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Passagierkontrollen: Experten bezweifeln Nutzen der Nacktscanner

Plötzlich kann es mit der Einführung der Nacktscanner nicht schnell genug gehen. Die schwarz-gelbe Koalition würde die Geräte am liebsten noch in diesem Jahr flächendeckend einsetzen. Englische Experten winken ab: den nigerianischen Flugzeugbomber hätten auch die Scanner nicht entdeckt.

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Ganzkörper-Scanner: Abtasten mit Wellen
Berlin/London - Das Jahr ist noch keine drei Tage alt, da gibt es schon einen ersten Kandidaten für das Unwort des Jahres: Nacktscanner. Das Gerät schaffte innerhalb kürzester Zeit einen vollständigen Imagewandel. Eben noch ein umstrittener Apparat, der die Intimsphäre und den Datenschutz von Flugpassagieren verletzt, ist er inzwischen vom politischen Mainstream als Hoffnungsträger adoptiert worden.

Nach dem Willen führender Unionspolitiker sollten die Durchleuchtungsgeräte nun möglichst schnell flächendeckend aufgestellt werden - und zwar noch dieses Jahr, in einer modernen ethisch unbedenklichen Version. Gut eine Woche nach dem knapp vereitelten Attentat eines Nigerianers in einem US-Flugzeug drückt die Unionsfraktion im Bundestag aufs Tempo. "Wir sind zuversichtlich, dass wir im Sommer Forschungsergebnisse für eine ganz neue Generation von Körperscannern vorstellen können", sagte Bundesforschungsministerin Annette Schavan der "Bild am Sonntag".

Auch der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), ist zuversichtlich, dass die weiterentwickelte Scanner-Technologie schon 2010 auch hierzulande zum Einsatz kommen wird: "Nach meiner Einschätzung werden wir in einem halben Jahr mit Testversuchen auf deutschen Flughäfen beginnen können", sagte Bosbach der "Osnabrücker Zeitung". "Wenn alles glatt läuft, könnte einige Monate später der Normalbetrieb beginnen." Der "Berliner Morgenpost" erklärte der Innenexperte, die neueren Geräte zeigten "nicht den Körper des einzelnen Passagiers, sondern ein Piktogramm. Und nur im Falle eines Treffers wird dann die Körperstelle angezeigt, an der sich beispielsweise ein in der Achselhöhle verstecktes Keramikmesser befindet." Die neue Technologie könne auch ohne Einsatz von Strahlen am Körper verborgene Gegenstände erkennen.

Alarmierender Selbstversuch bei der Bundespolizei

Dazu kam eine erschreckendes Erkenntnis aus den Reihen der Polizei, mit der man die Öffentlichkeit bislang seltsamerweise noch nicht behelligt hatte: Die neuen Scanner seien aus Sicherheitsgründen unbedingt notwendig, erklärte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg - und berichtete von interessanten Selbstversuchen: "Es gab Realtests von Bundespolizisten, bei denen Beamte versucht haben, mit ihren Waffen durch die Sicherheitsschleusen zu kommen. Leider gab es teilweise eine Erfolgsbilanz von 30 Prozent - zu Lasten der Sicherheit."

In drei von zehn Versuchen war es den Beamten an manchen Flughäfen also gelungen, Schusswaffen durch die bestehenden Sicherheitskontrollen zu schmuggeln. Also an allen Metalldetektoren und abtastenden Händen des Sicherheitspersonals vorbei, die eigentlich solche Brocken einwandfrei identifizieren können müssten. Eine Einführung neuer Geräte wird das Problem also nicht allein lösen können.

Wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass das Personal an deutschen Flughäfen auch ohne Terroristen schon reichlich zu tun hat. Allein am Frankfurter Flughafen seien von Januar bis November 2009 mehr als 64.000 als gefährlich eingestufte Objekte beschlagnahmt worden, sagte Bundespolizei-Sprecherin Nicole Ramrath dem Magazin "Focus". Darunter seien auch 726 Gewehre und Pistolen gewesen.

Auch Nacktscanner hätten den Flugzeugbomber nicht entdeckt

Die Forderung nach dem Nacktscanner kam überhaupt nur deshalb auf, weil den Kontrolleuren am Flughafen Schipohl in Amsterdam eine sehr geschickt versteckte Waffe entgangen war. Der Nigerianer Umar Faruk Abdulmutallab hatte etwa 100 Gramm Pentaerythrityl Tetranitrat - kurz Nitropenta oder PETN - in seine Unterhose genäht und eine Spritze mit einem Brandbeschleuniger durch die Kontrollen geschmuggelt, mit der er den Sprengstoff zünden wollte. Bei richtiger Anwendung, sagen Experten, hätte das ein Loch in den Rumpf des Flugzeugs gesprengt und zum sofortigen Absturz der Maschine geführt. Am Flughafen Schipohl sind bereits die ersten Nacktscanner im Einsatz. Ob der verhinderte Flugzeugbomber diese Kontrollen passiert hat, ist zurzeit noch nicht geklärt. Wahrscheinlich ist aber, dass die Nacktscanner in Amsterdam die Minibombe auch nicht entdeckt hätten. Englische Fachleute, die an der Entwicklung der Scanner beteiligt waren, sagen es ohne Umschweife: Die neuen Geräte funktionieren ausgezeichnet, sie können mehr als alle Apparaturen und Schleusen, die jemals an Flughäfen aufgestellt worden sind. Nur einen Sprengstoff, wie ihn Abdulmutallab am Körper trug, den hätten auch sie nicht aufspüren können.

"Schlagzeilenschinderei", nennt Ben Wallace, konservativer Abgeordnete im britischen Unterhaus, deshalb die Forderung des Premiers Gordon Brown, Flugpassagiere möglichst bald mit den neuen Scannern zu durchleuchten. Wallace hat für die Rüstungsindustrie gearbeitet, und zwar als Berater für das Unternehmen QinetiQ, das an der Entwicklung der Terahertz-Technik beteiligt war und entsprechende Scanner herstellt. Wallace weiß also wovon er spricht, wenn er britischen Tageszeitungen von "Independent" bis "Daily Mail" Vorzüge und Nachteile der neuen Technologie erklärt: "Die neuen Geräte gefährden die Gesundheit nicht, sie arbeiten schnell, sie können offen oder verdeckt eingesetzt werden."

Die Scanner seien ideal, sagt Wallace, um selbst aus größerer Entfernung Schusswaffen, Messer und sogar feinste Metallsplitter zu erkennen. Auch schwerer Plastiksprengstoff wie C4 würde von den Geräten nachgewiesen. Nicht aber Materialien geringer Dichte, pulverförmige Substanzen, Flüssigkeiten - Materialien eben wie PETN.

Englische Sicherheitsexperten diskutieren bereits den nächsten Schritt

QinetiQ arbeitet inzwischen an der neuen Generation von Scannern, die sich deutsche Politiker so dringend wünschen. Sie durchdringen die Kleidung der Passagiere, zeigen aber nicht den individuellen "nackten" Körper, sondern ein gleichförmiges Piktogramm. Die Frage, ob Nacktscanner die Intimsphäre oder den Datenschutz verletzten, hat man mit diesen Geräten möglicherweise entschärft - aber einen Umar Faruk Abdulmutallab noch lange nicht verhindert. Kevin Murphy, Product Manager bei QinetiQ, räumt wie Ben Wallace ein, dass die raffinierte Bombe des Nigerianers auch von den Geräten der aktuellen Generation nicht erkannt werden kann. Sie könnten lediglich ein Glied in der Sicherheitskette sein. "Das Gerät, das alle Probleme auf einmal löst", sagte er dem "Independent", "existiert nicht."

Ben Wallace ist inzwischen schon einen Schritt weiter. Wenn es den Apparat nicht gibt, der den Passagier an der Sicherheitsschleuse durchleuchtet, müsse man eben eine Schritt früher mit der Kontrolle anfangen, wer denn eigentlich auf den Flieger darf: "Wir müssen uns fragen, ob eine solche Frage der nationalen Sicherheit nicht danach verlangt, die Passagiere nach bestimmten Fahndungsprofilen zu sieben." Es sei doch nicht einzusehen, sagte er der "Daily Mail", "warum überhaupt alle am Flughafen so gründlich durchsucht werden müssen".

Und damit beginnt ein ganz neues Kapitel der Diskussion, welche Verletzungen der Persönlichkeitsrechte im Namen der Sicherheit noch kommen könnten.

oka/APD/ddp/dpa/Reuters

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Forum - Flugsicherheit - ist der Einsatz von Nacktscannern ethisch vertretbar?
insgesamt 595 Beiträge
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1.
inci 30.12.2009
Zitat von sysopIm Zuge der Sicherheitsdebatte ist auch die Diskussion um die so genannten Nackrtscanner wieder entbrannt. Abgesehen von der Effizienz der Geräte - ist ihr Einsatz Ihrer Meinung nach ethisch vertretbar?
kurz und knapp: NEIN!
2. Keine Effizienz
Christian Bechmann 30.12.2009
Zitat von sysopIm Zuge der Sicherheitsdebatte ist auch die Diskussion um die so genannten Nackrtscanner wieder entbrannt. Abgesehen von der Effizienz der Geräte - ist ihr Einsatz Ihrer Meinung nach ethisch vertretbar?
....Ethisch und Gesundheitlich vertretbar?, müßte eigentlich die Frage lauten. Für Dauerflieger wäre so eine täglich verabreichte Röntgenstrahlung-Dosis ein Ticket für eine Krebserkrankung. Im Übrigen glaube ich nicht an die 100% Sicherheit, selbst wenn man die Kontrolle auf Darmspülung und Urinprobe ausweiten würde , die Gefahr eines Anschlags besteht immer.
3. Nacktheit
Was-weis-Duden 30.12.2009
Zitat von sysopIm Zuge der Sicherheitsdebatte ist auch die Diskussion um die so genannten Nackrtscanner wieder entbrannt. Abgesehen von der Effizienz der Geräte - ist ihr Einsatz Ihrer Meinung nach ethisch vertretbar?
Der Mensch ist von Natur aus nackt. Daher kurz und knapp: selbsverständlich Ja!
4.
Olaf 30.12.2009
Zitat von sysopIm Zuge der Sicherheitsdebatte ist auch die Diskussion um die so genannten Nackrtscanner wieder entbrannt. Abgesehen von der Effizienz der Geräte - ist ihr Einsatz Ihrer Meinung nach ethisch vertretbar?
Kommt auf die Umstände an. Auf jeden Fall ist mir so ein Ding lieber als eine Leibesvisitation.
5.
Kryoniker 30.12.2009
Zitat von incikurz und knapp: NEIN!
Ob der "Nacktscanner" gesellschaftlich gewollt und gesundheitlich unbedenklich ist, darüber kann man ja diskutieren. Diese neue Scannergeneration aber schon aus ethischen oder religiösen Gefühlen abzulehnen, halte ich für falsch. Manche hielten es ja auch für falsch, einen nackten Mann und eine nackte Frau auf der Pioneer-Plakette abzubilden. Der Protest kam, dreimal darf man raten, natürlich aus der christlich-fundamentalistischen Ecke.
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Vereitelter Anschlag auf US-Flugzeug: Aufregung in Detroit
Nacktscanner
Was ist der Vorteil eines Nacktscanners?
Körperscanner sind Geräte, mit denen die Oberfläche des menschlichen Körpers unter der Kleidung abgebildet werden kann. So sollen versteckte Gegenstände sichtbar gemacht werden - etwa Sprengstoff oder sogenannte Nichtmetallwaffen wie Keramikmesser, die bei herkömmlichen Scannern unerkannt bleiben.
Wie funktioniert das Gerät?
REUTERS/ TSA
Für die Nacktscanner gibt es zwei technische Methoden: Röntgenstrahlen und die Terahertzstrahlen. Bei der Röntgenmethode ist die mittlere Gesamtstrahlenbelastung geringer als beim konventionellen Röntgen. Die dabei anfallende Strahlung entspricht nach Angaben der US-Flugsicherheitsbehörde TSA in etwa der Dosis, der ein Passagier innerhalb von zwei Minuten in einem Flugzeug auf Reiseflughöhe ausgesetzt ist.

Die Terahertzmethode setzt elektromagnetische Strahlung im Grenzbereich zwischen Infrarotlicht und Mikrowellenstrahlung ein. Die sogenannten T-Wellen sind Teil der natürlichen Wärmestrahlung. Bis vor wenigen Jahren waren diese technisch noch gar nicht zugänglich. Die Terahertzmethode wird untergliedert in eine aktive und eine passive Form. Bei der aktiven Methode scannt ein fokussierter Strahl den Körper ab und konstruiert aus der Rückstreuung ein Bild. Bei der passiven Methode wird nur die natürliche Wärmestrahlung des menschlichen Körpers erfasst, wodurch ein Bild ohne anatomische Details erzeugt wird. Im Vergleich zur Röntgenmethode ist die auf den menschlichen Körper wirkende Energie bei der aktiven Terahertzmethode wesentlich geringer, im Passivmodus wirkt sogar überhaupt keine Strahlenquelle auf den Körper.
Warum ist der Scanner umstritten?
Datenschützer halten den flächendeckenden Einsatz von Scannern für unverhältnismäßig. Besonders kritisiert wird an den Geräten, dass die erzeugten Nacktbilder die Privatsphäre oder sogar die Menschenwürde verletzen. Außerdem können die Scanner keine Substanzen oder Gegenstände erkennen, die in Körperöffnungen wie Mundhöhle, Gehörgang oder Rektum eingeführt wurden.
Wird der Körperscanner in Europa eingesetzt?
Sogenannte Nacktscanner werden in der EU bislang nur zu Testzwecken eingesetzt. Die EU-Kommission erklärte zwar im Herbst 2008, den Einsatz dieser Geräte an Flughäfen zulassen zu wollen, doch das Europaparlament stoppte das Vorhaben. In Deutschland begannen im Dezember 2008 Laborversuche bei der Bundespolizei, ab September 2010 sollen erste freiwillige Tests am Hamburger Flughafen stattfinden.

DPA
Eine neue Generation von Scannern wird derzeit in Amsterdam, London und Zürich getestet - ebenso wie in Moskau und US-amerikanischen Städten. Laut Experten sind diese Geräte vollkommen automatisiert. Die Scanbilder von unbekleideten Körpern bekommt - angeblich zumindest - kein anderer Mensch mehr zu sehen, sondern nur noch der Computer. Sobald dem Rechner an einem Körper etwas gefährlich erscheint, sendet er eine Warnmeldung.


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