Parteiwerbung WDR verschiebt Stöhn-Wahlspot der Linken ins Abendprogramm

Öffentlich-rechtliche Sex-Bedenken: Der WDR will einen Radiospot der Linken nur abends ausstrahlen. Der Sender hält akustische Liebesszenen in der sonst eher bieder anmutenden Wahlwerbung für jugendgefährdend.


Berlin - Es kommt eher selten vor, dass man von politischer Wahlwerbung behaupten kann, sie sei sexy. Die Linke hat sich jedoch für die Europawahlen ins Zeug gelegt und einen Radiospot produziert, in dem ein Paar unüberhörbar versucht, ein Kind zu zeugen - und dabei eher biedere Wahlkampf-Plattitüden formuliert, die im Bett eher ungewöhnlich sind.

Das Stöhnen hat zwar alles mit Europapolitik nichts zu tun, der Spot ist auch nur mäßig originell oder gar erregend, aber für die Juristen des Westdeutschen Rundfunks reichte das hörbare Liebesleben, um eine Ausstrahlung zur Mittagszeit zu untersagen.

"Ihr Wahlwerbespot stellt ein entwicklungsbeeinträchtigendes Angebot dar", ließ der WDR die Bundesgeschäftsstelle der Linken wissen und tadelte: "Der angelieferte Spot ist geeignet, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu einer gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen."

Durch Dauer und Intensität "der akustischen Darbietung des Geschlechtsverkehrs im Mittagsprogramm von WDR 4 werden Jugendliche und insbesondere Kinder unfreiwillig und möglicherweise ohne Aufsicht oder Betreuung der sexuellen Darstellung ausgesetzt".

Im feinsten Juristendeutsch begründet der WDR die Verbannung ins Abendprogramm, denn "die Dauer der akustisch dargestellten Szene, ihre Intensität, aber auch die Wiederholung in der Mitte des Spots verfestigen die Wirkung auf Jugendliche und insbesondere Kinder". Damit weiche der Spot "in solchem Maße vom gesellschaftlichen Wertekonsens einer Sendung im öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogramm zur Mittagszeit ab, dass wir uns verpflichtet sehen, die Ausstrahlung zu verlegen".

Der Wahlkampfleiter der Linken, Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, rätselt nun, was man beim WDR in Köln unter "gesellschaftlichem Wertekonsens" und einer "gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit" versteht. "Offenbar gelten nicht überall im Land die gleichen Sex-Maßstäbe", sagt Bartsch, denn andere öffentlich-rechtliche Sender wie der MDR, NDR und HR strahlten den Spot anstandslos auch mittags aus.

Das Angebot des WDR, den Spot "unter Berücksichtigung unserer jugendschutzrechtlichen Bedenken zu überarbeiten" will Bartsch aber ablehnen. Bei einer Ausstrahlung im Abendprogramm, so Bartsch, erreicht man sowieso viel mehr Hörer, "es sei denn, die sie sind gerade abgelenkt durch Tätigkeiten, die sie daran hindern eine gemeinschaftsfähige Persönlichkeit im Sinne des WDR zu entwickeln".



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