SPD-Kanzlerkandidat im Chat: Steinbrück probiert mal Internet

Von

Von wegen Offline-Kandidat: Kaum ist Peer Steinbrück im Wahlkampf, tastet er er sich ans Internet heran. In einem Chat stellte er sich den Fragen einiger Online-Nutzer. Seine Helfer atmen auf: Das Abenteuer ging gut.

Peer Steinbrück im Chat: "Lotto habe ich vor Jahren aufgegeben" Zur Großansicht
SPD

Peer Steinbrück im Chat: "Lotto habe ich vor Jahren aufgegeben"

Berlin - Nein, das Internet ist nicht so sein Ding. In den sozialen Netzwerken findet er bislang kaum statt, und auch ansonsten übt er sich in Distanz zur Online-Welt. "Mir wird von meinen Mitarbeitern geschildert, was dort passiert", sagt Peer Steinbrück.

Aber jetzt ist der 65-Jährige SPD-Kanzlerkandidat und ihm schwant, dass er so ganz ohne auch nicht kann. Er weiß: Mit diesem Internet ist durchaus etwas zu bewegen im Wahlkampf. Deshalb robbt er sich langsam heran. An diesem Dienstagvormittag saß Steinbrück vor einem Bildschirm in der SPD-Zentrale und stellte sich einem Chat. Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft.

Und siehe da: Das 60-minütige Online-Abenteuer verlief reibungslos. Weitgehend jedenfalls. Ob Fragen zu seinen Nebeneinkünften, zu seinem Offline-Leben oder zu politischen Inhalten, Steinbrück antwortete souverän und - nicht ganz unwichtig im Chat - knapp. Manchmal bestand seine Antwort auch nur aus drei Worten. Wovon er sich bei der Kanzlerin denn gerne eine Scheibe abschneiden würde, wurde er von "frauke" um 11.07 Uhr gefragt. Steinbrück: "Von ihren Hosenanzügen." Zumindest unter den Herren in der Parteizentrale dürfte ihm dieser Satz einige neue Fans beschert haben.

Nicht allzu viel Stress

Klar, die Verantwortlichen im Willy-Brandt-Haus kamen Steinbrück von den Bedingungen her ein bisschen entgegen. Allzu viel Stress dürfte er am Computer jedenfalls nicht gehabt haben. Ob er denn selbst tippe, wollte ein Nutzer zu Beginn vom Kanzlerkandidat wissen. "Lotto habe ich vor Jahren aufgegeben", so Steinbrück. "Derzeit diktiere ich und ein hilfreicher Geist neben mir tippt - einfach, weil sie das besser und schneller kann als ich." Und die Fragen? Wurden vorher gesammelt, Steinbrück durfte auswählen.

Das ist für einen "Live-Chat" eine bequeme Variante. Aber Steinbrück kam es gerade recht. So konnte er sich ab und an auch mal ein paar inhaltliche Fragen rauspicken, um ein wenig SPD-Programmatik unterzubringen. Gerechteres Steuersystem, Ausbau von Kita-Plätzen, mehr Geld für Kommunen, mehr Regeln für die Banken. Soll ja schließlich nicht nur Unterhaltung sein, so ein Chat. Aber auch Steinbrück weiß, dass Späßchen nicht schaden können, um die User bei der Stange zu halten.

Auf welchem Elo-Wert er denn Schach spiele, fragte "alex123456". Darauf Steinbrück: "Ich habe keinen Elo-Wert, aber manche sagen mir nach, ich sei wenigstens gelegentlich eloquent."

"Herzliche Gruesse aus Costa Rica und VIEL ERFOLG :-)", warf "Roland Becker" ein. Darauf Steinbrück: "Herzlicher Gruß aus Kreuzberg/Europa zurück." Schon irre, dieses Internet.

Und sonst so? Wie denn eigentlich sein weiterer Tagesablauf aussehen würde, fragte ihn "Enes". Darauf Steinbrück: "Ich treffe mich gleich mit einem Altkanzler, danach bin ich beim japanischen Botschafter, dann in der SPD-Bundestagsfraktion, es folgen eine Reihe vertraulicher Gespräche, und schließlich gehe ich am Abend zu einer Veranstaltung des DGB Baden-Württemberg."

Ob es sich bei dem Altkanzler "in weiser Voraussicht" um Frau Merkel handeln würde, fragte "Josef Hemmling". Darauf Steinbrück: "Darum wird es gehen, wenn ich mich mit ihr in einem Jahr auf ein Glas Weißwein treffe."

"Ich werde mich schon nicht verbiegen"

Manch ein Nutzer schien vom Online-Praktikanten Steinbrück regelrecht begeistert. "Bitte, bitte bleiben Sie so, wie Sie sind und verzichten Sie in Ihrem Wahlkampf auf nostalgische Blabla-Erzählungen (damals, bei Willy Brandt...etc.) - das ist alles schön, aber es zählt das JETZT!", so "HerneAhoi".

"Ich werde mich schon nicht verbiegen", antwortete Steinbrück dem besorgten Fan. Aber wenn man "nicht das folgenlose Geschwurbel von Politikern" hören wolle, müsse man ihm nachsehen, wenn er sich gelegentlich "in Bildern und im Klartext auch mal vergreift".

Nicht immer war übrigens der "hilfreiche Geist" neben Steinbrück wirklich hilfreich. Auf die Frage, was er denn zu den allseits steigenden Mieten sage, diktierte der Kandidat der Mitarbeiterin eilig eine Antwort in die Tasten. "Ein zentrales Thema", tippte sie, das in der politischen Debatte aber leider unterbelichtet sei. "Ich würde mir wünschen, dass Fachleute meiner Partei, wie zum Beispiel Oberbürgermeister Uhde, Olaf Scholz in Hamburg und auch Stephan Weil in Hannover dieses Thema für die SPD mit Vorschlägen aufgreifen."

"Uhde"? Das war ein h zu viel. Aber was soll's. Kann ja nicht alles klappen im ersten Chat.

Ein zweiter ist übrigens bereits in Planung. Zum umtriebigen Online-Kandidaten dürfte der Ex-Finanzminister trotzdem so schnell nicht werden. Sein Internet-Verhalten müsse zu ihm passen, "sonst würden insbesondere Jüngere zu dem Ergebnis kommen, dass ich etwas inszeniere", so Steinbrück. "Mein Sohn sagt mir, es sei nicht sehr glaubwürdig, plötzlich auf die Anschmeiße zu gehen."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
!!!Fovea!!! 16.10.2012
Zitat von sysopVon wegen Offline-Kandidat: Kaum ist Peer Steinbrück im Wahlkampf, tastet er er sich ans Internet heran. Im einem Chat stellte er sich den Fragen einiger Online-Nutzer. Seine Helfer atmen auf: Das Abenteuer ging gut. Peer Steinbrück: SPD-Kanzlerkandidat stellt sich Chat im Internet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/peer-steinbrueck-spd-kanzlerkandidat-stellt-sich-chat-im-internet-a-861571.html)
Erinnert mich ein wenig an BK Kohl a. D., der auf die Frage des Ausbaus der Datenautobahn antwortete: "Wieso denn, unsere Autobahnen sind doch gut ausgebaut." Wie schön, dass wir einen BK Anwärter haben, der ein bisschen mehr Technik kann....
2. ....
chefkoch1 16.10.2012
Zitat von sysopVon wegen Offline-Kandidat: Kaum ist Peer Steinbrück im Wahlkampf, tastet er er sich ans Internet heran. Im einem Chat stellte er sich den Fragen einiger Online-Nutzer. Seine Helfer atmen auf: Das Abenteuer ging gut. Peer Steinbrück: SPD-Kanzlerkandidat stellt sich Chat im Internet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/peer-steinbrueck-spd-kanzlerkandidat-stellt-sich-chat-im-internet-a-861571.html)
Der Inhalt: geschenkt! Hauptsache wieder Steinbrück - ich war schon auf Enzug....
3. Der kann.....
w b a 16.10.2012
Zitat von sysopVon wegen Offline-Kandidat: Kaum ist Peer Steinbrück im Wahlkampf, tastet er er sich ans Internet heran. Im einem Chat stellte er sich den Fragen einiger Online-Nutzer. Seine Helfer atmen auf: Das Abenteuer ging gut. Peer Steinbrück: SPD-Kanzlerkandidat stellt sich Chat im Internet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/peer-steinbrueck-spd-kanzlerkandidat-stellt-sich-chat-im-internet-a-861571.html)
...natürlich viel erzählen...Was vor der Wahl gesagt wird muss nach der Wahl nicht war sein. Oben kommt der Kaviar rein und unten kommt immer dass gleiche raus.
4.
haber100 16.10.2012
Zitat von !!!Fovea!!!Erinnert mich ein wenig an BK Kohl a. D., der auf die Frage des Ausbaus der Datenautobahn antwortete: "Wieso denn, unsere Autobahnen sind doch gut ausgebaut." Wie schön, dass wir einen BK Anwärter haben, der ein bisschen mehr Technik kann....
Ja, aber dieses Kohl-Zitat ist circa 20 Jahre alt! Dieser Kandidat heute lebt immer noch im Gestern, an der Lebenswirklichkeit von Millionen Menschen vorbei und kokettiert noch damit. Erschreckend. Mein Vater ist 82 und selbstverständlich online. Hallo, Planet Erde an Steinbrück...
5. Steinbrück und Internet ist Satire …
Dr.pol.Emik 16.10.2012
Da wirft sich schon wieder einer unserer Spitzenpolitiker hinter einen abgefahrenen Zug. Die lernen es rein gar nicht. Vermutlich wird es der SPD am Ende auch reichen wenn sie weiterhin für Mutti den Steigbügelhalter machen dürfen. Aber da gibt es noch bessere Konzepte die die SPD abkupfern kann. Bestes Beispiel: Der Hype um die russischen Pussy's! Hier mal auf die Troika übertragen: Pussy Riots Tittenkrieg gegen Putin als Blaupause für Penis Riot gegen Merkel (http://qpress.de/2012/10/11/pussy-riots-tittenkrieg-gegen-putin-als-blaupause-fur-penis-riot-gegen-merkel/) … denn nicht anders scheint mir der Wahlkampf 2013 zu werden. Ein reines Unterhaltungsformat, welches gerne ernst genommen werden möchte. „Sex sells“ da immer noch besser als inhaltsleere und sich stets wiederholende Ankündigungen … (°!°)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Peer Steinbrück
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 35 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Bundestag: Countdown der Top-Verdiener