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Parteikonvertit Püschel: Wie ein SPD-Bürgermeister zur NPD-Ikone wurde

Von Frank Brunner, Krauschwitz

Der Lebenslauf von Hans Püschel war der eines aufrechten Demokraten: In der DDR galt er als Staatsfeind, nach der Wende engagierte er sich in der SPD. Doch nun kandidiert der Bürgermeister aus Sachsen-Anhalt für die rechtsextreme NPD - warum nur? Eine Spurensuche.

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NPD-Kandidat Püschel: "Was ist denn die Alternative?"

Eigentlich hat Hans Püschel immer alles richtig gemacht. Er ist jetzt 62 Jahre alt, und bis vor wenigen Wochen war er eine Art Musterdemokrat. In der DDR wurde Püschel verurteilt, weil er mit der polnischen Oppositionsgewerkschaft Solidarnosc sympathisiert hatte; nach der Wende gehörte er zu den Gründern der SPD im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. Seit Jahren ist er Bürgermeister des 560-Einwohner-Dorfs Krauschwitz. Püschel gilt als erfahrener Kommunalpolitiker, er ist Mitglied der Kirchengemeinde und sozial engagiert.

Am vergangenen Sonntag steht Hans Püschel auf einer schäbigen Bühne im Krauschwitzer Gemeindehaus und schwärmt von "tausend großen Jahren", in denen "am deutschen Wesen die Welt genesen" sei. Sein Auftritt sorgt für Begeisterung beim Publikum. Die rund 70 Rechtsextremisten im Saal tragen ihre Präferenzen ganz offen zur Schau. "88", steht auf der Jacke eines Skinheads - der Code für "Heil Hitler". Ein angetrunkener Mann pöbelt gegen die Handvoll Journalisten, die "ihre Seele den Systemmedien verkauft" hätten, ein anderer wirbt für das "Kampfgeschwader Magdeburg". Die meisten sind jenseits der 60, und in einigen Gesichtern hat der Alkohol seine Spuren hinterlassen.

Es ist der Wahlkampfauftakt der NPD in Sachsen-Anhalt, und fast die gesamte Führungsspitze der Partei ist nach Krauschwitz gereist. Die rechte Truppe rechnet sich gute Chancen aus, am 20. März in den Magdeburger Landtag einzuziehen. Laut Umfragen liegt die NPD bei derzeit vier Prozent. Und deshalb haben die Funktionäre in einen muffigen Mehrzweckraum geladen, der mit seinem Holztresen, den Glaskugellampen und Wandpaneelen den Charme der siebziger Jahre versprüht. Mittendrin ein ehemaliger Sozialdemokrat. Hans Püschel, graue Haare, Stoppelbart, kräftige Statur, ist Direktkandidat der NPD und ihr neuer Star. Hier im Gemeindehaus, wo der Putz von den Wänden bröckelt und die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, klopfen ihm Nazis auf die Schulter. Manche lassen sich sogar stolz mit ihrem Idol fotografieren.

Demokratisches Aushängeschild der NPD

Anfang November hatte Püschel den NPD-Bundesparteitag im benachbarten Hohenmölsen besucht und dabei seine Sympathie für die braune Truppe entdeckt. Er habe keinen Satz gefunden, den er nicht hätte unterschreiben können, sagte er seinerzeit. Nach 20 Jahren SPD-Mitgliedschaft gab Hans Püschel sein Parteibuch zurück und tourt nun als Konvertit durch die Lande. Zur Fusionsfeier von NPD und DVU Mitte Januar in Berlin war er einer der Hauptredner. Parteichef Udo Voigt nennt ihn "Herr Bürgermeister". Hans Püschel ist das demokratische Aushängeschild für eine NPD, die vor den kommenden sieben Landtagswahlen Seriosität suggerieren möchte.

Als einen "politischen Geisterfahrer" bezeichnet ihn Rüdiger Erben, Staatssekretär im Magdeburger Innenministerium und bis vor acht Wochen Parteifreund von Püschel. Dieser fühlt sich zunehmend unter Druck gesetzt. Vom Kreiskirchenrat wurde er ausgeschlossen, und bei einer internen Sitzung am vergangenen Mittwochabend legten ihm Mitglieder des Gemeinderats den Rücktritt als Bürgermeister nahe. Doch Püschel will sich wehren. Er werde Beschwerde bei der Kirchenleitung in Magdeburg einlegen und notfalls bis vors Verwaltungsgericht ziehen, kündigt er am Donnerstag an. "Ich bin 40 Jahre in der Kirche aktiv, so leicht lasse ich mich nicht abschieben", sagte er. Auch sein Amt als Ortschef von Krauschwitz werde er in den kommenden Monaten weiter ausüben. Trotz "aller Schikanen", wie er sagt - zur Veranstaltung im Gemeindehaus wurde am Wochenende trotz Minusgraden die Heizung abgedreht. "Ich muss mich hier vorführen lassen", schimpft er wenige Stunden nach seinem Vortrag.

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insgesamt 364 Beiträge
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1. Wir brauchen eine echte Volkspartei
tlogor 30.01.2011
Wir brauchen eine echte Volkspartei rechts von der CDU. Aber in der NPD sind mir zu viele ewig gestrige. Die CDU hat bisher davon profitiert, dass aufgrund unserer Vergangenheit eine Stigmatisierung des Rechten Randes stattgefunden hat. Das wievielte Versailles erleben wir derzeit, dank unserer Politiker, die das hart erarbeitete Kapital in aller Welt verschleudern? Sollte bei der nächsten Wahl die "Freiheit" antreten, werde ich sie höchstwahrscheinlich wählen.
2. Wir werden noch mehr davon erleben
cassandra13 30.01.2011
entweder rechts oder links - die Mitte dünnt aus.
3. ...
bloub 30.01.2011
die damalige einschätzung als "staatsfeind" trifft heute mehr denn je zu. da hatte aber jemand ein gutes gespür.
4. Bemerkenswert
kaiserjohannes 30.01.2011
Ausgeglichene Berichterstattung. Die Misere des Staates seine Reform-Unfähigkeit, seine Denkverbote und Schuldkomplexe führen zu einer Shizophränen Gesellschaft die sich immer mehr den Extremen zuwenden wird. Die Partei-politische Landschaft und die Grundstrukturen des Staates gehören komplett erneuert, soll die Demokratie gerettet werden.
5. ähm...
Erz_Atheist 30.01.2011
Zitat von tlogorWir brauchen eine echte Volkspartei rechts von der CDU. Aber in der NPD sind mir zu viele ewig gestrige. Die CDU hat bisher davon profitiert, dass aufgrund unserer Vergangenheit eine Stigmatisierung des Rechten Randes stattgefunden hat. Das wievielte Versailles erleben wir derzeit, dank unserer Politiker, die das hart erarbeitete Kapital in aller Welt verschleudern? Sollte bei der nächsten Wahl die "Freiheit" antreten, werde ich sie höchstwahrscheinlich wählen.
Rechts=Konservativ=Gestrig... Keine Partei wird eine Veränderung zum Wohle der Bevölkerung herbeiführen! Wahlen finden heutzutage im Supermarkt, Elektrohandel, Einrichtungshaus, Heimwerkermarkt, Reisebüro, in den Bankfilialen, beim Medienkonsum, in der Apotheke und überall sonst wo Sie Ihr Geld ausgeben statt. Jeder Euro ist ein kleiner Wahlschein!
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