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Pegida-Demo nach Terror in Frankreich: "Schlimm, das in Paris, aber ..."

Aus Dresden berichten , , und

Was macht der Pariser Terroranschlag mit den Anti-Islam-Demos von Pegida? In Dresden haben sich so viele Menschen versammelt wie nie - doch den meisten geht es gar nicht um die Geschehnisse in Frankreich.

Er hat nicht "Je suis Charlie" geschrieben, sondern "Ich bin Charlie": "Damit man's hierzulande auch versteht." Gerhard ist einer derjenigen, die sich nach dem Terroranschlag von Paris erstmals aufgemacht haben nach Dresden, zur allmontäglichen Anti-Islamisierungs-Demo Pegida.

Der 48-Jährige, der seinen Nachnamen lieber für sich behält, ist Taxifahrer, aus Nürnberg extra drei Stunden nach Dresden gefahren. Ein offener Typ, der im fränkischen Singsang sagt: "Wir müssen den Islam in die Schranken weisen." Beim Taxifahren sei ja jeder zweite Kollege Muslim. Damit hat er mehr Ausländererfahrung als die meisten Demonstranten in Dresden.

Die Kollegen seien schon in Ordnung, sagt er. "Aber die Terroristen in Paris waren auch nette Nachbarn. Man weiß nie, was dahinter steckt."

Die große Frage an die Pegida-Demo an diesem Montagabend lautet: Was macht der islamistische Terroranschlag in Paris mit dem wöchentlichen Aufmarsch der Islamgegner? Verleiht die Tat im Nachbarland ihnen Auftrieb? Trauerflor für die Terroropfer von Paris sollten die Spaziergänger tragen, so hatten es sich die Veranstalter gewünscht.

Es kamen: 25.000 Demonstranten, 7000 mehr als letzte Woche, ein neuer Rekord. Die Organisatoren sprachen gar von 40.000 Leuten.

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Für und gegen Pegida: Deutschland demonstriert

In den vergangenen Tagen gab es viel Gegenwind für die selbst ernannten "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes": Justizminister Heiko Maas (SPD) nannte sie "Heuchler" und sprach von einem "widerlichen" Ausschlachten des Pariser Anschlags. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) forderte, die Märsche auszusetzen. Karikaturisten aus Deutschland und Frankreich richteten aus: "Pegida, verschwinde!" Bundesweit gingen am Montagabend rund 100.000 Menschen auf die Straße, um gegen Pegida zu demonstrieren.

Demo-Organisator Lutz Bachmann bemühte sich in Sachen Paris um Balance. Erst rief er seinen Anhängern zu, der Anschlag in Paris sei ein "weiterer Beweis für die Daseinsberechtigung von Pegida". Es gab auch eine Schweigeminute für "alle Opfer von religiösem Fanatismus".

Zugleich bemühte sich Bachmann, beim Thema "Charlie Hebdo" ein bisschen auf die Bremse zu treten. Als die Menge das erste Mal "Lügenpresse!" skandierte, rief der Orgachef: "Nein, heute nicht." Einige befolgten das, andere machten weiter.

Den Pegida-Organisatoren schien klar: Für die Meinungsfreiheit des Pariser Satiremagazins zu trommeln und gleichzeitig gegen die heimischen Medien zu hetzen, wäre wohl doch etwas grotesk.

Eine einzige Mohammed-Karikatur

Und das war's auch fast schon zum Thema Paris. Den geforderten Trauerflor? Trug so gut wie niemand. Mohammed-Karikaturen? Eine einzige blitzte zwischen den Plakaten. Auch Taxifahrer Gerhard war mit seinem "Ich bin Charlie"-Schild ziemlich allein. Stattdessen sah man Plakate, auf denen stand: "Merkel, Sie können uns mal" oder "2035 sind Deutsche in der Minderheit".

"Wegen dem Terroranschlag von Paris bin ich nicht hier", sagt ein Dresdner - athletischer Körper, gegelte schwarze Haare -, der schon oft bei Pegida mitspaziert ist. Selbstständig sei er, in welcher Branche will er nicht verraten, sein Alter auch nicht. Nur scheibchenweise lässt sich erahnen, warum er immer wieder hierherkommt: Dass sich Deutschland immer noch für seine Vergangenheit entschuldige, würde ihn wurmen. Von der Kanzlerin fühle er sich "verraten". Dass die "25.000 Euro im Monat" verdiene, passt ihm auch nicht. Außerdem, so meint er, könne man in Deutschland bei vielen Themen seine Meinung nicht frei sagen: "Sonst ist man gleich ein Nazi."

Ein älteres Ehepaar aus dem Umland fühlt sich von der Politik ignoriert. Die Renten seien mager. "Es interessiert die nicht, was die Bevölkerung denkt." Und was ist mit Paris? Ja, das sei schon fürchterlich - aber eben nur ein Grund von vielen, auf die Straße zu gehen. Es dominieren die üblichen Sorgen.

Brüllduell zwischen Hooligans und Gegendemonstranten

Mit Solidaritätsbekundungen für "Charlie Hebdo" hielten sich auch die mehr als hundert Hooligans zurück, die sich unter die sonst friedlichen Pegida-Demonstranten gemischt hatten. Mehrmals lieferten sie sich Brüllduelle mit den Gegendemonstranten, welche Pegida mit Pfiffen und Buh-Rufen begleiteten. Die Polizei hielt beide Seiten im Zaum.

Auf der Kundgebung wurde es immer dann besonders laut, wenn es um die Ungerechtigkeiten ging, die Pegida selbst erleiden müsse. Von der Presse, von den Volksvertretern. Weil die Medien angeblich das Pegida-Positionspapier mit 19 Forderungen ignorierten, verkürzte man nun auf sechs Punkte, teilte Bachmann mit.

Dabei geht es etwa um ein neues Einwanderungsgesetz nach Schweizer Vorbild, eine "Pflicht zur Integration", die im Grundgesetz stehen solle und mehr Geld für die Polizei. Die Punkte las Pegida-Chef Bachmann gleich zweimal vor. Die müssten jetzt in Berlin umgesetzt werden, das wäre "ein Zeichen der Politik an das Volk".

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