SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. Dezember 2012, 18:18 Uhr

Steinbrücks neue Ausrutscher

Der Wiederholungstäter

Von

Er kann es nicht lassen. Peer Steinbrück irritiert erneut mit ungeschickten Äußerungen, diesmal zum Kanzlergehalt und Merkels angeblichem "Frauenbonus". So stolpert der SPD-Kanzlerkandidat ins neue Jahr - doch ändern will er sich nicht.

Berlin - Man hat ihn ordentlich in die Mangel genommen, seit er als Herausforderer von Angela Merkel feststeht, findet Peer Steinbrück. Aber so ist das eben als Kanzlerkandidat. "Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden", sagte der Sozialdemokrat in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Steinbrück ist nicht mehr der einfache Bundestagsabgeordnete, der Ex-Minister, der Teilzeit-Politiker. Jede Äußerung von ihm wird jetzt beachtet.

Welche Konsequenz hat diese Erkenntnis für ihn? Wer das Interview weiterliest, erfährt es: keine.

Hatte Steinbrück nicht über Wochen versucht, den Raffke-Vorwurf loszuwerden, den man ihm wegen seiner gutbezahlten Vorträge angeklebt hatte? Und jetzt fällt ihm in der nachrichtenärmsten Zeit des Jahres ein, über das zu geringe Regierungschef-Gehalt zu klagen. Auf die Frage, ob die Kanzlerin zu wenig verdient, antwortet der SPD-Politiker mit einem klaren Ja - "gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gewinn".

Peng. "Steinbrück: Kanzler kriegt zu wenig" titelt die "FAS". Die Zeitung hat gleich eine Handvoll Genossen parat, die ihrem Kanzlerkandidaten widersprechen.

Ex-Regierungschef Schröder verteidigt Kanzlergehalt

Eine kommunikative Katastrophe für die SPD. Das Entsetzen ist groß. Zumal Ex-Kanzler Gerhard Schröder am gleichen Tag in der "Bild am Sonntag" die Höhe des Regierungschef-Gehalts verteidigt. "Ich habe jedenfalls davon immer leben können", sagt der SPD-Politiker. "Und wem die Bezahlung als Politiker zu gering ist, der kann sich ja um einen anderen Beruf bemühen."

Ein Grund mehr, dass man Steinbrücks Interview in der CDU-Zentrale als eine Art verspätetes Weihnachtsgeschenk verstehen dürfte. "Beschwerden (über Merkels Gehalt - d. Red.) hat man von der Bundeskanzlerin selbst bisher jedenfalls nicht gehört", sagt Michael Grosse-Brömer, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsbundestagsfraktion. Es hätte nur noch gefehlt, dass er auf den alten Golf verweist, den die Kanzlerin privat fährt.

Was ist nur los mit Steinbrück, fragen sich manche in der SPD. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Wie der Hinterbänkler zuvor will auch der Kanzlerkandidat Steinbrück sagen, was er denkt. Dazu gehört dann in der "FAS" auch noch, dass Merkel als erfolgreiche Frau aus Sicht des Sozialdemokraten einen Bonus in der weiblichen Bevölkerung hat. Klingt machomäßig? Ihm doch egal.

Und so sind der Gehaltsvorstoß und die Merkel-Frauen-Psychologisierung in die Reihe von Patzern einzuordnen, die aus Sicht des Kanzlerkandidaten ein Zeichen für Steinbrück pur sind: Als es um die Zahl seiner Vorträge und deren Dotierung ging, war Steinbrück zunächst der Meinung, das gehe niemanden etwas an. Nur nach massiver Kritik auch aus der eigenen Partei änderte er seine Position und gelobte Transparenz. Oder die Berufung eines Bekannten als Internet-Berater, der auch für sogenannte Heuschrecken-Unternehmen gearbeitet hat: Ein No-Go in der SPD - aber Steinbrück fand den Mann eben toll.

Der SPD-Kanzlerkandidat ist ein Wiederholungstäter - aber einer, der dazu steht.

Helmut Schmidt kann nicht das Vorbild sein

Steinbrück orientiert sich ja gerne an Helmut Schmidt. Dabei blendet er völlig aus, dass die Popularität des SPD-Altkanzlers auch damit zusammenhängt, dass er ein alter Mann ist, der nichts mehr werden will und niemandem mehr gefährlich sein kann. Schmidt darf beinahe machen und sagen was er will - die Deutschen lieben ihn dafür. Das ist wie mit dem Großvater in der eigenen Familie, dem man auch vieles nachsieht. Steinbrück dagegen will erst Kanzler werden. Und dafür müssen ihm die Menschen zunächst vertrauen lernen.

"Ich werde aber nicht versuchen, mich grundsätzlich zu ändern oder an einem Coaching teilzunehmen, in dem man lernt, Beliebtheitspunkte zu sammeln", sagt der SPD-Kanzlerkandidat in der "FAS". Man kann das bewundernswert geradlinig oder kolossal dickköpfig nennen.

Der Grat zwischen klarer Kante und Instinktlosigkeit ist schmal. Dazu kommt, dass bei den Sozialdemokraten die Toleranz gegenüber dem Führungspersonal traditionell gering ist. Das dürfte sich noch verschärfen, wenn die Umfragewerte der SPD weiter deutlich unter der 30-Prozent-Marke verharren und Steinbrück der Kanzlerin im persönlichen Vergleich nicht näherkommt. Einen weiteren aussichtslosen Wahlkampf, wie man ihn mit Frank-Walter Steinmeier 2009 führte - damit werden die Genossen nicht zu mobilisieren sein.

Peer Steinbrück, der ehrliche Makler vs. Angela Merkel, die abgeschliffene Hinterzimmer-Kanzlerin - so ungefähr stellen sich die Berater des SPD-Kandidaten die Gegenüberstellung in der heißen Wahlkampfphase vor. Aber vielleicht sollten sie sich auch mal Gedanken darüber machen, wie man überhaupt so weit kommt.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH