Steinbrück und die SPD Der Stinkefinger

Der frühere Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wird demnächst mit einem Kabarettisten auftreten. Nun hat er in einem Interview über seine SPD gelästert. In der Partei hagelt es Kritik, manche kontern mit Ironie.

Steinbrück und die SPD - im Wahlkampf 2013
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Steinbrück und die SPD - im Wahlkampf 2013

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Peer Steinbrück hat ein Leben in der SPD hinter sich. Er war Bundesfinanzminister, er war Kanzlerkandidat, seit Herbst vergangenen Jahres ist er auch nicht mehr im Bundestag. Es ist ein wenig ruhig geworden um den heute 70-Jährigen.

In den vergangenen Wochen bekamen Journalisten allerdings überraschend von einer Künstleragentur das Angebot für Interviews mit Steinbrück. Denn am 1. Juli will Steinbrück mit dem Kabarettisten Florian Schroeder auftreten. Steinbrück, der Kultur schon immer zugeneigt, hat offenbar Gefallen gefunden an einer neuen Rolle - der des Satirikers. Die Idee zum "Schroeder-Steinbrück-Projekt", wie es in der Agentur genannt wird, begann im Herbst vergangenen Jahres, als der SPD-Politiker in Schroeders "radioeins Satireshow" im Tipi-Zelt am Kanzleramt auftrat.

Damals plauderte Steinbrück über seinen Zigarettenkonsum, Helmut Schmidt und Sigmar Gabriel, die SPD und seine Rolle als Kanzlerkandidat, der 2013 auf einem Foto mit Stinkefinger posiert hatte. "Die Leute wollen nicht provoziert werden", fasste er seine Erkenntnis aus vielen Jahren in der Politik zusammen.

"Steht da jetzt Erich Schulz-Honecker?"

Was für die Bürger im allgemeinen gilt, das gilt im Besonderen für seine eigene Partei. Am Wochenende hat Steinbrück in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) Sätze fallen gelassen, die manche Genossen mächtig in Wallung brachten. Über die 100-Prozent-Wahl des Kanzlerkandidaten Martin Schulz auf dem SPD-Parteitag im März sagte er etwa, das Ergebnis sei "vergiftet" gewesen. "Die Partei saß plötzlich auf Wolke sieben, es hat sich ein Realitätsverlust eingestellt, und das Publikum hat sich gewundert: Steht da jetzt Erich Schulz-Honecker?"

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück auf dem Titel des SZ-Magazins, September 2013
DPA/ Alfred Steffen/ SZ-Magazin

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück auf dem Titel des SZ-Magazins, September 2013

So geht es munter weiter in dem Interview - vieles ist so neu nicht, was Steinbrück da über seine eigene Partei dahinlästert. Er hat sie schon öfter hart angepackt, etwa in einem Interview mit dem SPIEGEL im März 2015, als er über den Wahlkampf 2013 feststellte, "die SPD vermittelte den Eindruck, das Land stehe am Abgrund und bestehe aus einer Ansammlung von Opfern".

In der FAS legte er am Wochenende allerdings noch eine Schippe drauf, als handele es sich um eine Vorübung zu seinem Kabarettauftritt. Seine Genossen seien "häufig zu verbiestert, wahnsinnig überzeugt von der eigenen Mission". Und schließlich ging Steinbrück noch ins Tiefenpsychologische: "Der Begriff der Heulsusen trifft gelegentlich den Gemütszustand der SPD. Nur wehe, Sie sprechen ihn aus."

SPD-Staatsminister Roth: "Das ist mies"

In anderen Zeiten hätte das Interview wohl nicht so viel Wirbel entfacht, vielen in der SPD gilt Steinbrück als arrogant und selbstgefällig, sie hätten es abgehakt und einfach darüber hinweggesehen. Doch diesmal hat sich Steinbrück für seinen Angriff einen Zeitpunkt ausgesucht, der für die lädierte Seelenlage der SPD nicht hätte schlechter sein können: Er trifft die Partei nach drei verlorenen Landtagswahlen in einer Phase des Abschwungs, das Emnid-Institut sieht sie in einer neuen Umfrage bundesweit nur noch bei 25 Prozent - die Union hingegen unverändert bei 38 Prozent.

Steinbrück am Samstag beim DFB-Pokalendspiel in Berlin
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Steinbrück am Samstag beim DFB-Pokalendspiel in Berlin

Erst am Samstag hatte Spitzenkandidat Martin Schulz im Willy-Brandt-Haus in Berlin versucht, mit einer Rede zu den Themen "Gerechtigkeit, Zukunft und Europa" die Trübsal zu vertreiben, er warb für gleichen Lohn für Männer und Frauen bei gleicher Arbeit, für ein Rückkehrrecht von Teil- auf Vollzeit, für den Vorrang für Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Wohnungsbau, er bat die versammelten 500 Anhänger, auch nicht das Thema Innere Sicherheit zu vergessen, das zuletzt einer der Gründe für die Niederlage der SPD in Nordrhein-Westfalen gewesen war.

Schulz erhielt viel Beifall - und nun das: eine Breitseite von Steinbrück, eine Mischung aus Kritik und satirischer Überspitzung, die die Botschaften von Schulz übertönt. Vor allem der linke Flügel, der mit Steinbrück noch nie viel anfangen konnte, empört sich. SPD-Bundesvize Ralf Stegner etwa schrieb auf Twitter, "andere, selbst an ihrer Hybris gescheitert, geben via Kommentaren der Partei, der sie (noch) angehören, unerbetenen schlechten Rat". Das sei "kurios". Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, twitterte sichtlich erbost: "Das ist mies. Charakterlich. Inhaltlich. Strategisch. Taktisch."

Andere hingegen versuchten es mit Ironie. Der Chef der Senatskanzlei in Berlin, Björn Böhning, verwies kühl und schlicht unter dem Eintrag "Kompetenzmann für Wahlkämpfe erklärt" auf das Interview. Und auch Tobias Dünow, ehemaliger Pressesprecher von Ex-Parteichef Sigmar Gabriel und heute Leiter Kommunikation der SPD im Willy-Brandt-Haus, machte das Beste aus der steinbrückschen Beschreibung des Gemütszustands der SPD. Trotzig twitterte er: "Kämpferisch, klar, und kein bisschen verbiestert", das sei "meine SPD".

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klausbrause 28.05.2017
1.
Vom Riesenweltstaatsmann zum Sidekick für einen Spaßmacher. Wenn das mal bloß nicht nur eine Zwischenstation ist. Die nächste Stufe der Karriereleiter kann da nur die Rolle des Nach-Nach-Nachfolgers von Dirk Bach im Dschungelcamp sein. Oder wie der Herr S. sagen würde; Jeder nach seinen Fähigkeiten. Jeder nach seinen Bedürfnissen.
jimbofeider 28.05.2017
2. Zustand
Steinbrück hat Recht, über den Zustand der S.P.D. und ihr Personal von Münte, Schröder, aktuell Nahles, Oppermann und natürlich Schulz bleibt nur noch die Satire, sonst wäre es eine Tragödie und das wollen wir uns dann auch nicht antun.
Bertha H. 28.05.2017
3. Der Genius Schulz
"er warb für gleichen Lohn für Männer und Frauen bei gleicher Arbeit, für ein Rückkehrrecht von Teil- auf Vollzeit, für den Vorrang für Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Wohnungsbau, er bat die versammelten 500 Anhänger, auch nicht das Thema Innere Sicherheit zu vergessen," Welch gewaltigen neuen Ideen. Sind die denn nicht schon längst verwirklicht? Apropos Steinbrück. Zu dem Laberhannes ist doch nun wirklich nichts mehr zu sagen.
peterka60 28.05.2017
4. Ausgerechnet ...
Herr Stegner musste sich natürlich über den Kommentar von Steinbrück äussern. Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn er sich enthalten hätte. Wahrscheinlich hat er selbst der Partei in den letzten Monaten mehr Stimmen gekostet als Herr Steinbrück mit seinen Aussagen. Ich selbst bin der Meinung, dass Herr Schulz in erster Linie selbst verantwortlich ist für das Umfrage-Desaster. Wenn man liest und hört, wie sich Herr Schulz in Brüssel verhalten hat, nimmt ihm doch keine Mensch ab, dass er für Gerechtigkeit kämpfen will.
rolf.scheid.bonn 28.05.2017
5. Steinbrück...
... hat mit seiner Kritik völlig Recht und trifft offensichtlich voll ins Schwarze. Nur so ist aus meiner Sicht die harsche Reaktion seiner Genossen zu erklären. Die SPD hat sich an sich selbst berauscht und zeigt sich nach dem Aufwachen völlig paralysiert. Ohne selbstkritische Analyse a la Steinbrück und eine Kurskorrektur hin zu mehrheitsfähigen, realistischen Zielen wird die SPD die einstige Vision von Guido Westerwelle realisieren, nämlich das Projekt 18!
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