Zerwürfnis in Dresden Pegida schafft sich ab

Was für eine Selbstdemontage! Die Organisatoren der Pegida-Bewegung überwerfen sich, die nächste Demo muss abgesagt werden. Für die Montagsmärsche durch Dresden war es das wohl - der Hass wird sich einen neuen Kanal suchen.

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Kathrin Oertel: Pegida hat sich selbst entlarvt
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Kathrin Oertel: Pegida hat sich selbst entlarvt


Hamburg - Schuld sollten mal wieder die anderen sein. Die Selbstdemontage von Pegida, den Rückzug der Frontfrau Kathrin Oertel, das wollte der verbliebene Rest schnell auf die Feinde da draußen schieben: "Kathrin hat vorerst ihr Amt als Pressesprecherin niedergelegt. Dies ist massiven Anfeindungen, Drohungen und beruflichen Nachteilen geschuldet."

Das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Die Pegida-Spitze hat sich nicht einfach gestritten, sie hat sich zerlegt. Das Organisationsteam ist von zwölf auf fünf geschrumpft. Nach dem Skandal um Lutz Bachmann hat Pegida zum zweiten Mal binnen einer Woche das Gesicht verloren. Die Demo für den kommenden Montag ist abgesagt.

War's das mit Pegida? Mit Sicherheit kann es niemand sagen. Der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke sieht "den Anfang vom Ende der Pegida-Bewegung". Extremismus-Experte Timo Reinfrank von der Amadeu-Antonio-Stiftung sagt: "Ich glaube noch nicht, dass dies das Aus ist." Und doch spricht viel dafür, dass sich Pegida als Massenphänomen erledigt hat.

Dass es mal so kommen könnte, ist keine Überraschung. Aber wie plötzlich und mit welcher Wucht, das verblüfft schon ein wenig. Die Betroffenen klingen gar erleichtert.

  • "Ich bin auch froh, dass ich da draußen bin, ich will gar nicht mehr." (Gründer Lutz Bachmann in der "SZ")
  • "Ich wollte da raus." (Mitorganisator Bernd-Volker Lincke in der "FAZ")

Oertel, die sich der Nation als "ganz normale Frau aus dem Volk" präsentierte, sagte bereits in der vergangenen Woche, ihre Kinder und ihr Beruf kämen zu kurz. Die Organisatoren hatten sich zwar darauf geeinigt, sich nicht "zu Tode zu spazieren". Aber sie wollten noch ein paar Ziele durchbringen.

Und da wurde es plötzlich ganz furchtbar kompliziert.

Pegidas Lebenslüge lautet, man müsse nur das Interesse des Volkes berücksichtigen. Dass aber nicht einmal eine Truppe aus zwölf Bekannten dasselbe Interesse hat, haben sie nun unter Beweis gestellt. Sie wollten konkret werden, konnten es aber nicht. Weil das Konkrete die Dresdner Wutbürger auch nicht interessierte, und weil sie selbst nicht wussten wie.

Die Pegidisten forderten den "Dialog mit der Politik", doch die Politik ging kaum darauf ein. Sie spürten, dass sich Hitler-Imitator Bachmann unmöglich gemacht hatte, wussten aber nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen. In ihrer offiziellen Rücktrittserklärung schreiben Oertel und ihre Mitstreiter später, das "Verbleiben Bachmanns im Verein und Orga-Team ... trotz der bekannt gewordenen Facebook-Postings" sei ein Grund für ihren Austritt gewesen. Diese mitzutragen, sei man "nicht gewillt" gewesen.

Sie wollten politisch unabhängig sein, zerstritten sich aber darüber, wie eng man mit der AfD kungeln könne.

Bei ihrer letzten Rede am Sonntag in Dresden wollte sich Oertel noch einmal richtig wütend zeigen. Sie wetterte gegen Berichte, nach denen sie sich mit Sachsens AfD-Chefin Frauke Petry abgesprochen hatte. Alles eine infame Unterstellung der "Lügenpresse"? Beide telefonierten am Tag von Bachmanns Rückzug, veröffentlichten Presseerklärungen, deren wichtigste Sätze identisch klangen. Da glaubten auch Orga-Mitglieder plötzlich eher den Berichten als ihrer Sprecherin.

In Dresden selbst ging es nicht voran, und zugleich platzten alle Franchise-Pläne für Wutbürgerproteste quer durchs Land. Der einzige Ableger, der mehr als nur versprengte Grüppchen anzieht, geht in Leipzig auf die Straße. Doch Legida, wo weniger "besorgte Bürger" und mehr Neonazis mitlaufen, will sich nichts sagen lassen aus Dresden.

Natürlich: Sie mobilisieren jetzt für die übernächste Woche unter dem Motto: "Wir lassen uns nicht stoppen!" Bis dahin wollen sie intern das Gröbste geklärt haben. Aber: Wer mobilisiert da überhaupt noch? Und wer soll dem Ganzen Leben einhauchen? Bachmann war der beste Redner, Oertel die besorgte Mutter, Vereinsvize René Jahn ein halbwegs vernünftiger Ansprechpartner. Sie sind weg.

Viele Pegida-Gegner werden sich jetzt als Sieger fühlen. Wie der Vizekanzler Sigmar Gabriel, der sogleich von einer "Erlösung für Dresden" spricht. Sie wollen natürlich immer schon gewusst haben, dass sich der Spuk über kurz oder lang erledigen würde.

Sie übersehen allerdings ein paar Dinge: Das, was Bachmann, Oertel und Co. allwöchentlich im Tonfall der Beleidigten vortrugen, wird ganz ähnlich an Tausenden Stammtischen beklagt. Der Hass auf Ausländer, das Unbehagen darüber, wie sich Deutschland ändert, die Verachtung für die da oben, das alles bleibt. Es werden mehr Flüchtlinge kommen, den Streit über den Islam in Deutschland beendet auch kein Satz der Kanzlerin.

Die Beleidigten werden warten auf einen neuen Lutz Bachmann, auf Germany's next Kathrin Oertel. Ob diese sich dann mit Facebook-Hetze, Hitler-Posen und Orientierungslosigkeit ebenso schnell zerlegen?

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insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
appel&ei 28.01.2015
1.
es gab doch hier im forum zahllose pegida-versteher und unterstützer. wenn die nicht nur "mitläufer" waren, werden sich doch sicher neue veranstalter finden, oder? eine demonstartion anzumelden ist ja keine wissenschaft. man/frau muss aber raus aus der anonymen masse und sein gesicht zeigen!
tariktell 28.01.2015
2. Stimmen die Relationen in der Berichterstattung?
Dass es Kleinkariertheit, Auslaenderhass und schlicht Dummheit auch in Deutschland gibt, ist unbestritten. Aber werden die paar Tausend aus dem Tal der Ahnungslosen von der deutschen Presse - die auslaendischen Medien orientieren sich in ihrer Berichterstattung wiederum an den grossen deutschen Medien - nicht ausserhalb jeder vernuenftigen Relation gehypt? Glueckliches Deutschland, wenn es tatsaechlich keine groesseren Probleme als diese hat.
steffschmid 28.01.2015
3. Pegida und die Presse
Nun ja, mal sehen, wie's weitergeht. Aber die Medien müssen sich auch mal an die eigene Nase fassen: ein eher lokales Ereignis wie die Pegida derart aufzubauschen, ist doch daneben. Das wurde ja zeitweise als neue, riesige Volksbewegung verkauft. Ein paar Wochen ist dann außer viel heißer Luft auf allen Seiten kaum noch was da. Das Pegida-Ding wäre doch nie so hochgekocht, wenn nicht alle - Presse, TV, Blogs - da so mit eingestiegen wären. So, als ob man drauf gewartet hätte. Die Schlagzeile lockt. Nein, wir haben keine Lügenpresse - aber es fehlt an ruhiger Gelassenheit und an Souveränität, so einen lokalen Protest nicht derart hoch zu hängen.
gegengegen 28.01.2015
4. Vielleicht, aber auch nur
vielleicht, haben die nahe gehenden Dokumentationen zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, die auch die Entstehung des Hasses gezeigt haben, manchen Organisator ind Teilnehmer betroffen gemacht. Denn die laut gebrüllten Parolen erinnerten doch allzu stark an die von fanatischem Hass getriebenen Nazis. "Sachsen bleibt deutsch"? Diese Parolen standen 1945 in gleichem Wortlaut allen Orts. "Wir sind das Volk"? Gewinnt im Zusammenhang mit der Ablehnung Andersgläubiger oder der Ablehnung von Ausländern eine ähnliche Bedeutung wie "Ausländer raus". Wenn Pegida-Anhänger das Volk sind, dann nach ihrer Auffassung die nicht, denen die Wut gilt. Was passiert, wenn sich derartiges verselbständigt ist hinlänglich bekannt.
Singulus2 28.01.2015
5. ..geht mal wieder am eigentlichen Thema meilenweit vorbei..
..Pegida ist doch nichts anderes als ein Phänomen der gewaltigen Politik - und Presseverdrossenheit im Land.Daran ändert sich doch nichts,selbst wenn Pegida aufhört zu existieren.Diese Verdrossenheit wird sich dann anderswo Bahn brechen.Dann wählen in Sachsen demnächst nur noch 30% oder die AfD kommt auf 15% bei der nächsten Bundestagswahl. Das Grundproblem bleibt doch: Politik und Presse koppeln sich immer mehr von der Realität ab und versuchen den Leuten irgendwelche Märchen aufzutischen.Die Eurokrise hat nichts mit dem Euro zu tun..der Islam nichts mit dem Islam usw.usw..
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