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Ausländische Medien über Pegida: "Im Tal der Ahnungslosen"

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Teilnehmer an Pegida-Demo (Symbolbild): Scharfe Kritik aus dem Ausland Zur Großansicht
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Teilnehmer an Pegida-Demo (Symbolbild): Scharfe Kritik aus dem Ausland

Auch im Ausland werden die Pegida-Märsche aufmerksam verfolgt: Internationale Leitmedien wie "New York Times" und "Guardian" schicken Korrespondenten nach Dresden. Ihr Urteil fällt harsch aus.

Berlin/Dresden - Binnen weniger Wochen sind aus Hunderten mehr als 15.000 Menschen geworden. So viele folgten am Montagabend in Dresden dem Aufruf des Anti-Islam-Bündnisses "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida). Die Bewegung hat einen Nerv getroffen. Das sieht man auch im Ausland so.

Vor allem in Europa, aber auch andernorts, wird das Thema aufgegriffen. Die meisten Berichte differenzieren und lassen Pegida-Sympathisanten wie -Kritiker zu Wort kommen. Doch der Blick auf die Schlagzeilen lässt Deutschland schlecht aussehen. Einige Beispiele:

  • "Steigende Wut in Deutschland über Einwanderung" (britische Zeitung "Financial Times")
  • "Krise der Intoleranz in Deutschland" (französische Zeitung "Libération")
  • "Die Islamophobie nistet sich ein in Deutschland" (französisches Magazin "Les Inrockuptibles")
  • "Wachsende deutsche Anti-Islam Bewegung" (israelische Zeitung "Haaretz")
  • "Anstieg der Ausländerfeindlichkeit beunruhigt Deutschland" (spanische Zeitung "El País")
  • "Proteste gegen Muslime in Deutschland" (arabischsprachige Webseite von Al Jazeera)

Drei international renommierte Medien, die britische Zeitung "Guardian", die amerikanische "New York Times" und die internationale Nachrichtenagentur Reuters, haben ihre Deutschland-Korrespondenten nach Dresden geschickt, um über das Phänomen zu berichten. Sie finden scharfe Worte gegen die Bewegung.

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Pegida-Aufmarsch: 15.000 gegen den Islam
Die "New York Times" wundert sich über Dresden. "Die Islamisierung, die Pegida heraufbeschwört, scheint wahrlich nicht nah, bei einem Ausländeranteil von ungefähr zwei Prozent in Sachsen, von denen ein Bruchteil Muslime sind."

Zudem gehe es Deutschland wirtschaftlich nicht schlecht. Mehr Menschen als je zuvor hätten Arbeitsplätze. Woher also diese Unzufriedenheit und Sorgen, fragt die "New York Times".

Spitzer werden die Formulierungen, wenn die Zeitung versucht, den Erfolg von Pegida zu ergründen. Zwar sei die Bewegung sicherlich "Echo der populistischen Ängste, die derzeit durch Europa wehen", schreibt sie.

Doch möglicherweise gebe es eine Sachsen-Besonderheit. "Manche sehen Dresdens Fremdenfeindlichkeit in seiner kommunistischen Vergangenheit verwurzelt", schreibt die "New York Times". "Vor der Einheit war die Gegend bekannt als 'Tal der Ahnungslosen', weil es die einzige größere urbane Region in Ostdeutschland war, die kein westdeutsches Fernsehen empfangen konnte."

"Guardian": Risiko für Dresdens Tourismus

Unter der Überschrift "Schätzungsweise 15.000 Menschen schließen sich 'Nadelstreifen-Nazis' bei Marsch in Dresden an" bezeichnet der "Guardian" Pegida als "entstehende Anti-Ausländer-Kampagnengruppe".

Auch ein italienischer Tourist kommt in dem Artikel zu Wort, der den Dresdner Striezelmarkt, einen der ältesten Weihnachtsmärkte Deutschlands, besuchen wollte.

"Wir sind hierher gekommen wegen der romantischen und herzlichen Stimmung auf den Weihnachtsmärkten", sagt der Tourist dem "Guardian". "Wir hatten nicht erwartet, auf diese Aufrührer und Polizisten in Schutzausrüstung zu stoßen."

Pegida als Urlaubsverderber - dabei ist Tourismus für Dresden ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Vor allem die Zahl der internationalen Gäste stieg in den vergangenen Jahren stetig.

Extrem gefährlich für Deutschlands Ruf

Die Nachrichtenagentur Reuters, deren Texte Redaktionen in der ganzen Welt abonniert haben, fasste am Montagabend ihren Bericht aus Dresden unter der Überschrift "Anti-Einwanderungsproteste nehmen in Deutschland zu" zusammen.

Wie die "New York Times" hält Reuters Pegida zum Teil für ein regionales Phänomen. Über Dresden schreibt die Nachrichtenagentur: "Dresden ist eine Bastion der Konservativen und Austragungsort für Deutschlands größten jährlichen Neonazi-Marsch."

Die Nachrichtenagentur prognostiziert jedoch, dass die Proteste von Dresden schnell ganz Deutschland in Verruf bringen könnten: "Das deutsche politische Establishment hat Jahrzehnte damit verbracht, Deutschlands Image als offenes, tolerantes Land wiederherzustellen nach der Verwüstung durch die Nazis." Dieser Ruf könnte nun ernsthaft in Gefahr sein.

Im Video: Pegida-Protest in Dresden

REUTERS

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