Patriot-Einsatz in der Türkei: De Maizière sieht Reibereien ganz entspannt

Verteidigungsminister Thomas de Maizière in der Türkei: Zur Großansicht
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Verteidigungsminister Thomas de Maizière in der Türkei:

Körperliche Auseinandersetzung zwischen einer Feldjägerin und einem türkischen General, heftige Beschwerden über die sanitären Verhältnisse im Stützpunkt: Beim "Patriot"-Einsatz der Bundeswehr in der Türkei kriselt es gewaltig. Der deutsche Verteidigungsminister bleibt gelassen.

Königsbronn - Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hat den vor kurzem in die Türkei entsandten Bundeswehrsoldaten bessere Einsatzbedingungen versprochen. De Maizière reagierte damit auf einen Bericht des Wehrbeauftragten des Bundestags, der bei der Zusammenarbeit der Bundeswehr mit der türkischen Armee im Rahmen des "Patriot"-Einsatzes massive Spannungen zwischen den Soldaten der beiden Nato-Partner beobachtet hatte.

Nach einer Reise in der Türkei hatte Helmut Königshaus (FDP) zudem erhebliche Missstände bei der Unterbringung der deutschen Soldaten moniert. So bemängeln die Soldaten die schlechten sanitären Einrichtungen in der Kaserne in Kahramanmaras. Demnach seien die Toiletten in den Stabsgebäuden völlig verdreckt. Ebenso schlecht seien die Ausstattungen der eigentlichen "Patriot"-Stellungen mit mobilen Toiletten.

Verteidigungsminister de Maizière warb um Verständnis für die türkische Seite. Die deutschen Einsatzkräfte seien in einem Lager untergebracht, das gar nicht für so viele Soldaten gedacht gewesen sei, sagte de Maizière am Samstag in Königsbronn. Und die Bundeswehr habe zunächst dafür sorgen müssen, dass sie ihren Auftrag erfüllen könne. Jetzt gehe es darum, die Bedingungen zum Beispiel im Sanitärbereich zu verbessern.

Schikane statt Kooperation

"Die Türkei hat sich große Mühe gegeben, für gute Unterkunftsbedingungen zu sorgen", sagte er. In Kürze würden neue Unterkünfte fertiggestellt. "Wenn diese neuen Unterkünfte fertig sind, wird sich vieles, was da vorgetragen worden ist, ändern."

Doch Enttäuschung beim Toilettengang ist beileibe nicht das größte Problem in der Kooperation. Nach Einschätzung von Königshaus werde die Kooperation mit der türkischen Seite bei der Bundesehr "überwiegend als problematisch empfunden". Demnach klagten die eingesetzten Soldaten in der Mehrzahl, die Türken würden sie keineswegs wie willkommene Gäste empfangen, obwohl sie von der türkischen Regierung eingeladen worden seien.

So unterbinde die türkische Seite jeglichen Kontakt ihrer Soldaten mit den Deutschen. Als kürzlich ein deutscher Sanitäter seine türkischen Kollegen in ihrem Lazarett besuchen wollte, wurde er vom Lagerkommandeur regelrecht rausgeschmissen. Im Verteidigungsministerium werden die Beobachtungen von Königshaus durchaus ernst genommen. Eine Sprecherin sagte SPIEGEL ONLINE am Samstag, man prüfe die Vorwürfe umgehend.

Rangeleien zwischen türkischen und deutschen Soldaten

Überdeutlich wurde die gespannte Lage, Ende Februar, kurz vor dem Besuch des Verteidigungsministers im Lager in der Südtürkei. Der türkische Lagerkommandeur wies damals die Deutschen plötzlich an, alle deutschen Fahnen im Lager zu entfernen. Als Begründung gab er an, dass dies immer noch eine türkische Kaserne sei. Nur durch den Verweis auf den anstehenden Besuch de Maizières und seines türkischen Amtskollegen konnte die Bundeswehr erreichen, dass die offizielle Beflaggung mit den Fahnen Deutschlands, der Türkei und der Nato bleiben durfte.

Als de Maizière wenige Tage später schließlich in Kahramanmaras eintraf, hingen die offiziellen Flaggen an ihren Masten, alles andere war brav in den Hinterzimmern der Stuben verstaut.

Ausgerechnet zu diesem Besuch gipfelte die angespannte Situation sogar in einem Gerangel. So gerieten kurz vor Ankunft von Thomas de Maiziére eine junge deutsche Feldjägerin und der Lagerkommandeur, ein General der türkischen Armee, heftig aneinander. Die offizielle Version liest sich eher undramatisch: Demnach wollte die Feldjägerin für die Ministerkolonne eine Straße absperren und stoppte dafür die dunkle Limousine mit dem türkischen Offizier im Fond. Zunächst diskutierte der mit dem Oberfeldwebel, dann sei es zu einer kurzen Schubserei gekommen.

Beteiligte Soldaten schildern die Situation anders, demnach habe es eine handfeste Rangelei gegeben, der General sei regelrecht ausgerastet, nur herbeieilende deutsche Kameraden hätten die Feldjägerin beschützt. Mehrere Prellungen, die später von einem Arzt dokumentiert worden sind, stützen eher die zweite Version.

Kein Problem für de Maizière

Für Verteidigungsminister de Maizière ist das allerdings kein größerer Konflikt: Zur "BILD am Sonntag" sagte der Minister: "Natürlich habe auch ich bei meinem Besuch in der Türkei gewisse Probleme wahrgenommen, obwohl ich eher die Schokoladenseite gezeigt bekomme." De Maizière sieht die Reibereien gelassen: "Man muss auch sehen, dass die Traditionen unterschiedlich sind. Unsere Soldatinnen und Soldaten treten aber verantwortungsbewusst und energisch für ihre Interessen vor Ort ein."

Weniger entspannt sieht der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel die Lage. Er hat die Vorfälle als nicht vertretbar bezeichnet. "Das darf natürlich nicht passieren", sagte er am Samstag in Berlin. Gabriel war gerade erst zu Besuch bei den deutschen Soldaten in der Türkei, die das Land vor Angriffen aus Syrien schützen sollen.

"Man muss aber auch wissen, dass dort zwei völlig unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen", sagte Gabriel. Die Bundeswehr sei dort in einer türkischen Kaserne untergebracht. Es sei für einen türkischen Oberst keine einfache Situation, wenn er nicht mehr bestimme. "Da bedarf es bestimmt einer engeren Abstimmung."

mhe/dpa

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insgesamt 194 Beiträge
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1. Abmarsch
spon_1542210 jorgos48 02.03.2013
Warum sollen wir unsere Soldaten dort stationieren, wenn sie nicht erwünscht sind? Zieht unsere Soldaten einfach ab, wir haben dort nichts verloren! Die Türken sind hochgerüstet und werden sich sicher gut selbst verteidigen können. Wir müssen diesen Leuten nicht in den Ar.... kriechen. Auf solche Alliierte können wir gut verzichten.
2. Ein wenig zu entspannt
rase 02.03.2013
Wenn der Verteidigungsminister die Situation der Bundeswehrsoldaten in der Türkei entspannt sieht, braucht er sich nicht zu wundern, wenn er für den Dienst in der Bundeswehr keine Bewerber mehr bekommt. Denn wer möchte in einer solchen Situation gern von seinem höchsten Vorgesetzten im Stich gelassen werden? Zeigen Sie Rückgrat und holen Sie die Soldaten unverzüglich zurück, Herr Minister!
3. Ruhe bewahren
hubertrudnick1 02.03.2013
Zitat von sysopKörperliche Auseinandersetzung zwischen einer Feldjägerin und einem türkischen General, heftige Beschwerden über die sanitären Verhältnisse im Stützpunkt: Beim "Patriot"-Einsatz der Bundeswehr in der Türkei kriselt es gewaltig. Der deutsche Verteidigungsminister bleibt gelassen. Patriot-Einsatz in der Türkei: De Maizière wiegelt ab - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/patriot-einsatz-in-der-tuerkei-de-maiziere-wiegelt-ab-a-886513.html)
Der deutsche Verteidigunsminister kann doch öffentlich gar nicht anders reden, als alles herunterzuspielen, man kann doch sich nicht wirklich als befreundete Armeen sich selbst bekriegen. Es hat immer auch was mit Diplomatie zu tun, er kann öffentlich kein Öl ins Feuer gießen. Probleme müssen geklärt werden und jeder sollte eine Achtung vor anderen haben. HR
4. verrat
rando_007 02.03.2013
bin weiß-gott kein Fan der BW. Was aber hier der Vorsteher dieser Truppe macht, ist doch nahe an der Überschrift. Erst wird die Truppe ruhig gestellt ala: "stellt Euch nicht so an, sonst bekommt ihr noch mehr LIebesentzug". Und nun werden noch Schikanen im Hilfseinsatz bagatelisiert. Er sollte sich was schämen...
5. Klar sieht er es entspannt,
gg63 02.03.2013
Zitat von sysopKörperliche Auseinandersetzung zwischen einer Feldjägerin und einem türkischen General, heftige Beschwerden über die sanitären Verhältnisse im Stützpunkt: Beim "Patriot"-Einsatz der Bundeswehr in der Türkei kriselt es gewaltig. Der deutsche Verteidigungsminister bleibt gelassen. Patriot-Einsatz in der Türkei: De Maizière wiegelt ab - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/patriot-einsatz-in-der-tuerkei-de-maiziere-wiegelt-ab-a-886513.html)
er ist ja nicht vor Ort und muß sich so behandlen lassen. Herr Minister,w erden sie ihrer Fürsorgepflicht gerecht. Die türkische Regierung wußte lange genug, dass die Truppe dort untergebracht werden muß.
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Deutsche "Patriot"-Systeme: Letzter Test für den Türkei-Einsatz

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

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