Parteitag in Neumünster: Piraten streiten über ihre Regierungsfähigkeit
Grundsatzdiskussion vor dem Parteitag: Die Führung der Piraten streitet darüber, wie sie mit ihrem gigantischen Erfolg umgehen soll. Der Parteivorsitzende Nerz will Regierungsverantwortung übernehmen. Doch Geschäftsführerin Weisband sagt: "Wir lernen noch."
Neumünster - Die Führung der Piraten ist uneins, wie sie mit dem erwarteten Erfolg bei den kommenden Landtagswahlen umgehen soll. Der Parteichef Sebastian Nerz plädiert dafür, sich eine Regierungsbeteiligung offenzuhalten. Er sagte der "Frankfurter Rundschau", die Piraten müssten dafür bereit sein, "wenn keine andere Konstellation möglich ist und wir Gelegenheit erhalten, unsere Inhalte umzusetzen". Nerz gab aber zu, dass sich die Partei noch an die Parlamentsarbeit gewöhnen müsse.
Gegen eine Regierungsbeteiligung sprach sich dagegen die scheidende Geschäftsführerin Marina Weisband aus. Sie sagte der "Passauer Neuen Presse", die Piraten müssten erst einmal in der Opposition Erfahrung sammeln. "Der Sprung von gar nicht im Parlament zum Regieren ist viel zu groß", warnte sie und fügte hinzu: "Auch wir lernen noch."
Die Piraten streiten über ihre Regierungsfähigkeit. Angesichts der kurzen Geschichte der Partei wirkt das wie Hybris. Doch die Erfolge bei den Landtagswahlen und die konstant steigenden Werte bei Umfragen haben aus einem Höhenflug einen kontinuierlichen Aufstieg gemacht. Auf Bundesebene liegen sie derzeit zwischen 9 und 13 Prozent, auch bei den anstehenden Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen können sie mit einem Einzug ins Parlament rechnen. Die Piraten scheinen im deutschen Parteiensystem angekommen.
Bahr erklärt Piraten zum Vorbild
Darauf weisen auch die Attacken der vergangenen Wochen hin, die aus den etablierten Parteien kamen. Vor dem Parteitag in Neumünster ernten die Piraten dagegen vor allem Lob. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte der "Leipziger Volkszeitung": "Die Piraten sind eine relativ neue Partei, die das politische Spektrum jetzt noch vielfältiger macht, und sie sind eine interessante Erscheinung, von der wir noch nicht wissen, wie es mit ihr weitergeht."
Gesundheitsminister Daniel Bahr forderte seine Partei, die FDP, sogar auf, die Piraten als Vorbild zu nehmen. "Bei Transparenz und anderen Dialogformen im Internet waren wir mal Vorreiter", sagte Bahr. "Zuletzt haben wir das jedoch vernachlässigt."
In Neumünster werden am Wochenende mehr als 2000 abstimmungsberechtigte Parteimitglieder erwartet. Sie wählen einen neuen Vorstand, der 28-jährige Nerz bewirbt sich um die Wiederwahl - neben ihm gibt es noch neun andere Kandidaten.
Nerz wies den Vorwurf zurück, es gebe rechtsextreme Tendenzen in der Partei: "Wir lehnen Diskriminierung, Rassismus und Sexismus klar ab", sagte er der "FR". Die Partei sei gegründet worden, um die Freiheit und Würde des Menschen hochzuhalten. Dies vertrage sich nicht mit rechtsextremem Gedankengut. Ob das Thema auf dem Parteitag eine Rolle spielen wird, ist allerdings offen.
cte/AFP/dpa
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