Dresdner OB-Kandidatin Festerling Zu rechts für die AfD - für Pegida gerade recht

Aus der AfD musste sie austreten, weil sie zu extrem war. Seitdem pöbelt Tatjana Festerling offen gegen "unverschämte Minderheiten", fabuliert über "Asylströme, die Sachsen fluten". Pegida schickt sie ins Rennen ums Dresdner Rathaus.

Von , Dresden

DPA

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Sie gegen der Rest der Welt, so sieht sich Tatjana Festerling gern. "Es gibt ja nur noch alle Parteien gegen eine Parteilose", ruft sie am Montag in Dresden ins Mikrofon. Der Beifall der Pegidisten ist ihr sicher.

Gewöhnlich beschimpfen Pegida-Gründer Lutz Bachmann und seine Anhänger alle Politiker als "Volksverräter". Aber "unsere liebe Tatjana" ist da natürlich ausgenommen. Dass sie für die Alternative für Deutschland (AfD) in Hamburg aktiv war, die Partei mitaufgebaut und als Bezirksabgeordnete kandidiert hat, interessiert nicht mehr. Festerling tritt nun für Pegida bei der Oberbürgermeisterwahl in Dresden am 7. Juni an.

Partei, das war einmal, jetzt ist die 50-Jährige das Gesicht von etwas, das sich nicht festlegen will: Außerparlamentarische Opposition oder doch Pseudo-Partei, man weiß es bei Pegida nicht. Soll man auch nicht. Wie offen nationalistisch und fremdenfeindlich Pegida mittlerweile auftritt, zeigen Festerlings Auftritte, da mag sie noch so oft behaupten "Wir sind keine Nazis, keine Rechtsradikalen. Wir sind Patrioten."

Am Montag hält sie es nach dem Auftritt des Islamfeindes Geert Wilders (hier der Bericht aus Dresden) lieber allgemein: "Bisher sind wir in Dresden und in Deutschland ganz gut ohne Fremdeinflüsse ausgekommen." Eine Woche zuvor aber, nach dem Brandanschlag in Tröglitz, war sie konkreter: Viele Asylbewerber seien "Männer, die ihre Familien und Heimat im Stich gelassen haben, weil es hier Schöner Wohnen und ordentlich Knete vom Staat gibt." Es gebe "Asylantenströme, mit denen ihr, die Deutschlandvernichter von Merkel und Gabriel bis Tillich, unser Dresden, unser Sachsen und unser Deutschland flutet".

Sehen Sie im Video Ausschnitte von Festerlings Auftritt am Montagabend in Dresden:

Getty Images
Nicht nur die Hetze gegen Flüchtlinge steht auf ihrem Redeprogramm. Bei ihren mittlerweile bundesweiten Pegida-Einsätzen wettert Festerling auch gegen "die dauerbeleidigten, dauerfordernden unverschämten Minderheiten aus islamischen Ländern, die uns mit ihrem Koran und den Sonderrechten auf den Geist gehen". Oder gegen den "Terror der schwul-lesbisch-queeren intersexuellen Minderheit". Oder die "verkrachten Gender-Tanten mit ihrem überzogenen Sexualscheiß". Pöbeleien, mit denen sie es in die ZDF-"Heute-Show" schaffte.

Männer-Welt Pegida

Es ist ein geschickter Schachzug von Pegida, eine Frau in die erste Reihe neben Cheforganisator Bachmann zu stellen. Der lobte seine Kandidatin ob ihrer "Redegewandtheit, Charmes und souveränen Auftretens". Die OB-Kandidaten aus dem bürgerlich-konservativen Lager sind alle männlich: der FDP-Bürgermeister Dirk Hilbert, Noch-Innenminister Markus Ulbig (CDU), AfD-Fraktionschef Stefan Vogel. Festerling sticht heraus - auch in der von Männern dominierten Pegida-Welt, die jede Woche montags die Deutschlandfahnen in Dresden schwingen.

Steht sie mal nicht auf der Bühne, gibt sich die freiberufliche Marketingfrau, die unter anderem für private Bahnunternehmen tätig war, ruhig und sachlich. Als Mutter von zwei erwachsenen Kindern mit Coaching- und Yoga-Ausbildung, als Ultramarathonläuferin, "weit gereist und freiheitsliebend", mit vielen "internationalen Freundschaften" beschreibt sie sich in der "Weltwoche".

Das klingt harmlos. Wüsste man nicht, was sie nach den Ausschreitungen bei der Kölner Hooligan-Demonstration mit allein 44 verletzten Polizisten im Oktober geäußert hatte: Sie ziehe ihren "Hut vor den Hools". In der Hamburger AfD führte das zu einem Eklat, Festerling kam ihrem Ausschluss zuvor, indem sie aus der Partei austrat.

Testlauf Dresden

Festerling wird jetzt von Hamburg nach Dresden ziehen - in der Hansestadt ist es ungemütlich für sie geworden. In ihrem Viertel im Stadtteil Eimsbüttel outeten sie Gegner, vermutlich die Antifa, mit Plakaten, auf denen ihr Foto und ihre Adresse zu sehen war. Sogar zu rechts für die AfD sei sie gewesen, wird in Hamburg gespottet.

Ihre Pegida-Mistreiter bitten nun um Spenden für die Kandidatin Festerling. Sie wird sich weiter als Opfer der etablierten Politiker inszenieren und ihre Hetze verbreiten. Es ist ein Testlauf. Pegida will künftig auch in anderen Städten bei Wahlen antreten. Wie viele Stimmen Festerling bekommen wird, ist letztendlich egal. Ihre Kandidatur wird sie so oder so als Erfolg verkaufen.

Zusammengefasst: Tatjana Festerling zieht für Pegida in den Kampf um das Amt des Dresdner Oberbürgermeisters. Sie gibt sich gern seriös, wettert dann aber gegen Ausländer. Bei der AfD musste sie gehen - und hat bei den Islamfeinden von Pegida eine neue Heimat gefunden.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.