Querelen in der SPD Frau Steinbrück rettet den Tag

Keine hundert Tage mehr bis zur Wahl - und die Spitzen-Sozialdemokraten bekämpfen sich: Kanzlerkandidat Steinbrück ruft Parteichef Gabriel via SPIEGEL zur Ordnung, der das Zerwürfnis herunterspielt. Ein schlechter Tag für einen Parteikonvent. Bis Frau Steinbrück ihren Mann zu Tränen rührt.

Steinbrück mit Ehefrau Gertrud: Kampf mit den Tränen
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Steinbrück mit Ehefrau Gertrud: Kampf mit den Tränen

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Berlin - Der Kandidat bleibt stumm. Erst einen Moment, dann mehrere Sekunden lang. Auch dann kommt: nichts. Es wird still im Berliner Tempodrom. Etwas Außergewöhnliches geschieht hier. Der scharfzüngige Peer Steinbrück, als Polterer und Polemiker bekannt, ist so berührt, dass es ihm die Sprache verschlagen hat. Er kämpft mit den Tränen.

Schuld daran ist seine Frau Gertrud. Und zwar, weil sie gerade eine Frage aufgeworfen hat, die in den Wahlkampf-Querelen der SPD untergegangen ist. Frau Steinbrück sitzt in einem knallroten Sessel auf der Tempodrom-Bühne, neben ihr der Kanzlerkandidat, dazu die Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger. Die Frage lautet: Warum tut sich dieser Mann das eigentlich an? "Ich fand unser Leben vorher klasse", sagt Frau Steinbrück: Sie waren frei, hatten Zeit und Geld. "Wenn jemand so etwas aufgibt, dann muss der doch etwas bewegen wollen."

Aber Peer Steinbrück antwortet nicht, als die Moderatorin an ihn überleitet. Er kann nicht.

All der Druck der vergangenen Monate, der Rumpelstart seiner Kampagne, die Patzer, die vielen Negativ-Geschichten - das dürfte ihm da durch den Kopf gehen. Steinbrück ist inzwischen so angefressen, dass er den offenen Konflikt mit seinem Parteichef riskiert. Er erwarte, dass sich "alle - auch der Parteivorsitzende - in den nächsten hundert Tagen konstruktiv und loyal hinter den Spitzenkandidaten und die Kampagne stellen", sagte Steinbrück dem SPIEGEL. Offenbar fühlte er sich von Sigmar Gabriel zuletzt geradezu hintergangen.

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Parteikonvent der SPD: Ihr Auftritt, Frau Steinbrück!

Der Ordnungsruf an den eigenen Parteichef 98 Tage vor der Bundestagswahl ist auch eine Art Notruf: Ich kann nicht mehr - jedenfalls nicht so. Aber er kommt zu einem äußerst heiklen Zeitpunkt. Und sorgt für heftige Irritationen in der SPD. In der Sitzung des Parteivorstands am Sonntagmorgen riefen mehrere Redner zu Geschlossenheit auf. Auch am Rande des Konvents waren Sozialdemokraten zu erleben, die sich große Sorgen über den Zustand der Partei machen.

Großer Vorsprung für Angela Merkel

Steinbrück - das zeigt der Verlauf dieser Woche - geht nun volles Risiko im Kampf um das Kanzleramt. Aber was bleibt ihm auch übrig angesichts einer Union, die der SPD mehr als zehn Prozentpunkte in den Umfragen enteilt ist, vom Vorsprung Angela Merkels im direkten Vergleich gar nicht zu reden? Erst feuerte der Sozialdemokrat seinen Sprecher, dann attackierte er Gabriel und nun taucht auch noch Frau Steinbrück im Wahlkampf auf.

Der Kanzlerkandidat wollte sie ursprünglich nicht in den Wahlkampf ziehen, das hat Steinbrück mehrfach erklärt - aber nun fällt auch dieses Tabu. Zum Glück für die SPD, so viel ist nach dem gemeinsamen Auftritt auf dem Parteikonvent zu sagen. Zum einen, weil die promovierte Gymnasiallehrerin für Biologie und Politik eine sehr sympathische und selbstbewusste Frau ist, die ihrem Mann in Sachen Klartext in nichts nachsteht. Vor allem aber bringt sie - wenn auch sicher ohne Absicht - eine Seite von Peer Steinbrück zum Vorschein, die viele bisher nicht kannten.

Szenen aus dem Eheleben

An diesem Sonntag wirkt es für manchen Sozialdemokraten sogar so, als hätte Frau Steinbrück der Himmel geschickt. "Gertrud rettet diesen Tag", schreibt Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann via Twitter. Das dürfte die Stimmungslage gut abbilden auf dem Konvent.

Als Gertrud Steinbrück zu erzählen beginnt von dem Eheleben mit Peer, das nicht immer leicht ist, aber dennoch schon 40 Jahre andauert, atmen manche erleichtert auf. "Wenn wir nicht so viel zusammen lachen könnten, wären wir wohl schon nicht mehr verheiratet", erzählt sie. Dass Peer Steinbrück zwar alles zu wissen glaubt, "aber immer noch keine Amsel von einem Star unterscheiden kann", solche Sachen eben. Es menschelt bei der SPD plötzlich wie verrückt dank Gertrud Steinbrück - und das verdeckt so manches.

Immerhin sah sich der Parteichef zu Beginn des Konvents genötigt, der Berichterstattung über das Zerwürfnis mit dem Kanzlerkandidaten zu widersprechen. Die politische Ehe zwischen den beiden sei "ziemlich lebendig, meistens fröhlich", sagte Gabriel. Dass er zu diesem Zeitpunkt reden würde, war auf der Tagesordnung nicht vorgesehen. Gabriel beteuerte: "Es gibt zwischen uns keine Streitereien."

Tatsächlich hat sich das noch nie einfache Verhältnis zwischen den beiden in den vergangenen Wochen nochmals verschlechtert, heißt es. Das ist keine gute Grundlage für die Aufstellung der SPD in den restlichen drei Monaten im Wahlkampf. Und es könnte dazu führen, dass die inhaltlichen Akzente der Sozialdemokraten von dem Ringen der Führungsleute überdeckt werden.

Gertrud Steinbrück, so viel steht fest, wird die Partei nicht noch einmal retten können.

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Steinbrück, Merkel und Obama: Ehen in der Öffentlichkeit

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hauptsachemalwassagen 16.06.2013
1. gertrud for president
um gottes willen, und so einer soll mich vertreten ? er sollte doch besser mit seinem geld und seiner gertrude wandern und die welt bereisen, hin und wieder mal einen biokurs besuchen und ansonsten sein ego pflegen. so einen wählt und will doch nun garantiert keiner
Rhoenlerche 16.06.2013
2. optional
Zitat: "Gertrud Steinbrück, so viel steht fest, wird die Partei nicht noch einmal retten können." Habt ihr sie noch alle? Frau Steinbrück hat heute mal schnell die SPD gerettet (nachdem sie wieviele E-Mails noch schnell lesen musste?). Gibt es hier nur noch Facebook-Journalisten? Sowas kann wahrscheinlich nicht mal mehr Praktikant bei der "Frau im Spiegel" (sic!) werden. Für SPON reicht's immer noch. Die SPD kann keiner mehr "retten". Die hat sich nicht nur durch Gerhard Schröder ins Abseits manövriert, die treibt's mit ihrem Kandidaten Steinbrück noch ein Stück weiter. Die Partei für Soziales? Das nimmt ihnen mit diesem "Redner-Talent" keiner mehr ab. Da helfen auch keine Wahlversprechen à la "Freie Kindertagesstätten" mehr. Seit Müntefering ist es unfair, die SPD an ihren Wahlversprechen zu messen. "Hinter die Fichte führen", wie Politiker gern die Lüge umschreiben, ist also erlaubt. SPD - mir graut vor dir.
f.gotthard 16.06.2013
3. optional
Wie rührend...
ruthteibold-wagner 16.06.2013
4. Ganz so ein schlechter Kerl scheint er gar nicht zu sein.
Auch in dieser harten Schale steckt in Wahrheit ein weicher Kern. Er kann es halt meist nicht zeigen, weil er meint, den harten Kerl spielen zu müssen. Das ist leider bei vielen Männern so. Ihnen wird anerzogen: "Ein Junge darf nicht weinen." Es wäre ihm zu gönnen, dass er solche traditionellen männlichen Rollenstereotype überwinden lernt. Ganz so ein schlechter Kerl scheint er doch nicht zu sein. Er hat es sicher nicht leicht aufgrund seiner patriarchalen Sozialisation. Vielleicht sollte frau ihm doch eine Chance geben.
daslästermaul 16.06.2013
5. beschämender Auftritt .......
Zitat von sysopDPAKeine 100 Tage mehr bis zur Wahl - und die Spitzen-Sozialdemokraten bekämpfen sich: Kanzlerkandidat Steinbrück ruft Parteichef Gabriel via SPIEGEL zur Ordnung, der das Zerwürfnis herunterspielt. Ein schlechter Tag für einen Parteikonvent. Bis Frau Steinbrück ihren Mann zu Tränen rührt. Parteikonvent der SPD: Gertrud Steinbrück rettet den Tag - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/parteikonvent-der-spd-gertrud-steinbrueck-rettet-den-tag-a-906038.html)
weil der Macher von eigenen Gnaden Steinbrück sich jetzt scheinbar alleine nicht mehr zu helfen weiß, muß jetzt Frau Steinbrück in die Bütt und ihren Peer als "lieben netten Kerl von nebenan" verkaufen, der Kanzler kann ???!. Wenn er schon den Wahlkampf scheinbar nur noch mit Unterstützung seiner Frau bewältigen kann; wie sieht es dann erst bei einer richtigen veritablen Staatskrise aus ??!. Regiert sie dann mit ???!. Prof. Sauer wurde bisher jedenfalls noch nicht bei der Ausübung einer vergleichbaren Tätigkeit gesehen.
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