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31. Januar 2016, 11:15 Uhr

Studie über Pegida-Anhänger

Männlich, über 50, verheiratet, konfessionslos

Was steckt wirklich hinter Pegida? Warum gehen deren Anhänger in Dresden auf die Straße? Aus welchen Milieus kommen sie? Eine Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung gibt Antworten.

Es war vor einem Jahr, im Januar 2015: Da wetteiferten gleich mehrere Universitätslehrstühle und Institute darum, als Erste ihre Umfragen unter Teilnehmern der damals noch neuartigen Pegida-Demonstrationen in Dresden zu veröffentlichen. Danach schien die akademische Energie vorerst erschöpft. Auch galt es bald als nicht ungefährlich, bei den zunehmend aggressiver gestimmten Pegidisten Erhebungsbögen zu verteilen oder gar Forschungsinterviews anzustellen. Denn auszuschließen war nicht, dass die Magister aus Soziologie und Politologie von den misstrauischen und in Teilen durchaus krawallbereiten Demonstranten für verderbliche Repräsentanten der Lügenpresse gehalten würden und dies handfest zu spüren bekommen hätten.

Wissenschaftler des Göttinger Instituts für Demokratieforschung trauten sich dann doch, am 30. November 2015 in der sächsischen Metropole aufzutauchen, um abermals eine Querschnittstudie unter den jetzt 3500 bis 5000 Pegida-Demonstranten durchzuführen. Allerdings mit einer anderen Methode: Im Januar 2015 hatten die Göttinger noch Anatomie, Einstellung und Ziele der Protestler über eine Online-Befragung zu erkunden versucht. Nun teilten sie Print-Fragebögen mit frankierten Rückumschlägen aus.

Der Rücklauf war bemerkenswert, verblüffend auch für die Forscher selbst. Die Quote war im Vergleich zur Aktion ein Jahr zuvor um das Dreifache gestiegen; von 1800 verteilten Bögen landeten 610 bis Ende Dezember ausgefüllt an der Göttinger Universität. Um auf die naheliegende Frage gleich einzugehen: Die Umfrage ist "repräsentativ" für die 610 Personen, die an der Demonstration teilgenommen haben und sich und ihre Motive offenkundig mitteilen wollten. Alles andere zu behaupten, ist durch Expertisen dieser Fasson nicht möglich, schon gar nicht die trompetenhaft postulierte, von Wissenschaftlern dabei höchst skeptisch beurteilte flächendeckende Repräsentativität.

Die Ergebnisse sind dennoch aufschlussreich:

Geschlechts- und Altersstruktur

Es mag auch mit dem andersgearteten Erhebungszugriff zu tun haben - klassisch postalisch statt moderner Online-Kommunikation -, dass die Struktur der Pegida-Aktivisten sich gegenüber den früheren Daten etwas unterscheidet. Pegida wirkt weit älter als ein Jahr zuvor.

Bildungs- und Beschäftigungsstruktur

Die Ergebnisse der neuen Untersuchung weichen bei den Aspekten Bildung und Erwerb signifikant von den älteren Expertisen ab. Weiterhin richtig bleibt aber, dass nicht Prekarisierte und Abgehängte bei dem Protest mitgewirkt haben.

Es ist gut möglich, dass in den letzten Monaten sich die gut bekannte Dynamik sozialstruktureller Erweiterung im (europäischen) Rechtspopulismus auch in Deutschland vollzogen hat. Die populistische Rechte nährt sich in ihrer Anfangszeit stets aus dem Fleisch des bürgerlichen Lagers und der soziologischen Mitte, wächst dann aber stark an durch Arbeiter, die seit Jahren mit den sozialdemokratischen Parteien beziehungsweise der politischen Linken unzufrieden sind.

Zumindest haben die Demonstrationen von Pegida in den vergangenen Monaten neue Teilnehmergruppen rekrutiert. Fast 40 Prozent der Dresdner Demonstranten vom 30. November 2015 erklären, dass sie bis Mai/Juni 2015 noch nicht an Pegida-Manifestationen mitgewirkt hatten.

Überhaupt ist auffällig - und eine zentrale Differenz zu den Demonstrationen etwa gegen Stuttgart 21 und die Startbahnerweiterung in München -, dass der durchschnittliche Pegida-Anhänger in seinem Leben bis dato einen Bogen um Demonstrationen, Unterschriftenaktionen oder ähnliches gemacht hat.

Wir haben es hier also mit einer neu politisierten Gruppe und Lebenswelt zu tun. Die Zivilgesellschaft hat Zuwachs im Engagementbereich erhalten - aber anders, als die Theoretiker und Festredner der Bürgergesellschaft und der Selbstinitiative sich das stets gewünscht und naiverweise erhofft hatten.

Wie zufrieden sind die Pegida-Anhänger?

Nicht untypisch für Protestgruppen in der Bundesrepublik der jüngsten Zeit ist, dass die Einzelnen dort ihre eigene soziale und wirtschaftliche Lage als gar nicht so schlecht einschätzen, die Situation des Landes insgesamt aber in düstersten Farben malen. Das gilt auch für die gegenwärtigen Pegidisten.

Ganz anders fällt die Wahrnehmung der Zustände in der Bundesrepublik aus.

Markant verändert hat sich auch die Demokratiezufriedenheit der Pegida-Leute generell. Gleichviel, ob man nach der Demokratie "als Idee im Allgemeinen", "wie sie in der Verfassung festgelegt ist" oder "wie sie in der Bundesrepublik funktioniert" fragt: Auf allen drei Ebenen haben sich die Zustimmungswerte von Pegida-Aktivisten in den vergangenen zwölf Monaten erheblich nach unten bewegt.

Das im Grundgesetz fixierte Demokratieverständnis findet bei einem Drittel der Pegidisten "Zufriedenheit"; vor einem Jahr äußerte sich in diesem Sinn noch mehr als die Hälfte.

Die Quote der Unzufriedenen über die real etablierte Demokratie ist um zehn weitere Prozentpunkte gestiegen und umfasst nun nahezu 90 Prozent der Teilnehmer an Pegida-Kundgebungen.

Das Wählerverhalten

Im Jahr 2013 hatten noch 26,7 Prozent der Befragten die Unionsparteien bei den Bundestagswahlen gewählt.

Kurzum: Verdruss, Misstrauen, politische Misanthropie wuchern in diesen Milieus so stark, dass in Zukunft auch Parteien wie die AfD vor Argwohn und Ablehnung nicht sicher sein können. Pegida-Leute sind die allergrößten Fans plebiszitärer Willensbildung, als Voraussetzung des von ihnen heiß ersehnten starken Staates. Die klassisch bonapartistische Versuchung ist größer geworden.

Wem wird vertraut - wem nicht?

Dass Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck weiterhin mit Abstand das geringste Vertrauen unter Pegida-Demonstranten genießen, dürfte keine Überraschung sein.

Vom Wissenschaftlerteam des Göttinger Instituts für Demokratieforschung um den Politologen Franz Walter

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