Von Annett Meiritz, Fabian Reinbold und Ole Reißmann, Neumünster
Die Piraten sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Das zeigt sich auf dem Parteitag in Neumünster immer dann, wenn Geschäftsführerin Marina Weisband auf die Bühne tritt. Zweimal spricht sie zu ihrer Partei, zweimal sorgt die Präsenz der zierlichen 24-Jährigen für Blitzlichtgewitter. Es ist ihr letzter Parteitag als Oberpiratin, sie will im künftigen Vorstand keine Rolle mehr spielen. Trotzdem ist sie binnen Sekunden umringt von Dutzenden Kameras, überall, wo sie auftaucht, immer wieder. Nicht allen Piraten gefällt die Aufmerksamkeit für die einstige Underdog-Partei. "Scheiß Personenkult!", ruft ein Pirat in den vorderen Reihen, als Weisband ihre Abschiedsrede hält.
"Für uns beginnt nun ein neues Kapitel", sagt die Studentin, sie will ihren Piraten Mut machen. "Jetzt werden wir ernst genommen, jetzt wird gegen uns geschossen, aber auch das schaffen wir." Doch ihre Worte wirken seltsam leidenschaftslos, es spricht nicht mehr die euphorische, kämpferische Weisband, die auf dem Parteitag im vergangenen Jahr noch den ganzen Saal zu begeistern vermochte. Diesmal wirken die Zuhörer eher ernüchtert, und so wirkt auch Weisband: ernüchtert vom Erfolg. "Ich habe alles getan, was ich tun konnte", sagt sie und räumt ein: "Ich habe nicht das geschafft, was ich erreichen wollte." Auch Weisband, die man wie kaum eine andere mit dem Erfolg der Piraten verknüpft, ist nicht mehr die, die sie einmal war.
Nerz muss um Wiederwahl zittern
Ein Vorstand für zwei Jahre statt einem Jahr? Abgelehnt. Ein Beirat, der parallel zum Vorstand tagt? Zu viel Machtapparat. "Das wäre doch Politik 1.0", wirft der angesehene Pirat Martin Haase unter Applaus in die Debatte. Ein Antrag zur Trennung von Amt und Mandat? Kommt ebenfalls nicht durch, zu viel Regulierung fürs Piratenherz. Immerhin sollen die Lasten künftig auf mehrere Schultern verteilt werden. Ein Antrag, den Vorstand von sieben auf neun Mitglieder auszubauen, wird abgesegnet.
Der Berliner Abgeordnete Christopher Lauer, der im vergangenen Jahr gegen Nerz angetreten war, sieht im Festhalten am Alten ein Versagen des Vorstands. Der hätte seiner Meinung nach im vergangenen Jahr eine Änderung an der Struktur zusammen mit den Mitgliedern vorbereiten müssen. "Das ist versäumt worden, und das ist schade", sagt Lauer. Bundesvize Schlömer sieht die Sache entspannter: Er schwärmt von einer "hochmotivierten Basis", der man bei allem Druck nicht zu viel zumuten dürfte. "Wir sind im ständigen Konkurrenzkampf mit den anderen Parteien, dürfen aber trotzdem nicht unsere Unschuld verlieren." Schlömer glaubt fest daran, dass die Piraten bis 2013 "wettbewerbsfähig" werden können.
Ohne ein breites Themenspektrum und eine klare Strategie dürfte das schwierig werden. Um das Parteiprogramm geht es in Neumünster aber nur am Rande, im Vordergrund steht das Personal. Die Piraten wählen noch im Laufe des Vormittags ihren neuen Vorstand. Dann tritt der Parteivorsitzende Sebastian Nerz gegen seinen Stellvertreter Schlömer an. Die beiden sind mit der Berliner Piratin Julia Schramm Favoriten auf den Führungsposten. Nerz muss um seine Wiederwahl fürchten, in einer parteiinternen Umfrage liegt Schlömer vorne. Spannend wird auch die Wahl eines Nachfolgers von Weisband - dort gibt es viele Bewerber, aber keinen Favoriten, der die benötigte Mehrheit des Parteitags auf sich vereinen könnte.
"Marina will nicht mehr"
Es sind wichtige Weichenstellungen für die Newcomer-Partei, umso mehr verwundert sind die Organisatoren darüber, dass weniger Piraten gekommen sind als erwartet. Statt bis zu 2500 sind bis zum Mittag nur rund 1500 Piraten in den Holstenhallen erschienen, kaum mehr als vor einem halben Jahr in Offenbach - dabei darf doch jedes Parteimitglied abstimmen. Die Organisatoren sind selbst ein wenig ratlos. Das Wetter vielleicht, heißt es, oder der weite Weg in den Tagungsort im Norden, der sich Verkehrsknotenpunkt nennt.
Streiten können die Piraten dennoch wie in alten Tagen. Aufregung bricht aus, als auf dem Parteitag Rechtsextreme keine zu große Bühne bekommen sollen. Die Debatte um Nazi-Vergleiche und Mitglieder mit fragwürdiger Gesinnung hat die Piraten alarmiert. Es geht um den Ruf der jungen Partei, also wird spontan beschlossen, nicht jeden Kandidaten einfach so zehn Minuten ans Mikrofon zu lassen. Jeder einzelne Bewerber für den Bundesvorsitz soll in der Halle mindestens 20 Unterstützer-Unterschriften sammeln. Einige Piraten protestieren dagegen, doch bevor das Rumoren ausufert, greift die Versammlungsleitung ein.
Der künftige Piratenvorstand wird gegen Problemmitglieder in den eigenen Reihen eine Strategie entwickeln müssen. Doch schon die jetzige Führungsriege ist in Teilen ausgelaugt, mehrere Kandidaten haderten lange damit, wieder anzutreten. Weisband hatte sich schon vor einer Weile entschieden aufzuhören. In Neumünster führen Vertraute die Piratin von der Bühne, schirmen sie gegen die Kamerateams ab. Es wirkt fast so, als wollten sie sie schützen. Der Höhenflug und die Medienlawine, aber auch die Strukturen der Piraten haben Spuren hinterlassen.
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