Von Florian Gathmann
Berlin - Mit Sigmar Gabriel kann keiner mithalten. Wenn der SPD-Chef will, weiß er innerhalb einer halben Woche so viel Aufmerksamkeit zu produzieren, wie es andere Politiker in einem halben Jahr nicht vermögen. Das hat er diesen Sommer eindrucksvoll bewiesen. Gabriel kann zuspitzen, menscheln, unterhalten. Nur, es hat ihm in Sachen Popularität beim Wähler nichts genützt: Da liegen Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück nach wie vor weit vor ihrem Parteivorsitzenden.
Deshalb gelten die beiden als Favoriten in der sogenannten K-Frage bei der SPD, Gabriel scheint als drittes Troika-Mitglied aus dem Rennen zu sein. Welcher Sozialdemokrat wird Angela Merkel in einem Jahr bei der Bundestagswahl herausfordern - Steinmeier oder Steinbrück? Die Entscheidung scheint näher zu rücken, manch einer in der SPD glaubt sogar, sie wäre bereits gefallen.
Die potentiellen Kandidaten und ihre Anhänger in der Partei jedenfalls senden verwirrende Signale. Der frühere nordrhein-westfälische Regierungschef und Ex-Finanzminister Steinbrück verströmt schon seit Wochen den Eindruck, als brenne er für die Rolle als Merkel-Herausforderer. Dagegen sind sich Beobachter bei Steinmeier uneins, was er vorhat. Steinmeier scheint abzuwarten. Traut sich der frühere Außenminister nach seinem desaströsen Anlauf bei der Bundestagwahl 2009 zu, nochmals gegen die Kanzlerin anzutreten? Oder ist sich Steinmeier der Kandidatur womöglich sogar bereits so sicher, dass er schweigt und genießt?
Jede Menge Aufmerksamkeit für Steinbrück
Peer Steinbrück, so scheint es, kämpft unbeirrt weiter um seine Chance als SPD-Kanzlerkandidat. Dieser Eindruck dürfte sich in den kommenden Tagen noch verstärken. Gleich zwei neue Biografien über Steinbrück werden bis Anfang nächster Woche vorgestellt: Die erste präsentiert der CSU-Politiker Theo Waigel, einer seiner Vorgänger als Finanzminister, die andere wenige Tage später FDP-Mann Wolfgang Kubicki. Beides verspricht jede Menge Aufmerksamkeit. Genau wie der große Aufschlag, den Steinbrück für kommende Woche plant: Da will er ein umfassendes Konzept zur Regulierung der Finanzmärkte vorstellen, erst vor den Mitgliedern der SPD-Bundestagsfraktion, dann öffentlich. Unter anderem folgt er darin der Forderung in Gabriels Thesenpapier zur Bankenregulierung, dass Geldhäuser den Einlagenbereich vom Investmentgeschäft trennen sollen.
In ihrem Buch "Steinbrück Biographie", das am Mittwochabend vorgestellt wird, bescheinigen ihm die Autoren Eckart Lohse und Markus Wehner Kanzlerkandidaten-Format. Sie beschreiben ausführlich, wie sich Steinbrück zwar immer wieder über den linken Parteiflügel und dessen Forderungen echauffiert hat, nun aber den Willen zur Aussöhnung zeigt. Lohse und Wehner erklären, wie der Ex-Finanzminister beispielsweise bei den Themen Mindestlohn oder Leiharbeit auf linke Position eingeschwenkt ist. Wer am Wochenende Steinbrücks Rede beim Zukunftskongress der SPD-Fraktion lauschte, kann das bestätigen.
Das ist eine Menge Steinbrück innerhalb weniger Tage. Steinmeier, so ist zu hören, will dem kaum etwas entgegensetzen. Das passte auch nicht zum SPD-Fraktionschef. An ihm schätzen die Wähler das Verlässliche. Im Gegensatz zu Steinbrück mag der Ex-Außenminister eher die leisen Töne. Unterschätzen sollte man ihn deshalb aber nicht.
Wenn er denn tatsächlich will, ist ihm die Kanzlerkandidatur wohl nicht zu nehmen. Viele sehen Steinmeier als natürlichen SPD-Kanzlerkandidaten, weil er im Gegensatz zu Steinbrück inzwischen selbst bei Parteilinken einigermaßen gelitten ist. Wichtige Landesverbände würden ihn wohl unterstützen.
Zweifel an der Troika-Inszenierung
Fest steht: In der SPD wächst die Ungeduld mit dem Dreigestirn. Immer mehr Genossen glauben, dass der Kanzlerkandidat bald ausgerufen werden sollte, die Troika-Inszenierung funktioniere nicht mehr.
Dass dies deutlich vor der Niedersachsen-Wahl am 20. Januar passieren wird - ursprünglich das Datum für die Kanzlerkandidaten-Ausrufung -, scheint inzwischen klar. Das dürfte auch im Interesse von SPD-Chef Gabriel sein, der wenigstens weiterhin Herr des Verfahrens sein möchte, wenn er schon selbst keine Rolle mehr in der K-Frage zu spielen scheint. Zudem wächst aus Gabriels niedersächsischem Landesverband der Druck, noch in diesem Jahr den Merkel-Herausforderer zu benennen. Dort hofft man auf Rückenwind für die Landtagswahl durch einen Kanzlerkandidaten. "Das wäre sehr hilfreich für uns", sagt ein SPD-Bundestagsabgeordneter aus Niedersachsen.
Mitte Dezember - ein paar Wochen vor dem Wahltermin in Hannover und mit ein bisschen Abstand zu den Weihnachtstagen - könnte ein geeigneter Termin sein. Dann dürfte auch die heikle Rentenfrage endlich geklärt sein: Auf einem Parteikonvent am 24. November will die SPD ein grundlegendes Konzept zur Reform der Alterssicherung verabschieden.
Vielleicht wird der Kandidat aber auch schon ein bisschen früher gekürt, auf dem Rentenkongress oder kurz danach - passenderweise im Umfeld des CDU-Bundesparteitags, der vom 3. bis 5. Dezember in Hannover stattfindet. Dann könnte die SPD mit ihrem neuen Kandidaten Kanzlerin Merkel und ihrer Partei die Show stehlen. Der Bundestagswahlkampf 2013 wäre eröffnet.
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