Parteitag ohne Althaus Thüringer CDU stärkt ihren Phantom-Kandidaten

Große Geschlossenheit, keinerlei Kritik: Die Thüringer CDU hat Dieter Althaus mit riesiger Mehrheit auf Listenplatz eins für die Landtagswahl gewählt - in Abwesenheit. Angeblich verläuft seine Genesung blendend, doch die Delegierten bekamen nicht einmal eine Videobotschaft zu sehen.

Aus Waltershausen berichtet


Waltershausen - Die amtierende Ministerpräsidentin steht schon eine Weile am Rednerpult, aber noch ist der Saal unruhig. Dann sagt Birgit Diezel einen Satz, der alle Gespräche schlagartig verstummen lässt: "Ich will auf ein Ereignis zu sprechen kommen, das alle Menschen in Deutschland erschüttert hat." Aber es ist gar nicht der Skiunfall von Dieter Althaus, über den Diezel sprechen will - sondern der Amoklauf von Winnenden und Wendlingen.

Doch natürlich ist es das Thema Althaus, das im Mittelpunkt des Listenparteitags in Walterhausen steht. Trotz der Abwesenheit des Ministerpräsidenten. Wegen seiner Abwesenheit. Im "Veranstaltungszentrum Gleis3eck" schart sich an diesem Tag die Thüringer CDU um einen Vorsitzenden und Ministerpräsidenten, der gar nicht da ist. Seit seinem schweren Skiunfall am Neujahrstag, den er mit schweren Kopfverletzungen überstand, während die mit ihm kollidierte Frau ums Leben kam, ist Althaus ein Phantom.

Das Signal aus Waltershausen: Die Thüringer CDU steht auch zum Phantom Dieter Althaus.

"Es gibt nicht immer nur Sonnenschein", sagt Birgit Diezel in ihrer Eröffnungsrede, als sie auf den Althaus-Unfall und die vergangenen zweieinhalb Monate zu sprechen kommt. Aber die Thüringer CDU hätte in den zurückliegenden Wochen gezeigt, dass Politik kein Einzelkämpfer-, sondern ein Mannschaftssport sei." Das funktioniert auch, wenn der Kapitän nicht an Bord ist", sagt Diezel und wird ein bisschen lauter: "Gemeinsam sind wir stark."

Althaus-SMS: Botschaft vom abwesenden Spitzenkandidaten
DPA

Althaus-SMS: Botschaft vom abwesenden Spitzenkandidaten

Vom Tag des Unfalls ließ die Parteispitze keinen Zweifel daran: Ohne Althaus geht nichts im Freistaat. Finanzministerin Diezel als kommissarische Ministerpräsidentin und der Rest der Regierung haben seitdem brav verwaltet. Die Parteiführung wiederum war bemüht, den Laden zusammenzuhalten. Aber mehr eben auch nicht.

"Seine Genesung macht große Fortschritte", sagt Birgit Diezel. Sie hat Althaus vor einigen Tagen in Konstanz besucht, wo er weiterhin in einer Reha-Klinik stationär behandelt wird. Beinahe jeder aus der Parteispitze übermittelte in den vergangenen Tagen ähnliche Botschaften. Von guten Telefongesprächen mit Althaus ist die Rede, Katharina Althaus assistierte in einem gut getimten "Stern"-Interview. Vier Kilometer täglich jogge sie täglich mit ihrem Mann, erzählte die Althaus-Gattin und berichtete von weiteren außerordentlichen Fortschritten.

Man könnte meinen, der Kabarettist Gerd Hoffmann, für dessen baldigen Auftritt im "Gleis3eck" an den Eingangstüren geworben wird, hätte das Motto dieses Parteitags vorgegeben: Sein Programm heißt: "Allet wird jut".

Obwohl es Althaus nach offizieller Darstellung so gut geht, gibt es für die Delegierten in Waltershausen nicht einmal eine Video-Botschaft von ihm. "Es sollte eben keine Show-Veranstaltung werden", sagt Landesgeschäftsführer Andreas Minschke zur Erklärung, "sondern eine ganz nüchterne Listen-Verabschiedung." Andernfalls "hätte es doch gleich wieder Zweifel gegeben: Sieht er gut aus, sieht er schlecht aus."

Immerhin darf Statthalterin Diezel eine weitere Botschaft verlesen. Schon vor gut einer Woche hatte der Ministerpräsident schriftlich seine Rückkehr in die Politik angekündigt. Damals reagierte er auf den öffentlichen Druck nach dem überraschenden Urteil in Österreich:

Ein Gericht in der Steiermark hatte ihn der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von 33.000 Euro verurteilt."Alles würde ich dafür geben, das tragische Unglück ungeschehen zu machen." So steht es in der Althaus-Erklärung an die Delegierten. Und dann liest Birgit Diezel den Satz vor, auf den alle gewartet haben. "Ich bin bereit, dem Freistaat weiter zu dienen." Noch vor der Sommerpause wolle er in sein Amt zurückkehren. Da brandet Applaus auf, und als der zu einem rhythmischen Klatschen wird, legt sich ein breites Lächeln über Diezels Gesicht.

Sie lächelt auch, als das Ergebnis für die Wahl zum Listenplatz eins bekannt gegeben wird. Dass Dieter Althaus deutlich unter den 100 Prozent liegen würde, mit denen man ihn im Herbst zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 30. August akklamiert hatte, war zu erwarten. Sieben Gegenstimmen in geheimer Wahl - diese knapp 95 Prozent für Dieter Althaus sind ein gutes Ergebnis. Für einen Kandidaten in Abwesenheit sind sie nachgerade eine Sensation.

Auch Althaus selbst scheint davon angetan zu sein. Plötzlich hält einer aus dem Tagungspräsidium ein Handy in die Höhe - darauf offenbar eine SMS Dieter Althaus' vom Bodensee. "Dieses Ergebnis ist Verpflichtung und Ansporn zugleich", ist im Display zu lesen. Und: "Ich freue mich, für und mit euch zusammen zu kämpfen."

Über die wirkliche Stimmungslage in der Partei sagt das Althaus-Ergebnis allerdings wenig aus. Natürlich wurde über die Zweifel an der Rückkehr Althaus' und mögliche Alternativen in Hinterzimmern gesprochen. Aber nach außen - darin war die Thüringer CDU immer stark - ist sie geschlossen. Und kennt keine Zweifel. So ticken auch die Delegierten.

Es könnte höchstens einen in der Thüringer CDU geben, der ausschert. Und das ist Dieter Althaus selbst. Denn in seiner Grußbotschaft heißt es auch: "Wir können Pläne haben, wir können auf Sicherheiten setzen, aber ein solch schicksalhaftes Ereignis kann von einem auf den anderen Moment alles verändern." Noch hat er seine Rückkehr nur angekündigt.

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