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Extremistentreff in Wuppertal: Spielplatz der Verirrten

Von , Wuppertal

Pegida-Gründer Lutz Bachmann und Salafisten-Prediger Sven Lau traten gleichzeitig in Wuppertal auf. Doch beide Hetzer konnten nur wenig Gefolgschaft mobilisieren. Ausschreitungen verhinderte ein Großaufgebot der Polizei.

DPA

Wenn man so will, war die Innenstadt von Wuppertal am Samstagnachmittag der gelebte Verfassungsschutzbericht: Salafisten und Neonazis, Linksautonome und Hooligans, PKK-Anhänger und Pegida-Gefolgschaft - wie viele politisch Verwirrte passen in "Deutschlands Hass-Hauptstadt"? Das war die Frage, die die Polizei sich stellen musste.

Die Ordnungshüter selbst hatten sich für einen Personalansatz entschieden, den die örtliche Polizeipräsidentin Birgitta Radermacher als "großes Besteck" bezeichnete. Mehr als tausend Beamte, dazu Wasserwerfer, Hubschrauber, Panzerwagen und die Reiterstaffel zeigten, für wie ernst die Sicherheitsbehörden die Lage hielten. Vor allem ein mögliches Aufeinandertreffen von Hooligans und Salafisten hatte zuvor für enorme Nervosität bei Polizei und Verfassungsschutz gesorgt.

In einer vertraulichen Analyse war das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) vor einiger Zeit zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Ausschreitungen von Köln jederzeit wiederholen könnten. Dort hatte die Gruppierung "Hooligans gegen Salafisten" (Hogesa) Ende Oktober Polizisten und Journalisten angegriffen. Gerade wenn die Fußballschläger auf Salafisten träfen, so das LKA in seiner Auswertung, sei auch künftig von "einer niedrigen Hemmschwelle zur Gewaltanwendung" auszugehen, was bedeutete: Dann geht es zur Sache.

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Hooligans in Wuppertal: Schnelles Ende einer Demo
Und tatsächlich folgten dem Aufruf der Pegida-Organisatoren am Samstag in Wuppertal nur wenige sogenannte Wutbürger, dafür umso mehr Menschen mit rechtsextremer Gesinnung und einem sichtbaren Faible für Randale. Da konnte Pegida-Gründer Lutz Bachmann noch so sehr mahnen ("Es geht ohne Gewalt"), sein Publikum vermummte sich und zog Handschuhe an.

Schon bald kam es laut Polizei zu Attacken aus den Reihen der versammelten Neonazis, Hooligans, Straßenschläger - woraufhin die Staatsmacht den Demonstrationszug verbot und die Veranstaltung schließlich auflöste. Bachmann trollte sich wenig später in Richtung Schwebebahn. Sein Ausflug in den Westen - ein Reinfall.

Lacher aus dem Publikum

Denn einmal mehr zeigte sich in Wuppertal, welches Milieu Bachmann mit seiner Brachialrhetorik ("vollgefurzte Beamtensessel") in Nordrhein-Westfalen begeistern kann. Neben den Hogesa-Anführern Andreas Kraul und Dominik Roeseler, den gesichtstätowierten Schlägern einer Bande namens "Berseker Pforzheim" waren das bekannte NPD-Kader und Neonazis, darunter die Dortmunder Szenegröße Michael Brück. Insofern entbehrte es nicht einer gewissen Komik, dass Bachmann ausgerechnet diesen Herrschaften entgegenschrie, sie würden zu Unrecht von den Medien als Extremisten verunglimpft. Selbst im Publikum erntete er damit Lacher.

Ähnlich verlief der Auftritt des Salafisten-Predigers Sven Lau, der noch vor Monaten mit seiner "Scharia-Polizei" für Aufregung in Wuppertal gesorgt hatte. Auch er beklagte ausgerechnet auf dem Willy-Brandt-Platz vor gerade einmal 170 Zuhörern, dass er stigmatisiert würde, falsch dargestellt, kriminalisiert und doch in Wahrheit ganz anders sei, ein braver Muslim eben. Er lehne Gewalt ab, nur in Ausnahmefällen könne die Hand ausrutschen: "Wer unsere Frauen anfasst, muss mit Kinnhaken rechnen", sagte Lau.

Sein Nachbeter auf der Ladefläche des bei Sixt gemieteten Transporters wagte sich da schon weiter vor. "Allah, vernichte alle Ungläubigen, Allah, vernichte Amerika, Allah, vernichte Israel", rief der. Da tobten die Gegendemonstranten hinter der Polizeisperre. Sie hatten schon zuvor immer wieder "PKK" skandiert und mit Eiern geworfen. Auch ein Böller flog in die Menge, zwei Männer wurden festgenommen.

Dass Sven Lau und Lutz Bachmann in Wuppertal am Ende deutlich weniger Menschen mobilisieren konnten, als sie angekündigt und die Behörden befürchtet hatten, spricht womöglich Bände. Bemerkenswert erscheinen dabei zwei Aspekte: Zum einen zeigt der Extremistenstadl von Elberfeld erneut, dass Pegida außerhalb Dresdens wohl nie Fuß fassen wird. Und zum anderen deutet er darauf hin, dass die Zeit salafistischer Ladeflächen-Prediger vorbei sein könnte: Im Vergleich zu den kriegserprobten Propagandisten des "Islamischen Staates" muss ein Sven Lau in der Wahrnehmung seiner Klientel eben wie ein langweiliger Stubenhocker wirken.

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