prinzip einer aufgeklärten Demokratie? Werden christliche und wirtschaftskonservative Wählerinnen und Wähler durch Angela Merkels Politik nicht betrogen? Und wurden die Wähler der SPD von der Agenda 2010 nicht überrascht? Die vielen der FDP-Wähler der letzten Bundestagswahl um ihre Stimme der Vernunft gar "betrogen"? Wir versuchen seit zwei Jahren, für eine allein der Sachentscheidung unterworfene Politik ohne "Narrative" zu werben. Aber, wenn wir ehrlich sind, ist uns das bislang nicht einmal ansatzweise gelungen! Dabei erschien uns die Zeit gekommen, für mehr Bürgerbeteiligung und weniger Parteienproporz einzutreten.
47/11 16.07.2011
3. Parteien und Religionen ...
... haben eines gemeinsam: sie wollen den Menschen etwas verkaufen, was noch niemand jemals gesehen hat . Deshalb besteht die " Begeisterung " darin, den Leuten einen Bären aufzubinden , möglichst " glaubhaft " natürlich .Zum Nachteil gereicht den Menschen dabei, dass die meisten leichgläubig und denkfaul sind . Lieber transferiert man die Verantwortung für sich auf Politiker oder " Götter " . Die da oben werden es schon richten .Bereits in der Frühzeit der Menschheit fanden dies clevere " Priester " heraus und nutzten den Vorteil aus . So entstand Politik und Religion .
Fettnäpfchen 16.07.2011
4. Weder Mythos noch "Erzählgeschichten" begeistern die Menschen
Mir ist nicht ganz klar, welche Botschaft der Verfasser des Artikels dem Leser eigentlich vermitteln möchte. Mythen sind realitätsfern, "Erzählgeschichten" sollten in den Bereich der Literatur gehören. Gefragt sind sicherlich Idealismus gepaart mit einer guten Portion Realismus und ganz schlichtem, praktischem Denken. Idealismus ohne die Fähigkeit, die Ideale in die Praxis umsetzen zu können, sind ebenso unfähig, die 'Welt zu verbessern' wie praktisches Denken ohne irgendwelche realitätsnahen Ziele. Platon hat in seiner "Republic" den "Philosopher King" propagiert. Dieser war Idealist genug, abstrakte Ziele zu benennen, aber diese durch praktisches Denken und Handeln tatsächlich zum Wohle des Volkes in die Tat umzusetzen. Das Dilemma ist nur, dass es diese "Philosopher Kings" heutzutage nicht mehr gibt, weil finanzielle Interessen im Vordergrund stehen und die Politiker aufgrund ihrer korrupten Einstellungen lobbyhörig sind und deshalb dem Wohl des Volkes nicht dienen. Es gab immer wieder Idalisten wie Ghandi, die selbst in der Praxis vieles erreicht haben. Gruselig ist, dass solche Menschen leider keine wirkliche Chance haben, weil Materialismus dem entgegensteht. Eine zutiefst verwerfliche Politikerkaste regiert uns und diese Äußerung ist nicht auf Deutschland beschränkt - leider!
Newspeak, 16.07.2011
5. ...
Das eigentliche Problem ist: Die deutsche Parteienlandschaft stammt aus einer Zeit, in der das Volk, der Souverän, bewusst unmündig gehalten wurde, denn hatte nicht das Volk Hitler an die Macht gebracht und den Nationalsozialismus unterstützt? Die Alliierten wollten keine Demokratie, wie sie die Weimarer Republik geprägt hat. Sicher war diese unter ungünstigen Umständen entstanden und vielleicht auch in ihrer Struktur falsch angelegt. Aber die neue Bundesrepublik sollte nicht annähernd so freizügig angelegt sein. Das sieht man beispielhaft an der Gestaltung und politischen Kontrolle des Rundfunks, angefangen bei den Alliierten bis heute. Das sieht man beispielhaft an der verfassungsgebenden Versammlung, die zum Grundgesetz führte. Sicher waren die Väter des Grundgesetzes fähige Männer ohne jeden politischen Tadel, aber sie repräsentierten eben trotzdem eine ausgewählte Minderheit und eben nicht eine echte Nationalversammlung. Im Grunde ist deshalb Deutschland gar keine echte Demokratie. Denn dem Volk wurde bisher immer vorenthalten, sich eine Verfassung zu geben, aus eigenem Willen und eigener Kraft. Insofern repräsentiert auch das deutsche Parteiensystem eher bestimmte gesellschaftliche Eliten und Cliquen, aber eben keine Repräsentanten des Volkes. Daran ändert sich auch nichts, nur weil demokratische Wahlen stattfinden. Die radikale Idee, daß dieses Parteiensystem für eine demokratische Willensbildung vielleicht gar nicht nötig ist, sich vielleicht sogar als eher hinderlich erweist, wäre es mal wert, diskutiert zu werden. Herr Walter verliert sich aber auch nur in historischen Anekdoten. Die wahren Fragen wären doch: Wie schafft man es, diese unselige Fremdbestimmung durch gewählte Minderheiten von Volksvertretern zu beenden und eine wirklich demokratische Republik zu erschaffen...und langfristig, wie überwindet man Nationalstaaten, die Grenzen festlegen, wo keine sind, ihre Bürger reglementieren, wo sie es nicht sollten und eine Gefahr für die Menschheit darstellen, durch Kriege etc. Das wären Fragen, die man diskutieren sollte, aber doch nicht, ob bei irgendeiner Partei eine geschiedene Frau den Vorsitz führt und was das nachher über unsere Gesellschaft aussagen mag. Das ist doch unwichtig.
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