Umgang mit Pegida Forscher fordern neues Deutschland-Bild in Lehrplänen

Wie reagieren auf Pegida? Migrationsforscher fordern ein neues pluralistisches Leitbild, das auch Eingang in die Lehrpläne an Schulen findet. Der Begriff "Wir Deutsche" sei neu zu definieren.

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Berlin - An diesem Montagabend wollen in Dresden wieder Tausende Menschen mit Pegida gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes protestieren - und gegen allerlei anderes: gegen Asylbewerber, gegen die Russland-Politik, gegen die Medien. Auchin Köln und anderen Städten sind Demonstrationen angekündigt.

Seit Wochen diskutiert die Politik darüber, wie sie mit der erstarkenden Bewegung umgehen soll. Reicht es, sich klar dazu zu bekennen, dass Einwanderer willkommen sind und dass Deutschland Menschen, die in Not sind selbstverständlich aufnimmt? Soll man die Proteste verurteilen? Ignorieren? Oder zeigen die Pegida-Teilnehmer wirkliche Nöte auf, die ernst genommen werden müssen, wie es beispielsweise aus der CSU heißt oder jetzt auch von FDP-Mann Wolfgang Kubicki?

Forscher vom Rat für Migration, einem bundesweiten Zusammenschluss von Wissenschaftlern, haben in der Bundespressekonferenz in Berlin ihr Rezept gegen Pegida erläutert und eine ernsthaftere Auseinandersetzung der Politik gefordert. In der Frage der Zuwanderung gehe "über Pegida hinaus ein Riss durch die Gesellschaft", so Werner Schiffauer, Wissenschaftler an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

Es sei nicht mit kurzatmigen Erklärungen getan - sondern Deutschland brauche langfristig ein neues gesellschaftliches Leitbild, ein neues Bild seiner selbst, an dem sich alle Menschen in Deutschland orientieren könnten. Schiffauer verwies zugleich darauf, dass sich die Migration nur in begrenztem Maße steuern lasse. In Zeiten, wo derartig viele Menschen auf der Flucht sind, sei es eine Illusion zu glauben, man könne dem "durch Grenzziehungen Herr werden".

Wissenschaftler fordern Leitbildkommission

"Es ist wichtig, dass wir den Begriff 'Wir Deutsche' neu definieren", so Schiffauer. Eine Leitbildkommission solle deshalb noch in dieser Legislaturperiode zusammenkommen, besetzt mit Politikern und Vertretern von Einwanderern und Minderheiten - am besten unter Federführung der Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz (SPD). In der Kommission sollte erarbeitet werden, wie der Zusammenhalt in einer pluralistischen republikanischen Gesellschaft gelingen könne", heißt es in einer Erklärung des Migrationsrats vom Montag. Das Leitbild müsse auch auf den Alltag ausstrahlen, deshalb etwa auch Eingang in die Lehrpläne von Schulen finden.

In Schulen und anderen Bildungseinrichtungen müsse außerdem stärker vermittelt werden, welche wichtige Rolle die Migration für Deutschland historisch gespielt habe. Forscher Schiffauer verwies darauf, dass das Bild von Deutschland lange besonders durch die Nachkriegszeit geprägt wurde, als Deutschland am homogensten gewesen sei. Das von der CDU ausgegebene Leitbild "Deutschland ist kein Einwanderungsland" habe die Politik zu lange bestimmt.

Der Forscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld sagte, die Vermittlung eines Integrationskonzepts, nach dem auch andere, auch Fremde und auch zeitweise Menschen, die hier Sicherheit suchen, zur Gesellschaft gehörten, müsse sehr ernst genommen werden.

Lob für die Kanzlerin

Die Wissenschaftlerin Naika Foroutan vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung merkte an, in der Integrationspolitik in Deutschland dürfe man sich nicht nur auf Migranten fokussieren - Pegida zeige, dass man gesellschaftliche Gruppen aus den Augen verloren habe. Gruppen, die selbst eigentlich Integrationskurse bräuchten. Damit spielte sie auf Vorurteile und Wissenslücken vieler Demonstranten an. Die Einwanderungsgesellschaft sei nicht selbsterklärend, sondern sehr kompliziert, so die Forscherin.

Zum Umgang von Bundeskanzlerin Merkel mit Pegida fanden die Wissenschaftler lobende Worte. Er habe den Eindruck, dass Merkel das Phänomen sehr ernst nehme, so Schiffauer. Sorge bereite ihm allerdings, dass Teile der CSU auf Forderungen der Pegida eingingen. Eine solche Entwicklung sei fatal.



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