Peer Steinbrück im Twitter-Interview: "Ich lese, mein Nachbar tippt"

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Peer Steinbrück gilt als Internet-Muffel, jetzt hat er sich zum ersten Mal den Fragen von Twitter-Nutzern gestellt - und wurde mit Kommentaren zugeschüttet. Der SPD-Kanzlerkandidat schlug sich wacker. Auch wenn er nicht selbst tippte.

Steinbrück und Mitarbeiter beim "Twitterview": "Der ist einfach schneller" Zur Großansicht

Steinbrück und Mitarbeiter beim "Twitterview": "Der ist einfach schneller"

Berlin - Die Premiere von Peer Steinbrück auf Twitter startete damit, dass Kanzlerkandidat und Publikum aneinander vorbeiredeten. "Kann losgehen. Lasst uns über Politik reden. Freue mich auf Eure Fragen", grüßte Steinbrück und postete erstmal ein Foto von einer staubigen Tastatur. Also ging es los. Menschen fragten Dinge. Steinbrück antwortete emsig. Allerdings waren seine Repliken nur dann für alle Nutzer sichtbar, wenn man sich auf das SPD-Kanzlerkandidaten-Profil begab.

Viele verfolgten das "Twitterview" - eine einstündige Frage-Antwort-Runde in 140 Zeichen - aus Gewohnheit jedoch über den durch das Kennwort #fragpeer generierten Feed. Steinbrück vergaß, das entsprechende Hashtag an seine eigenen Antworten zu kleben. Ein technisches Detail mit Folgen - für einige ratlose Nutzer blieb Steinbrück eine ganze Weile lang "unsichtbar".

Immerhin kann sich Angela Merkels Herausforderer nicht über mangelndes Interesse beklagen. Steinbrück wurde mit Fragen und Kommentaren überschüttet, weit mehr als bei ähnlichen Aktionen von SPD-Chef Sigmar Gabriel oder Regierungssprecher Steffen Seibert. Nach anfänglicher Reserviertheit ("Lesen Sie meine Parteitagsrede") und Phrasendreschen ("Mehr Wir statt Ich!") war sogar etwas von Steinbrückscher Schlagfertigkeit zu spüren ("Treten Sie der SPD bei, dann dürfen Sie mich duzen").

Selbst wenn der Kanzlerkandidat gar nicht selbst twitterte, sondern seine Antworten in die staubige Tastatur diktierte. "Ich lese, mein Nachbar tippt", erklärte Steinbrück auf Nachfrage. "Der ist einfach schneller." Rasch wurde über den Account des SPD-Vorstands ein Beweisfoto gepostet, später erfuhr man über aufmerksame Mittwitterer auch Namen und Funktion des Mitarbeiters (Tobias Nehren, netzpolitischer Referent im SPD-Parteivorstand). Alles schön transparent.

Also diktierten und tippten Steinbrück und Steinbrück-Helfer, was das Zeug hielt. Schließlich wollte man sich beim ersten Gehversuch im Twitter-Mikrokosmos nicht blamieren. Knapp 40 Antworten in 60 Minuten kamen zusammen.

Steinbrücks erste Amtshandlung als Kanzler? "Ein flächendeckender, gesetzlicher Mindestlohn und die Abschaffung des absurden Betreuungsgeldes." Bedingungsloses Grundeinkommen? "Ich bin dagegen. Denn das müssten die bezahlen, die fleißig jeden Morgen auf Maloche gehen." Steinbrück sagte Ja zur Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften und Nein zu Ampel-Spekulationen ("Keine Stratego-Spielchen! Ich will rot-grün!").

Altmaier schickt einen Smiley-Gruß

Alles in allem also wenig überraschend, sondern ein kompakter Abriss aus sozialdemokratischem Programm und Attacken gegen die Konkurrenz. Die Bundesregierung würde die Energiewende "vergeigen" und "grottenschlecht" managen, so der SPD-Spitzenmann. Eine Prise Außenpolitik war auch dabei: Die "Patriot"-Raketen an der türkisch-syrischen Grenze seien notwendig, außerdem hoffe er "inständig, dass Italien die Wiederauferstehung von Berlusconi zu verhindern weiß" (alle Antworten des Steinbrück-Twitterviews finden Sie hier.)

Freilich nutzten vor allem Witzbolde die Gelegenheit für das Bombardement eines Twitter-Promis: Jede zweite Frage schien von Leuten mit zu viel Zeit oder zu wenig Schlaf zu stammen, Kommentare zu Steinbrücks Vortragshonoraren waren der Dauerbrenner, oder Anspielungen auf die bisherige Netzmüdigkeit des SPD-Kanzlerkandidaten ("Wer sagt mir, dass bei #fragpeer nicht @sigmargabriel mit Steinbrück-Maske twittert?").

Zu den prominenten Trollen gehörte Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), der Steinbrück aufforderte, kenntlich zu machen, wann er persönlich auf Twitter aktiv ist. "Lieber @peersteinbrueck: Bitte sagen Sie wenn Sie mal selber twittern, damit wir nicht irrtümlich Ihre Mitarbeiter haftbar machen! :-)"

In der Tat gilt Steinbrück bislang als ausgewiesener Internet-Muffel, jüngst ging ihm sein Online-Berater flöten. Doch angesichts von Vorwürfen mangelnder Bürgernähe und den Web-Offensiven anderer Parteien soll das nun anders werden, haben seine Mitarbeiter erkannt. Auf dem SPD-Parteitag in Hannover kündigte Steinbrück an, Twitter für den Dialog mit den Bürgern und für den Wahlkampf zu nutzen.

"Allerdings werde ich nicht den Eindruck erwecken, als ob ich ein 25-jähriger hochnetzaffiner Typ bin", stellte Steinbrück klar. Und Fotos von Mittagessen oder Kaffeetassen soll es beim Kanzlerkandidaten auch nicht geben. "Ich werde nicht ständig twittern", schrieb er im Twitterview, "also nicht 'sitze im Einstein mit Einstein...'" 500 neue Follower gewann Steinbrück in den vergangenen Stunden dazu. Mal sehen, ob die jetzt regelmäßig was zu lesen kriegen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Steinbrücks Mitarbeiter werde "auf 800-Euro-Basis" beschäftigt - das Missverständnis kam durch einen Fake-Account von Peer Steinbrück auf Twitter zustande. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Internetmuffel?
Hilfskraft 12.12.2012
macht P.Steinbrück nicht unsympatisch. Zeigt, es geht noch immer ohne. So sollte es bleiben.
2.
suane 12.12.2012
Erst umgarnt er die ungeliebten Frauen in seiner Parteirede, jetzt die Netzgemeinschaft...wer soll ihm das bitte abkaufen? Was ihn wirklich interessiert sieht man in seiner Vergangenheit: Banken und Versicherungen und die wird er am Ende begünstigen.
3. @suane
raetselfreund 12.12.2012
Ich kauf ihm das ab. Das liegt vor allem daran, dass er bisher keine unglaubwürdigen Versprechungen gemacht hat un den Waählern den Himmel auf Erden verspricht. Im Gegenteil, er hat einiges versprochen, dass einige Leute als Zumutung empfinden werden, aber vieles davon finde ich richtig.
4.
chramb 12.12.2012
Zitat von Hilfskraftmacht P.Steinbrück nicht unsympatisch. Zeigt, es geht noch immer ohne. So sollte es bleiben.
Und seine Sekretärin und Berater etc. die arbeiten sicher auch alle ohne Internet, brauchen die sicher nicht.
5.
loncaros 12.12.2012
Zitat von Hilfskraftmacht P.Steinbrück nicht unsympatisch. Zeigt, es geht noch immer ohne. So sollte es bleiben.
Die gleichen leeren Wahlversprechen auf einem neuen Kanal. Uninteressant.
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