Parteienmisere Bürgertum koppelt sich von Union ab

Die Union trifft nicht mehr den Ton des modernen Bürgertums. Und das junge Bürgertum entwickelt sich immer weiter weg von den Christdemokraten. Denen droht nun der politische Absturz.

Von Franz Walter


Es ist mit den Händen zu greifen: Die deutschen Christdemokraten sind nervös. Im Koalitionsgebälk knirscht es. Doch das bringt erfahrene Politiker nicht gleich um den Schlaf. Dergleichen Sticheleien zwischen Koalitionsparteien gehören zum Geschäft, sind ein gutes Stück Theaterdonner, Unterhaltung für das Publikum, Ventil für den einen oder anderen Hitzkopf in den eigenen Reihen.

Unions-Ministerpräsidenten Stoiber (Bayern), Carstensen (Schleswig-Holstein), Koch (Hessen) mit der Staatsministerin im Kanzleramt, Hildegard Müller: Dauerhaft sesshaft und jederzeit und für jedermann präsent
DDP

Unions-Ministerpräsidenten Stoiber (Bayern), Carstensen (Schleswig-Holstein), Koch (Hessen) mit der Staatsministerin im Kanzleramt, Hildegard Müller: Dauerhaft sesshaft und jederzeit und für jedermann präsent

Unruhiger macht die merkwürdig demoskopiegläubige Politikkaste dagegen die derzeitige Umfragelage: Nur noch 33 Prozent der wahlberechtigten Deutschen würden in diesen Sommertagen 2006 der CDU/CSU ihre Stimme geben. So hat es das Forsa-Institut nun schon in der zweiten Woche hintereinander ermittelt. Mithin: Von den volksparteilichen Höhen früherer Jahrzehnte hat sich die Merkel-Union eine gute Strecke entfernt. Und man hat partout nicht den Eindruck, dass die formidablen Zeiten selbstverständlicher christdemokratischer Hegemonie rasch und problemlos wiederkehren werden.

Die Union war lange die gleichsam natürliche Partei der bundesdeutschen Mitte. Über Jahrzehnte traf sie weit sensibler als die Sozialdemokraten die Tonlage der gesellschaftlichen Mehrheit, agierte verlässlich als Partei des Alltagsempirismus, der jeweils gegebenen Realitäten. Nie dagegen verstand sie sich als Voraustrupp zuvor unerprobter konzeptioneller Zukunftsentwürfe oder gar als Avantgarde verwegener Visionen. Die Union ging vielmehr konstant davon aus, dass die Menschen allzu viel reformerische Veränderungen und temporeichen Wandel schwer ertragen können, dass sie in der Regel darauf eher tief verunsichert und ebenso tief verängstigt reagieren, dass sie nach Ablauf der Transformation des Gewohnten in jedem Fall längere Phasen der Erholung, Ruhe und Regeneration benötigen. Die Union - und das war von Adenauer bis Kohl ihr probates Erfolgsrezept - eilte dem Volk nie voraus, mutete ihm niemals zu viel an Anstrengungen und Entbehrungen zu. Lieber unterforderten die Christdemokraten die Bundesbürger, umhegten sie, nahmen ihnen im Alltag die sorgenreiche Verantwortung ein gutes Stück weit ab.

Und wenn Wahlen vor der Tür standen, wenn die Interessenverbände erbarmungswürdig jammerten und unterschwellig drohten, dann spielten Unionskanzler stets großzügig den Weihnachtsmann und verteilten üppige Klientelgeschenke. So produzierte die Union ein saturiertes, behäbiges Milieu der deutschen Mitte. Auf diese Weise schufen die rheinischen und pfälzischen Kanzler der christlichen Demokratie das, was Guido Westerwelle in seinen schneidig-neuliberalen Agitationszeiten mit triefender Verachtung eine "Gefälligkeitsrepublik" nannte, wenngleich die Freien Demokraten, die bekannten Herolde der Eigenverantwortung, natürlich immer mit auf dem Schlitten saßen und ebenfalls zu Gunsten ihrer begehrlichen Mittelständler einen tiefen Griff in den Geschenkesack taten.

Jedenfalls: Eine Mentalität des bürgerlichen Aufbruchs, der marktwirtschaftlichen Rundumreform konnte durch dergleichen paternalistische Politikbetreuung nicht entstehen. Insofern schuf die CDU die nämliche Einstellungs- und Mentalitätshürde selbst, über die sie im Wahlkampfsprint 2005 so schmerzhaft stolperte.



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