Kommentar zu Protesten in Dresden Danke, Pegida, das war's!

Pegida steht vor dem Aus, zum Glück. Trotzdem haben die Islamgegner eine wichtige Rolle übernommen: Sie haben die offene Gesellschaft herausgefordert - und uns dabei drei Dinge gelehrt.

Ex-Pegida-Sprecherin Oertel: Die Ressentiments im Lande offengelegt
Getty Images

Ex-Pegida-Sprecherin Oertel: Die Ressentiments im Lande offengelegt

Von


Pegida ist Geschichte. Die Wutbürger von Dresden sind gespalten und geschrumpft. Zur Demo am Montag kamen statt wie zuletzt 17.000 nur noch 2000 Leute; die Ausgründung von Ex-Sprecherin Kathrin Oertel hat gerade einmal 500 Menschen auf die Straße gebracht. Es ist vorbei.

Viele Politiker werden jetzt zum Alltag übergehen, so als ob es den Protest nie gegeben hätte. Auch aus der Berichterstattung wird Pegida rasch verschwinden. Ein Albtraum, den man ganz schnell vergessen sollte? Nein.

Der Streit über Pegida hat Deutschland vorangebracht. Und die Episode von Aufstieg und Fall der Dresdner Islam- und Systemgegner hält ein paar Lektionen für das ganze Land bereit.

Erstens: Pegida hat die Ressentiments im Lande offengelegt. Wer soziologische Studien gelesen oder sich auch nur eine halbe Stunde in Online-Foren aufgehalten hat, war zwar nur mäßig überrascht. Doch Pegida hat die Mischung aus Elitenverachtung, Ausländerhass und Verschwörungstheorien, die seit Langem im Netz tobt, für jedermann sichtbar auf die Straße gebracht. Verdrossenheit ist Politik- und Medienverachtung gewichen, in der links und rechts kaum noch eine Rolle spielen - keine Partei kann dieses Problem jetzt länger ignorieren. Es braucht Strategien gegen den Hass.

Zweitens: Wer nach dem Ausbruch von Pegida fürchtete, Ausländerhass würde jetzt mehrheitsfähig, hat sich getäuscht. Die Mehrheit hat klug, geradezu entschlossen, reagiert. Pegidas Franchise-Pläne floppten, es waren die Gegendemos, die in allen Städten bis auf Dresden mehr Leute versammelten. Und endlich gab es mal wieder eine große Debatte: Da ging es beim Feierabendbier plötzlich seltener um Kinder und Mieten, öfter um Dresden, Islam, Integration. Dieser Streit, unter Freunden und in Familien, tut Deutschland, das oft den Konsens dem demokratischen Streit vorzieht, gut. Er macht die Demokratie lebendig und attraktiv.

Drittens: Die Politik hat am Ende besonnen gehandelt. Das Beispiel SPD: Erst wurden die Demonstranten ignoriert oder verdammt ("Nazis in Nadelstreifen"), doch dann fand Parteichef Sigmar Gabriel die richtige Linie: Ausländerfeinde wie Hitler-Imitator Lutz Bachmann rechts liegen lassen, aber mit Sympathisanten reden. Das war richtig. Und die Kanzlerin? "Folgen Sie denen nicht", gab sie in einem seltenen Moment der Meinungsfreude den Deutschen mit. Bis auf die AfD widerstanden die Parteien der Versuchung, Pegida-Positionen zu übernehmen - das spricht für sie.

Alles gut also? Natürlich nicht. Die Unzufriedenheit und die Themen, derentwegen aus Pegida kurzzeitig eine regionale Massenbewegung wurde, bleiben. Wer die Demokratie verachtet, wird weiter Beweise für ihr angebliches Versagen entdecken. Die Flüchtlingszahlen nehmen zu, die Islamisten machen weiter.

Die AfD, in der man viele Pegida-Positionen prima findet, könnte am Sonntag in Hamburg erstmals in einen Landtag im Westen einziehen. Aber die Lehre der vergangenen Wochen lautet: Die Demokratie in Deutschland hält das aus.

Vote
Das war's mit Pegida

Wie beurteilen Sie das voraussichtliche Ende der Pegida-Bewegung?

Zum Autor
Julia Kneuse
Fabian Reinbold ist Netzwelt-Redakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Fabian_Reinbold@spiegel.de

Der Autor auf Facebook

Mehr Artikel von Fabian Reinbold

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 147 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
drusel 10.02.2015
1. Haha
Wer sagt denn das Alles vorbei ist? Jetzt geht's erst Richtig los!
timofine 10.02.2015
2. Abwarten und
Tee trinken... ich glaube nicht, dass es mit Pegida und ihren Ablegern zu Ende ist. Ich habe die Befürchtung, dass Rechte eine neue Nische finden könnten... Und DDfE? Auch Pegida hat klein angefangen...
peermarten 10.02.2015
3. Gewagte Thesen...
..."Die Mehrheit hat klug, geradezu entschlossen, reagiert." Nein. Die Mehrheit hat geschwiegen. Denn sie hat sich entweder nicht mit den aufgeworfenen Fragen auseinandergesetzt oder hat schlichtweg die Klappe gehalten, weil sie sich keiner Kampagne/Diskussion oder was auch immer aussetzen wollte. Wenn sich der Autor mal aus seinen intellektuellen oder pseudo-intellektuellen Kreisen in die Niederungen des Plebs´oder wenigstens des Prekariats herabwagen würde, würde ihm die tatsächliche Stimmung im Land deutlich werden...
mirror66 10.02.2015
4. geliebter Feind
Was mir auffällt: wochenlang hatte diese (ausser in Dresden) verschwindende Minderheit von bekloppten ewig Gestrigen eine überproportionale Dauerpräsenz in der Presse. Etwa gleichzeitig stattfindende riesige Demonstrationen gegen das brandgefährliche Handelsabkommen TTIP fanden kaum Erwähnung. Seltsam, nicht??
lemmepors 10.02.2015
5. Bester Kommentar.
Ich glaub das war der beste Kommentar den ich überhaupt zum Thema auf Spon gelesen habe.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.