Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Pate Wulff in Nöten: Das verflixte siebte Kind

Von

Der Bundespräsident beglückt kinderreiche Familien mit einer Ehrenpatenschaft für den Nachwuchs - aber bei Familie Müller aus Lalendorf gibt es Probleme. Weil sie rechtsradikal sei, widersetzt sich der Bürgermeister und händigt Christian Wulffs Urkunde nicht aus. Jetzt wird er bedroht.

Bundespräsident Wulff: Probleme mit einer quasi-automatischen Patenschaft Zur Großansicht
DPA

Bundespräsident Wulff: Probleme mit einer quasi-automatischen Patenschaft

Berlin/Lalendorf - Lalendorf steht nicht auf Christian Wulffs Tagesprogramm für diesen Donnerstag. "09.12.2010: Antrittsbesuch im Land Mecklenburg-Vorpommern" ist auf der Internetseite des Bundespräsidenten zu lesen. Dann folgen einige Termine im Städtchen Waren an der Müritz und drum herum, zuletzt wird er zu einem Gespräch über Gesundheitswirtschaft am Fleesensee in Göhren-Lebbin erwartet.

Von dort wären es nur einige Minuten im Auto bis nach Lalendorf im Landkreis Güstrow, wo dieser Tage ein Bürgermeister unter Polizeischutz steht - weil er von Rechtsextremen bedroht wird. Reinhard Knaack heißt der Mann, er ist Mitglied der Linkspartei, und mit dem Staatsoberhaupt hätte er eine Menge zu besprechen. Knaack würde ihm davon berichten, dass am Wochenende vermummte Rechtsradikale auf seinem Grundstück waren, Anrufer mit Brandanschlägen drohen und im Internet zur Gewalt gegen ihn aufgerufen wird. Knaack würde dem Präsidenten auch sagen, dass eine Unterschrift Wulffs der Grund dafür ist.

Bürgermeister Knaack hat nein gesagt, als ihm Mitte November eine Urkunde aus dem Bundespräsidialamt zuging, die er einer Lalendorfer Familie zustellen sollte. Die Müllers, seit neuestem Eltern von sieben Kindern, hatten für ihr Letztgeborenes die Ehrenpatenschaft des Staatsoberhaupts beantragt. Diese Ehrenpatenschaft für das siebte Kind gibt es seit 1949, dazu kommen 500 Euro fürs Sparbuch, auf Antrag erfolgt die Bewilligung quasi automatisch. Also unterschrieb Wulff die Urkunde für die jüngste Tochter der Müllers.

Doch die Müllers seien eine rechtsradikale Familie, sagt Bürgermeister Knaack - und darum verweigerte er die Aushändigung der Patenschaft.

Bürgermeister Knaack: Keine rechtsextreme Haltung hofieren

Den empörten Eltern sagte Knaack sogar ins Gesicht, warum ihnen Wulffs Urkunde vorenthalten wird. Er wolle ihre rechtsextreme Einstellung nicht hofieren, sagte der Bürgermeister Ende November bei einer öffentlichen Gemeinderatssitzung. Der "Schweriner Volkszeitung" sagte Knaack, er sehe sich nicht als "verlängerter Arm des Bundespräsidenten" und habe eben "eine konsequente Haltung gegen rechts".

Seit Tagen berichten die Regionalmedien über den Fall. Das brachte den Lalendorfer offenbar ins Visier der Rechtsradikalen.

Mecklenburg-Vorpommerns CDU-Innenminister Lorenz Caffier sprach nach den Vorfällen vom Wochenende von einer "Vorstufe von Terror". Knaack bekam Zuspruch von Politikern aller demokratischen Parteien im Lande. Auch im Amt Krakow, zu dem Lalendorf gehört, unterstützt man Knaacks Haltung.

Norbert Nieszery, SPD-Fraktionschef im Schweriner Landtag, schickte einen Brief an den Bundespräsidenten, in dem er das Verhalten des Lalendorfer Bürgermeisters lobte und Wulff aufforderte, die Ehrenpatenschaft zurückzuziehen. Die Eltern Müller hätten eine "lange rechtsextreme Vita". Sie sollen eng mit Projekten des verstorbenen Neonazi-Anführers Jürgen Rieger verbandelt sein.

Die Reaktion des Präsidenten erfolgte am 1. Dezember. "Das Bundespräsidialamt hat heute dem siebten Kind einer Familie in der Gemeinde Krakow am See (Mecklenburg-Vorpommern) die Urkunde über die Ehrenpatenschaft zugesandt", hieß es da in einer Mitteilung. Bei den Ehrenpatenschaften stehe "immer das Kind im Mittelpunkt. Der Bundespräsident hat entschieden, weiterhin so zu verfahren, weil es auch hier allein um das neugeborene Kind und nicht um die Eltern geht". Und dann ein Aufruf: "Alle sind aufgefordert, für ein Klima zu sorgen, in dem Kinder demokratisch erzogen werden."

In Mecklenburg-Vorpommern haben sich die Rechtsextremen breitgemacht

Damit mache es sich der Bundespräsident ein bisschen leicht, glauben nicht wenige in Mecklenburg-Vorpommern. Denn in kaum einem anderen Bundesland haben sich die Rechtsextremen so ausgebreitet wie hier - mit Unterstützung der NPD, die in Schwerin im Landtag sitzt. In manchen Gegenden gibt es schon eine Art von kultureller Hegemonie der Rechtsradikalen, sie sind mitunter tief in die Gesellschaft eingedrungen.

Wulff hätte seinen Antrittsbesuch nutzen sollen, um sich davon ein Bild zu machen, findet der SPD-Landtagsabgeordnete Mathias Brodkorb. "Natürlich konnte der Bundespräsident in Sachen Ehrenpatenschaft nicht anders handeln", sagt der Initiator der Organisation "Endstation Rechts" und einer der besten Kenner der Szene in Mecklenburg-Vorpommern. "Aber wenn Wulff schon mal hier ist, könnte er sich schon mit dem Lalendorfer Bürgermeister zusammensetzen und darüber diskutieren, wie schwierig die Lage hier ist."

Dazu wird es wohl nicht kommen. Das Programm des Bundespräsidenten bleibe unverändert, heißt es aus der Staatskanzlei von Mecklenburg-Vorpommern. Dass über das Thema Lalendorf am Rande des Besuchs gesprochen werde, sei natürlich nicht auszuschließen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 173 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. *grübel*
PeteLustig, 08.12.2010
Zitat von sysopDer Bundespräsident beglückt kinderreiche Familien mit einer Ehrenpatenschaft für den Nachwuchs - aber bei Familie Müller aus Lalendorf gibt es Probleme. Weil sie rechtsradikal sei, widersetzt sich der Bürgermeister. Und händigt Christian Wulffs Urkunde nicht aus. Jetzt wird er bedroht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,733553,00.html
Da ergibt sich die Frage, wie die Auszeichnung einer zehnköpfige Kinderschar von drei verschiedenen Ehefrauen (http://www.br-online.de/polizeireport/muenchen/polizeireport-polizei-polizeimeldungen-ID1291132977568.xml) bundespräsidial souverän gehandhabt wird. Zählt die Gesamtzahl oder müssen mind. 7 Kinder von jeweils einer Frau ausgetragen worden sein?
2.
h.e.n.r.y 08.12.2010
Ach, das ist eine verflixxte Geschichte. Ich demonstriere regelmässig gegen diese rechten Betonköpfe, aber hier zeigt sich, dass gerade den Mitgliedern der Linken oft das Geschick fehlt, mit diesen Nazis umzugehen.Die Weigerung, die Ehrenpatentschaft zu überreichen, bedeutet nix anderes, als den Nazis enorme Publicity zu schaffen und sie in die (von denen selbst so geliebte) Opferrolle des vermeintlich linken Mainstreams zu drängen. Einfach einen Brief mit der Urkunde zu schicken wäre hier die intelligenteste Lösung gewesen. Man hätte sich viel Ärger ersparrt. Der von mir nicht immer geschätzte Bundespräsident hat hier meines Erachtens richtig gehandelt. Die Ehrenpatentschaft ist einfach das falsche Schlachtfeld, um gegen rechts zu kämpfen. Da gibt es wesentlich wichtigere Felder, auf denen man sich betätigen kann und sollte. mfg henry
3. ....
Trotz.Kopf 08.12.2010
Lieber Herr Bürgermeister, liebe 'demokratische' Parteien, liebe Befürworter: Artikel 3 GG: 3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Ganz egal was man von rechten (oder linken) Spinnern halten mag, das Grundgesetz gilt für ALLE.
4. das Kind zählt doch - und sonst gar nichts
weltbetrachter 08.12.2010
Wenn es die Regelung bzgl. des siebten Kindes gibt, so gilt die für alle Kinder. Das nennt man Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz. Wenn man derartige Dinge nicht will - muß man solche Regelungen ersatzlos abschaffen. Aber so lange diese Regelungen gelten - sind die eben für ALLE SIEBTEN KINDER da. Es fragt ja auch wohl keiner nach der Religionszugehörigkeit der Kinder.
5.
Leehong 08.12.2010
Hmm, dürfte man als ortsansässiges Unternehmen dann auch die Zahlung von Gewerbesteuern verweigen, weil man die linksradikalen Ansichten des Bürgermeisters nicht hoffieren möchte? Sollte die Familie und deren Angehörige sich rechtsextreme Straftaten zu schulden kommen lassen, so soll der Werte Herr Bürgermeister diese zur Anzeige bringen. Weiterhin erscheint es mir so, als komme hier mal wieder das linke Gutmenschentum zu vollem Glanz, indem der Herr Bürgermeister sich mal eben die vollkommene Weisheit attestiert und sich den Kontrollauftrag über die Entscheidungen des Bundespräsidenten zuschreibt. Ganz einfach drüber stehen, 3 zeiligen Brief aufsetzen, dafür danken, dass sie so schön am Erhalt des Sozialssystems arbeiten, Urkunde dazu und ab in den Briefkasten der Familie XY. Basta.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Christian Wulff: Der zehnte Präsident


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: