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Parteitag: CDU will Gentests an Embryonen verbieten

Die Debatte verlief leidenschaftlich, nun hat sich die CDU für ein striktes Verbot der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik ausgesprochen. Eine knappe Mehrheit der Delegierten will Gentests an Embryonen untersagen.

Abstimmung in Karlsruhe: Emotionale Debatte über Gentests an Embryonen Zur Großansicht
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Abstimmung in Karlsruhe: Emotionale Debatte über Gentests an Embryonen

Karlsruhe - Die CDU hat sich für ein striktes Verbot von Gentests an Embryonen ausgesprochen. Das Ergebnis fiel knapp aus: 799 gültige Stimmen wurden abgegeben, 408 Delegierte stimmten für ein Verbot der Gentests. 391 Delegierte indes votierten für die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) in engen Grenzen, 15 enthielten sich der Stimme. Zuvor hatte der Parteitag stundenlang intensiv über das Für und Wider der PID - diskutiert. Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus sagte nach der Aussprache: "Diese Debatte war eine der Sternstunden dieser Partei."

Einen Antrag für ein PID-Verbot hatte die rheinland-pfälzische CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner zusammen mit 29 anderen Delegierten eingebracht. PID sei eine "genetische Selektionsmethode", die die Menschenwürde und das Recht auf Leben verletze, hieß es. Der Antrag fordert die Mitglieder des Bundestages auf, zügig ein Verbot der PID herbeizuführen. Zur Zukunft der PID muss ein Gesetz beschlossen werden, das letzte Wort hat also der Bundestag. Mit einer Entscheidung ist frühestens Anfang nächsten Jahres zu rechnen. Die Unions-Fraktion hat bereits beschlossen, ihren Abgeordneten keinen Fraktionszwang aufzuerlegen und sie frei nach Gewissen entscheiden zu lassen.

Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen auf Erbkrankheiten untersucht, bevor sie in den Mutterleib eingepflanzt werden. Sie können aussortiert werden, wenn eine Fehlgeburt oder die Geburt eines behinderten Kindes droht. Anders als in Belgien, Dänemark oder Frankreich gibt es in Deutschland allerdings bisher kein Gesetz, dass PID ausdrücklich erlaubt oder verbietet. Im Juni 2010 entschied der Bundesgerichtshof in Leipzig, dass Gentests an künstlich befruchteten Embryonen erlaubt sind.

"Heiligkeit des Lebens"

Mit ihrer Entscheidung vom Dienstag hält die CDU an der Festlegung in ihrem Grundsatzprogramm fest, wonach die PID nicht zulässig sein soll. Die Debatte auf dem Kongress war geprägt von ernsthaften und emotionalen Reden. Selbst die CDU-Spitze ist in der Frage gespalten, auf eines aber konnten sich wohl alle Delegierten einigen: "Dies ist eine Debatte, die an die Seele der Partei rührt." So formulierte es Bundestagspräsident Norbert Lammert.

Kanzlerin Angela Merkel hatte sich in ihrer Rede am Montag für ein Verbot der PID ausgesprochen: "Weil ich einfach Sorge habe, dass wir die Grenzen nicht richtig definieren."

Mehrere Redner stellten sich am Dienstag hinter die Ansicht der Bundeskanzlerin. Generalsekretär Hermann Gröhe warb für ein Verbot und nannte die PID unvereinbar mit der "Heiligkeit des Lebens". Es gehe um die gleiche Würde jedes Menschen. Auch Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) warnte, der Schutz des Lebens dürfe nicht relativiert werden. "Wenn wir nicht wollen, dass am Leben experimentiert wird, dann dürfen wir hier und heute die PID nicht zulassen", sagte Kauder. "Wir machen eine Tür auf und wissen nicht, was nach der Tür kommt."

Kabinettsmitglieder widersprachen jedoch der Kanzlerin. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Familienministerin Kristina Schröder plädierten für die Präimplantationsdiagnostik. "Wenn ein sehnsüchtiger Kinderwunsch von solch einer erblichen Belastung überschattet wird, dann kann die PID das Ja zum Kind stärken. Deshalb bin ich für eine Zulassung der PID in engen Grenzen", sagte von der Leyen. Das Verfahren könne "Totgeburten und spätere Abtreibungen vermeiden helfen".

Schröder sagte, es sei "das kleinere Übel, wenn wir die PID zulassen". Es sei besser, wenn im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht und aussortiert werden könnten, als wenn es später zu einer Abtreibung kommen müsse.

kgp/anr/dpa/dapd

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insgesamt 242 Beiträge
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1. Seit langer Zeit ...
JLepping 16.11.2010
... mal wieder ein vernüftiger Vorschlag der Union. Dieses Mal hoffe ich, daß sie es auch druchsetzen kann.
2. "Heiligkeit des Lebens"....
elbröwer 16.11.2010
diese Heiligkeit besteht dann im Elend der Kinder und ihrer Eltern, wenn schwerstgeschädigte Kinder geboren werden. Da die BRD ein kinderfeindliches Land ist und es viel zu wenig Betreuung gibt, werden sid doppelt allein gelassen. Dann heißt es, daß ist Gottes Wille. Für mich hat das C im Parteinamen einen ganz starken Ruch nach Schwefel.
3. .
ambergris 16.11.2010
Gut so, es mag ja Vorteile haben, gleichzeitig muss ich immer daran denken, dass es Personen wie mich gar nicht mehr geben würde, sollten solche Gentests zur Regel werden. Bin mal gespannt, was die FDP dazu sagt.
4. Fakten
Jandokar, 16.11.2010
Die Mitglieder der CDU können entscheiden, was sie wollen. Sollte das Verbot Gesetz werden, lassen verantwortungsvolle Eltern die PID im Ausland machen. Und für die strikt konservativ Gottgläubigen ist künstliche Befruchtung sowie des Teufels, da unnatürlich und nicht gottgegeben.
5. Unfassbar.
der_durden 16.11.2010
Zitat von sysopDie Debatte verlief leidenschaftlich, nun hat sich die CDU für ein striktes Verbot der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik ausgesprochen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE will eine knappe Mehrheit der Delegierten Gentests an Embryonen untersagen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729429,00.html
Dieses unser Land versinkt im christlichen Brei der Willkür, Verlogenheit und Gegensätzlichkeit. Also keine unbeseelten Zellhaufen testen, dafür beseelte Föten noch kurz vor der Geburt abtreiben, wenn erkannt wird, dass Sie einen schweren geneteischen Defekt haben. Das nenne ich Fortschritt. Von der Leidesngeschichte solcher Mütter möchte ich erst gar nicht anfagen zu sprechen... Oder doch, es geht doch um christliche Werte? Für wen? Für den Zellhaufen? Anscheinend. Denn um Föten und deren Mütter scheint sich diese Merkel nicht zu scheren. Weg mit dieser CDU, so schnell wie möglich. Mir wird langsam schlecht. Dabei unterstellt diese Frau den Bürgern Zukunftsfeindlichkeit, weil Sie gegen Atomkraft und teure Infrastrukturprojekte sind, die viel Geld an einer einzigen Stelle binden. Merkel, Du bist unmöglich.
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Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
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Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.

Künstliche Befruchtung
In-vitro-Fertilisation
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Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF), lateinisch für "Befruchtung im Glas", vereinigen sich weibliche Eizellen mit männlichen Spermien im Reagenzglas. Je nachdem, welche Methode angewandt wird, kommt es in 50 bis 70 Prozent der Versuche zur Befruchtung. Zwei bis fünf Tage später werden üblicherweise zwei Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Etwa 14 Tage danach verrät ein Schwangerschaftstest, ob die Prozedur erfolgreich war. Unter dem Strich führt die künstliche Befruchtung in 20 bis 40 Prozent der Fälle zu einer Geburt. Mehr auf der Themenseite...
Die Methoden
Die künstliche Befruchtung kann auf unterschiedliche Arten vorgenommen werden:

Klassische In-vitro-Fertilisation (IVF): Zunächst werden durch eine Hormonbehandlung Eizellen im Körper der Frau zum Reifen gebracht und später entnommen. Sie kommen zusammen mit den männlichen Spermien in ein Reagenzglas, wo im Idealfall eine spontane Befruchtung stattfindet.

Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Sind die Spermien in ihrer Beweglichkeit gestört oder nur in geringer Zahl in der Samenflüssigkeit enthalten, kommt die ICSI-Methode zum Einsatz: Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.

Sonderformen der Injektion werden angewandt, wenn es weitere Probleme mit der Spermiengewinnung gibt. Bei einer wird das zu injizierende Spermium zusätzlich anhand seiner äußeren Merkmale ausgesucht. Sind die Samenwege des Mannes verstopft, können Mediziner die Spermien auch direkt aus Hoden oder Nebenhoden gewinnen.
Rechtliche Lage
In Deutschland ist die künstliche Befruchtung rechtlich gestattet, wenn es bei einem Paar ein Jahr lang trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs nicht zu einer Zeugung gekommen ist. Die In-vitro-Fertilisation macht es auch möglich, befruchtete Eizellen zu spenden oder ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Beides ist in Deutschland jedoch durch das Embryonenschutzgesetz verboten, während die Samenspende erlaubt ist.
Geschichte
1968 gelang es dem englischen Forscher Robert Geoffrey Edwards zum ersten Mal, im Labor eine menschliche Eizelle zu befruchten. Zehn Jahre später, am 25. Juli 1978, wurde Louise Brown im Oldham General Hospital in Manchester geboren. Sie war das erste Kind, das aus einer künstlichen Befruchtung hervorging. Inzwischen ist das Verfahren medizinischer Standard: 2004 kamen weltweit geschätzte 1,5 Millionen Kinder dank künstlicher Befruchtung zur Welt. Eine "monumentale" Veränderung, fand das schwedische Karolinska-Institut, das Edwards 2010 mit dem Medizin-Nobelpreis auszeichnete.


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