Anti-Islam-Märsche Was man über Pegida wissen sollte

Wegen einer Anschlagsdrohung ist die Pegida-Demonstration in Dresden am Montag abgesagt. Wann haben die Märsche überhaupt begonnen? Wer ist Lutz Bachmann? Und warum Dresden?

Pegida-Marsch in Dresden: Morddrohung gegen Führungsfigur
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Pegida-Marsch in Dresden: Morddrohung gegen Führungsfigur


Was ist Pegida?

Pegida ist die Abkürzung für "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Unter diesem Namen findet jeden Montag seit dem 20. Oktober 2014 eine Demonstration in Sachsens Hauptstadt Dresden statt. Zum ersten Pegida-Aufmarsch kamen lediglich 350 Teilnehmer, doch die Zahl wuchs schnell. Anfang Dezember waren es bereits 10.000. Bei der bislang letzten Demonstration vergangene Woche waren laut Polizei 25.000 Menschen auf der Straße, die Veranstalter sprachen von 40.000.

Wer ist Lutz Bachmann?

Lutz Bachmann ist einer der Organisatoren der Bewegung und der bekannteste Wortführer. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur soll eine Morddrohung gegen ihn vorliegen, deshalb wurde die Demonstration am Montag abgesagt. In der Polizeiverfügung heißt es, islamistische Attentäter seien aufgerufen worden, sich unter die Pegida-Demonstranten zu mischen. Ziel sei es, "zeitnah einen Mord an einer Einzelperson des Organisationsteams der Pegida-Demonstrationen zu begehen".

Bachmann ist vorbestraft: Körperverletzung, Fahren ohne Führerschein, Einbruch und Diebstahl, auch Betäubungsmitteldelikte werden ihm zur Last gelegt. Der 41-Jährige floh 1997 vor einer Strafe zunächst nach Südafrika, kehrte aber später nach Deutschland zurück und verbüßte eine zweijährige Haftstrafe.

Worum geht es Pegida?

In Interviews mit Pegida-Teilnehmern wird deutlich, dass sie sehr unterschiedliche Ziele haben. Viele fühlen sich von der Gesellschaft abgehängt und von der Politik nicht ernst genommen. Das immer wieder propagierte Hauptanliegen ist die Verhinderung der "Islamisierung des Abendlandes". Die Protestteilnehmer fühlen sich demnach fremd im eigenen Land und haben Ängste - etwa vor Kopftüchern oder davor, dass ihre Kinder den Koran in der Schule lesen müssen. Viele Argumente lassen sich widerlegen, dennoch erfährt die Bewegung immer mehr Zulauf.

Wer marschiert dort eigentlich?

Das Teilnehmerfeld ist heterogen, es gibt sogar schon eine Studie zu dem Thema, die allerdings nicht repräsentativ ist. Sie kommt zu dem Schluss, dass in Dresden neben offensichtlich rechten Demonstranten und Neonazis vor allem Bürger der Mittelschicht marschieren, die im Berufsleben stehen. Aber auch Hooligans, etwa von Dynamo Dresden, laufen bei Pegida mit. Finanzminister Wolfgang Schäuble vertritt die These, dass die alternde Gesellschaft das Entstehen von Pegida begünstigt hat.

Welche Ableger gibt es?

In vielen deutschen Städten wird versucht, eine lokale Pegida-Bewegung zu starten, doch so erfolgreich wie in Dresden sind die Demonstrationen nirgends. In Leipzig kamen zur letzten Kundgebung nur einige Hundert Menschen. Die Gegendemonstranten waren mit 30.000 Besuchern deutlich in der Überzahl. Auch in Berlin, München, Hannover, Saarbrücken, Köln, Bonn und Düsseldorf gibt es Ableger - dort kamen ebenfalls nur wenige Besucher. Viel größer waren hingegen die Gegenproteste.

Warum ist Pegida gerade in Dresden so stark?

Für den Pegida-Erfolg in der sächsischen Landeshauptstadt gibt es mehrere Erklärungsversuche: Politikprofessor Werner Patzelt von der TU Dresden führt zunächst das konservative Umfeld in Dresden an: Die Stadt ist eine der letzten CDU-regierten Metropolen. Auch das Umland gilt als konservativ. In eher linken Städten wie Köln, Hamburg oder Berlin habe Pegida kaum eine Chance.

Als weitereren Grund sieht Patzelt die ostdeutsche Angst vor Entmündigung. Viele fühlten sich demnach abgehängt und nicht repräsentiert. Das wecke Erinnerungen an die DDR. "Schon damals hat das politische System nicht auf die Menschen gehört und sich nur zum Nationalfeiertag beklatschen lassen", sagt der Politologe. Deshalb sei der Pegida-Slogan "Wir sind das Volk" auch als Weckruf zu verstehen: "Das soll heißen: Uns gibt es auch noch, hört auf uns, ignoriert uns nicht", glaubt Patzelt.

Zudem ist das schnelle Wachstum von Pegida auch mit einer Trotzreaktion zu erklären. Viele Teilnehmer fühlen sich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt. Der Nazi-Vorwurf habe dazu beigetragen, dass sich viele Menschen dann erst recht Pegida angeschlossen haben, sagt Patzelt.

Wie geht es weiter?

Die Drohung seitens der Islamisten ist laut Nachrichtenagentur dpa nicht zeitlich begrenzt, deshalb könnte das Demonstrationsverbot in Dresden auch noch verlängert werden. Über die Zukunft von Pegida dürfte in den kommenden Tagen diskutiert werden. Für die anderen Städte gibt es noch kein Demonstrationsverbot: Der Pegida-Ableger in München will am Montag auf die Straße gehen. Auf der Facebook-Seite der bayerischen Bagida hieß es: "Lasst uns ein Zeichen setzen."

Was sagen die Parteien zu dem Phänomen?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in ihrer Neujahrsansprache offen gegen Pegida positioniert, ohne den Namen der Bewegung zu nennen. Merkel sagte: "Zu oft sind Vorurteile, ist Kälte, ja, sogar Hass in deren Herzen!" Es sei "selbstverständlich, dass wir Menschen aufnehmen, die bei uns Zuflucht suchen", so die Kanzlerin. Der CSU fällt eine klare Haltung deutlich schwerer, sie fürchtet, Wähler an die AfD zu verlieren. Nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" forderte CSU-Chef Seehofer allerdings, dass Pegida ihre Demos absagt.

Auch die SPD-Spitzenpolitiker äußerten sich unterschiedlich zu Pegida: Bundesjustizminister Heiko Maas bezeichnete die Argumente der Initiatoren als "fadenscheinig" und leicht zu entlarven, später nannte er die Anführer gar "Heuchler". Der Vorsitzende Sigmar Gabriel forderte: "Es gibt Neonazis und Radikale unter den Protestlern, von denen müssen wir uns glasklar abgrenzen." Auf viele andere, die verunsichert seien und mitliefen, "müssen wir zugehen, ohne es an Klarheit in der Auseinandersetzung fehlen zu lassen".

AfD-Chef Lucke sagte SPIEGEL ONLINE, dass er die Ängste der Pegida-Demonstranten nicht teile: "Ich lehne Islamfeindlichkeit strikt ab, aber ich lehne es auch ab, 20.000 Menschen alle gleichermaßen einfach als fremdenfeindlich abzustempeln." Eine Kooperation mit Pegida schloss er jedoch aus. Die sächsische Parteivorsitzende Frauke Petry sieht hingegen "inhaltliche Schnittmengen" mit der Bewegung, der stellvertretende Bundesvorsitzende Alexander Gauland nahm gar an einer Pegida-Kundgebung teil.

bka

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insgesamt 242 Beiträge
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Seite 1
toadilein 18.01.2015
1. objektiv und sachlich
Wow! Einer der ersten wirklich sachlichen Artikel auf Spiegel ueber Pegida ohne Meinungsmache und Vorverurteilung. Wer haette das noch erwartet. Lob!
Kassandro5000 18.01.2015
2.
Hier hat der Autor eine gute Gelegenheit verpasst, auf die 19 Punkte einzugehen, die mittlerweile ja auch den Recherchefaulsten hinlänglich bekannt sein müssten. Hat er aber nicht. Warum nur?
spiegkom 18.01.2015
3.
Meines Wissens kommt Anti-Islam erst an dritter Stelle der Pegida-Hauptforderungen, und die Märsche sind Demonstrationen. SPON: Bitte abrüsten.
forumgehts? 18.01.2015
4. Pegida
ist die Bewegung, welche die Medien genau so manipulieren wird wie die bisherigen Parteien, wenn sie an die Macht kommt, nur eben anders. ;)
snurdlebug 18.01.2015
5. Was man über Pegida wissen sollte
kann man nicht über die mainstream media wie den Spiegel erfahren: Die sind allesamt nur dagegen!
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