Pegida und die Wirmer-Flagge "Ich bin entsetzt"

Anton Wirmers Vater erfand die Fahne mit dem schwarz-goldenen Kreuz auf rotem Grund - als Symbol für den Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Heute schwenken die Islam-Feinde von Pegida sie. Die Familie erwägt nun rechtliche Schritte.

Ein Interview von

Anhänger von Pegida in Leipzig, der sogenannten Legida: Fahne von Widerstandskämpfer Josef Wirmer
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Anhänger von Pegida in Leipzig, der sogenannten Legida: Fahne von Widerstandskämpfer Josef Wirmer


Zur Person
  • Laurent Wirmer

    Anton Wirmer, Jahrgang 1940, ist eines von drei Kindern des Widerstandskämpfers Josef Wirmer. Der Jurist und Zentrumspolitiker gehörte zu den maßgeblichen Kräften des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Er wurde von den Nationalsozialisten hingerichtet. Sein Sohn Anton, ebenfalls Rechtsanwalt, war politischer Beamter im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung sowie im Bundeskanzleramt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wirmer, weht bei Ihnen die Wirmer-Fahne (Lesen Sie hier alles zu der Flagge) im Garten? Schließlich hat Ihr Vater Josef sie entwickelt.

Anton Wirmer: Nein. Dazu besteht heute keine Veranlassung mehr, wir haben eine nationale Flagge. Mein Vater hat die Fahne damals 1944 in der Situation des Widerstandes, der Erhebung gegen das Unrechtsregime der Nazis entworfen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Fahne für Sie?

Wirmer: Die Flagge drückt all das aus, was unser Vater und die anderen Mitglieder der Widerstandsbewegung im Kern wollten: die Ablehnung des verbrecherischen Nazi-Staates und die Wiederherstellung einer funktionsfähigen Demokratie. Mein Onkel Ernst Wirmer, der jüngere Bruder meines Vaters, hat uns nach dem Krieg erklärt, was er mit diesem Entwurf verband. Die Farben Schwarz, Rot und Gold stellen eine Rückbesinnung auf die Weimarer Republik dar, die erste deutsche parlamentarische Demokratie. Das Kreuz, das sich auch in anderen Nationalflaggen wie der norwegischen findet, steht nicht nur für christliche Werte. Es ist auch Kontrapunkt gegen das Hakenkreuz.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es für Sie zu sehen, dass 71 Jahre später nun Pegida-Anhänger die Fahne Ihres Vaters durch Dresden tragen?

Wirmer: Ich bin entsetzt. Es ist im Grunde die Verdrehung all der Ideen, die seine Flagge darstellt.

Widerstandskämpfer Josef Wirmer: Entwickler der Flagge
imago/ ZUMA/ Keystone

Widerstandskämpfer Josef Wirmer: Entwickler der Flagge

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Pegidisten, die unter anderem gegen die angebliche Islamisierung Deutschlands oder Lügenpresse demonstrieren, verstehen, was sie da schwenken?

Wirmer: Das weiß ich nicht. Deshalb ist es wichtig darüber aufzuklären, welchen Ursprung die Fahne hat und welche Vorstellungen damit verbunden waren. Die Wirmer-Fahne steht nicht für einen abstrakten Widerstandsbegriff. Sie steht vor allem für eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Es ist nicht nur die Pegida-Bewegung, die die Fahne Ihres Vaters nutzt, auch rechtsextreme Gruppierungen verwenden sie. Seit wann beobachten Sie diese Vereinnahmung?

Wirmer: Schon länger. Hier müssen wir besonders wachsam sein, vor allem vor dem Hintergrund unserer Historie.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie gegen die Vereinnahmung vorgehen?

Wirmer: Wir prüfen das in der Familie. Rechtlich ist das ein komplexes Feld. Firmen, die die Fahne unter dem Label "Flagge Deutscher Widerstand 20. Juli" produzieren oder vertreiben, müssen sich aber fragen lassen, ob das zu ihrer Unternehmensphilosophie passt und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entspricht. Sie sehen ja, wo die Fahne auftaucht und was damit gemacht wird.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Appelle reichen?

Wirmer: Es geht für mich nicht in erster Linie um die Flagge, sondern generell um die Auseinandersetzung mit rechtsextremem und fremdenfeindlichem Gedankengut. Da ist jeder von uns aufgerufen, seinen Beitrag zu leisten. Entscheidend ist, dass sich die Andersdenkenden, und das ist die große Mehrheit im Land, zu Wort melden und nicht schweigen. In Köln hat das zum Glück geklappt. Da hatte Pegida keine Chance.



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