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Massenprotest in Sachsen: Fünf Gründe für Pegidas Erfolg in Dresden

Von und , Dresden

Pegida-Demos: Blonde Sprecherin in der ersten Reihe Fotos
Getty Images

Deutschland lehnt sich gegen Pegida auf - überall gibt es Gegendemos. Nur in Dresden kommen immer mehr Menschen zu den Anti-Islam-Märschen. Warum gerade die Stadt in Sachsen? Fünf Theorien.

Pegida hat einen neuen Slogan: "Dresden zeigt, wie's geht", riefen die Anhänger an diesem Montagabend bei der elften Kundgebung - noch etwas holprig, doch ihr Anspruch ist klar: Wir sind das Original, das große Vorbild für all diese neuen "-das".

Sie heißen Bogida in Bonn, Mügida in München, Bärgida in Berlin oder seit Neuestem auch Kögida in Köln. Doch sind diese Pegida-Ableger wenig mehr als müde Abklatsche. Bisher versammelten sich in den westdeutschen Städten nur versprengte Häufchen von vielleicht einigen Hundert Menschen, wie in Köln, wo es vor allem Rechtspopulisten und -extremisten sowie Hooligans waren (lesen Sie hier die Reportage aus Köln).

Anders das Bild in Dresden, wo diese Gruppen auch vertreten sind, sich aber vor allem frustrierte und wütende Bürger montags versammeln. 18.000 sollen es der Polizei zufolge dieses Mal gewesen sein - etwas mehr als bei der letzten Pegida-Kundgebung vor Weihnachten. Man kann über diese Zahlen streiten, auch weil die Beamten bei der Abschlusskundgebung dann deutlich weniger zählten, nämlich nur rund 10.000 Teilnehmer. Fakt ist, dass Tausende kommen - und sie den Gegendemonstranten, anders als im Westen der Republik, zahlenmäßig weit überlegen sind.

Drei Feindbilder einen die Pegida-Anhänger: Fremde und Flüchtlinge, die Politik und die Medien. "Lügenpresse, Lügenpresse!" und "Volksverräter, Volksverräter!" skandieren sie - sprechen von "Asylindustrie" und "Wirtschaftsflüchtlingen", die wieder zurück in ihre Heimat gebracht werden müssten.

AP/dpa
Von Woche zu Woche klingen die Slogans in Sachsen aggressiver - warum ist das so? Warum hat Pegida in Sachsen solch einen Erfolg? Fünf Erklärungsversuche:

  • Aggressives Klima: In München, Berlin, Hamburg oder in Schneeberg im Erzgebirge protestieren Bürger, oft aufgestachelt von Rechtsextremisten, seit Monaten gegen neue Flüchtlingsunterkünfte. Die "Hooligans gegen Salafisten" wüteten im Herbst in Köln. Die Emotionen kochten hoch, als sich ein paar Salafisten als "Scharia-Polizei" ausgaben, Leitartikel überschlugen sich, in Talkshows stänkerten die Politiker. Das zeigt: Es gibt eine zunehmend aggressive Bewegung gegen die wachsende Zahl der Flüchtlinge, auf die Pegida in Dresden verweist. Wenn sie auf die geringen Zahlen von Muslimen in Sachsen angesprochen werden, sagen Teilnehmer immer wieder, sie wollten nicht warten, bis auch bei ihnen so viele Muslime wie im Westen seien. Das sei noch so, und jetzt müssten sie ihren Protest zeigen.

  • Das konservative Umfeld: Dass es ausgerechnet in Dresden zu solch einer Protestbewegung kommt, wundert den Politikprofessor Werner Patzelt von der TU Dresden nicht. Er beobachtet die Bewegung intensiv, war am Montag zum dritten Mal vor Ort, um zu erfahren, was die Menschen in seiner Stadt umtreibt. Eine solche Massenbewegung brauche eine konservative Großstadt, sagt Patzelt. Dresden ist eine der letzten Metropolen, die von der CDU regiert werden. In eher linken Städten wie Köln, München, Hamburg oder Berlin habe Pegida kaum eine Chance. Dazu kommt: Die Pegida-Bewegung in Dresden speist sich nicht nur aus der Stadt selbst, das Umland spielt eine wichtige Rolle - und Sachsen ist als Geburtsort für Pegida ideal. Das Land gilt als konservative Hochburg. Die CDU regiert hier seit 25 Jahren durch. Die rechtspopulistische AfD schaffte es im August aus dem Stand mit fast zehn Prozent in den Landtag, die rechtsextreme NPD saß zehn Jahre im Landesparlament und verpasste den Einzug bei der Wahl im vergangenen Jahr nur knapp.

  • Rechte Parolen: Seit der Wende hat Sachsen eine aktive Neonazi-Szene, die militanten Gruppen Skinheads Sächsische Schweiz und Sturm 34 machten regelrecht Hetzjagd auf Fremde und Andersdenkende. Auch die Nazi-Terrorzelle NSU fand hier Unterschlupf. Das alles, glauben Extremismusforscher, hat auch damit zu tun, dass konservative Politiker in Sachsen Rechtsextremismus lang verharmlosten - und ihre Parolen gesellschaftsfähig machten.

  • Ostdeutsche Angst vor Entmündigung: Insgesamt hat sich der politische Konsens in Deutschland in den vergangenen Jahren nach links verschoben, verglichen mit den Stammtischen der Republik. Das verstärkt an jenen Stammtischen den Eindruck, vom politischen System abgehängt und nicht repräsentiert zu werden. Besonders in den Ländern der ehemaligen DDR weckt dieses Gefühl Erinnerungen: "Schon damals hat das politische System nicht auf die Menschen gehört und sich nur zum Nationalfeiertag beklatschen lassen", sagt der Politologe Patzelt. Deshalb sei der Slogan "Wir sind das Volk" auch als Weckruf zu verstehen: "Das soll heißen: Uns gibt es auch noch, hört auf uns, ignoriert uns nicht", glaubt Patzelt. Besonderen Applaus habe es deshalb an diesem Montag gegeben, als einer der Redner die niedrige Wahlbeteiligung in Sachsen ansprach: Nicht mal jeder zweite Sachse hat bei den jüngsten Landtagswahlen gewählt. Was Pegida außerdem begünstigt, ist die in Ostdeutschland schwache Kirche. Der Glaube könne den Protesten mäßigend entgegenwirken, sagen Sozialwissenschaftler.

  • Nazi-Keule erzeugt Trotzreaktion: Dass die Pegida-Bewegung so schnell gewachsen ist, hat auch damit zu tun, dass die Dresdner Politik, Bürgerschaft und Aktivistenszene beinahe jedes Jahr im Februar vor einem rechten Mob stehen, der durch ihre Straßen zieht, um an die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Schon die ersten, kleinen Pegida-Demos wurden ebenfalls in diese Nazi-Ecke eingeordnet. Diese Stigmatisierung als Nazis habe dazu beigetragen, dass sich viele Menschen trotzig erst recht Pegida anschlossen, sagt der Dresdner Wissenschaftler Patzelt. Viele Pegida-Anhänger bestätigen das: Angesprochen auf ihre Teilnahme sagen sie zuerst: "Ich bin kein Nazi, aber gegen die Zustände in diesem Land." Auch die Pegida-kritische Neujahrsrede von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Montag mehr Menschen nach Sachsen getrieben.

Die Pegida-Organisatoren in Dresden, die bisher recht geschickt vorgehen, indem sie immer wieder ihre Gewaltfreiheit betonen und ein gemäßigtes Thesenpapier verfasst haben, wissen um ihren Einfluss - und ihre Anziehungskraft auch für immer mehr auswärtige Anhänger (lesen Sie hier ein Porträt der Sprecherin). #DresdenZeigtWiesGeht" ist ihr neues Hashtag in den sozialen Medien. Und so werden sie am kommenden Montag nicht auf ihre Kundgebung verzichten, obwohl im hundert Kilometer entfernten Leipzig das erste Mal Legida, "Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes", startet.

Doch die Messestadt ist viel linker als Dresden, wird von einem SPD-Oberbürgermeister regiert. Ende Dezember waren bereits sieben Gegenveranstaltungen mit mehr als 5000 erwarteten Teilnehmern durch Kirchen und Bürgerbündnisse angemeldet.

Es ist also damit zu rechnen, dass nach den Kö-, Mü-, Dü-, Bär- auch die Legiden in der Minderheit bleiben werden.

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