Studie über Pegida-Anhänger Männlich, über 50, verheiratet, konfessionslos

Was steckt wirklich hinter Pegida? Warum gehen deren Anhänger in Dresden auf die Straße? Aus welchen Milieus kommen sie? Eine Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung gibt Antworten.


Pegida-Demonstration in Dresden (am 18. Januar 2016)
DPA

Pegida-Demonstration in Dresden (am 18. Januar 2016)

Es war vor einem Jahr, im Januar 2015: Da wetteiferten gleich mehrere Universitätslehrstühle und Institute darum, als Erste ihre Umfragen unter Teilnehmern der damals noch neuartigen Pegida-Demonstrationen in Dresden zu veröffentlichen. Danach schien die akademische Energie vorerst erschöpft. Auch galt es bald als nicht ungefährlich, bei den zunehmend aggressiver gestimmten Pegidisten Erhebungsbögen zu verteilen oder gar Forschungsinterviews anzustellen. Denn auszuschließen war nicht, dass die Magister aus Soziologie und Politologie von den misstrauischen und in Teilen durchaus krawallbereiten Demonstranten für verderbliche Repräsentanten der Lügenpresse gehalten würden und dies handfest zu spüren bekommen hätten.

Wissenschaftler des Göttinger Instituts für Demokratieforschung trauten sich dann doch, am 30. November 2015 in der sächsischen Metropole aufzutauchen, um abermals eine Querschnittstudie unter den jetzt 3500 bis 5000 Pegida-Demonstranten durchzuführen. Allerdings mit einer anderen Methode: Im Januar 2015 hatten die Göttinger noch Anatomie, Einstellung und Ziele der Protestler über eine Online-Befragung zu erkunden versucht. Nun teilten sie Print-Fragebögen mit frankierten Rückumschlägen aus.

Der Rücklauf war bemerkenswert, verblüffend auch für die Forscher selbst. Die Quote war im Vergleich zur Aktion ein Jahr zuvor um das Dreifache gestiegen; von 1800 verteilten Bögen landeten 610 bis Ende Dezember ausgefüllt an der Göttinger Universität. Um auf die naheliegende Frage gleich einzugehen: Die Umfrage ist "repräsentativ" für die 610 Personen, die an der Demonstration teilgenommen haben und sich und ihre Motive offenkundig mitteilen wollten. Alles andere zu behaupten, ist durch Expertisen dieser Fasson nicht möglich, schon gar nicht die trompetenhaft postulierte, von Wissenschaftlern dabei höchst skeptisch beurteilte flächendeckende Repräsentativität.

Die Ergebnisse sind dennoch aufschlussreich:

Geschlechts- und Altersstruktur

Es mag auch mit dem andersgearteten Erhebungszugriff zu tun haben - klassisch postalisch statt moderner Online-Kommunikation -, dass die Struktur der Pegida-Aktivisten sich gegenüber den früheren Daten etwas unterscheidet. Pegida wirkt weit älter als ein Jahr zuvor.

  • Knapp 50 Prozent sind 56 Jahre und älter, wodurch sie demografisch erkennbar in die Nähe der sogenannten "Wutbürger" zu Beginn dieses Jahrzehnts rücken.
  • Mit rund 25 Prozent machen mittlerweile etwas mehr Frauen mit, wenngleich Pegida ein ganz unzweifelhaft männlich dominiertes Phänomen ist.
  • Fast zwei Drittel sind verheiratet; die Konfessionslosen überwiegen deutlich.

Bildungs- und Beschäftigungsstruktur

Die Ergebnisse der neuen Untersuchung weichen bei den Aspekten Bildung und Erwerb signifikant von den älteren Expertisen ab. Weiterhin richtig bleibt aber, dass nicht Prekarisierte und Abgehängte bei dem Protest mitgewirkt haben.

  • Der Anteil derjenigen mit Hochschulabschlüssen liegt diesmal sehr viel niedriger, nämlich bei 23,8 Prozent statt vorher 36,0 Prozent.
  • Den Berufsschulabschluss als höchsten erreichten Bildungsabschluss geben jetzt 32,3 Prozent an - statt 20,8 Prozent vor einem Jahr.
  • Immerhin 26,7 Prozent geben an, dass sie als Arbeiter im Erwerbsleben stehen. Im vergangenen Jahr war für diese Gruppe lediglich eine Quote von 7,1 Prozent ausgewiesen.

Es ist gut möglich, dass in den letzten Monaten sich die gut bekannte Dynamik sozialstruktureller Erweiterung im (europäischen) Rechtspopulismus auch in Deutschland vollzogen hat. Die populistische Rechte nährt sich in ihrer Anfangszeit stets aus dem Fleisch des bürgerlichen Lagers und der soziologischen Mitte, wächst dann aber stark an durch Arbeiter, die seit Jahren mit den sozialdemokratischen Parteien beziehungsweise der politischen Linken unzufrieden sind.

Zumindest haben die Demonstrationen von Pegida in den vergangenen Monaten neue Teilnehmergruppen rekrutiert. Fast 40 Prozent der Dresdner Demonstranten vom 30. November 2015 erklären, dass sie bis Mai/Juni 2015 noch nicht an Pegida-Manifestationen mitgewirkt hatten.

Überhaupt ist auffällig - und eine zentrale Differenz zu den Demonstrationen etwa gegen Stuttgart 21 und die Startbahnerweiterung in München -, dass der durchschnittliche Pegida-Anhänger in seinem Leben bis dato einen Bogen um Demonstrationen, Unterschriftenaktionen oder ähnliches gemacht hat.

Wir haben es hier also mit einer neu politisierten Gruppe und Lebenswelt zu tun. Die Zivilgesellschaft hat Zuwachs im Engagementbereich erhalten - aber anders, als die Theoretiker und Festredner der Bürgergesellschaft und der Selbstinitiative sich das stets gewünscht und naiverweise erhofft hatten.

Wie zufrieden sind die Pegida-Anhänger?

Nicht untypisch für Protestgruppen in der Bundesrepublik der jüngsten Zeit ist, dass die Einzelnen dort ihre eigene soziale und wirtschaftliche Lage als gar nicht so schlecht einschätzen, die Situation des Landes insgesamt aber in düstersten Farben malen. Das gilt auch für die gegenwärtigen Pegidisten.

  • Fast die Hälfte von ihnen bezeichnet die "eigene heutige Lage" als gut und besser;
  • nur 1,6 Prozent empfinden das individuelle Dasein als "sehr schlecht".

Ganz anders fällt die Wahrnehmung der Zustände in der Bundesrepublik aus.

  • Nicht einmal sieben Prozent der Pegida-Unterstützer empfinden die Verhältnisse im Land als gut und besser, zwei Drittel sehen sie als schlecht beziehungsweise sehr schlecht an. Angesichts dieser sinistren Zukunftsbeschreibung überrascht kaum, dass man dem Staat nicht viel Vertrauen entgegenbringt.
  • Gut 60 Prozent der Teilnehmer auf der Pegida-Demonstration im November Ende 2015 - also vor den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht - sprachen sich für den Imperativ zur Selbstermächtigung aus: "Wenn der Staat uns im Stich lässt, sollten wir die Dinge selbst in die Hand nehmen."
  • Bald 45 Prozent äußerten Verständnis dafür, falls einige Bürger "die Beherrschung verlieren" würden. Ein gutes Stück Radikalisierung jenseits der Rechtstaatlichkeit ist unverkennbar.

Markant verändert hat sich auch die Demokratiezufriedenheit der Pegida-Leute generell. Gleichviel, ob man nach der Demokratie "als Idee im Allgemeinen", "wie sie in der Verfassung festgelegt ist" oder "wie sie in der Bundesrepublik funktioniert" fragt: Auf allen drei Ebenen haben sich die Zustimmungswerte von Pegida-Aktivisten in den vergangenen zwölf Monaten erheblich nach unten bewegt.

Das im Grundgesetz fixierte Demokratieverständnis findet bei einem Drittel der Pegidisten "Zufriedenheit"; vor einem Jahr äußerte sich in diesem Sinn noch mehr als die Hälfte.

Die Quote der Unzufriedenen über die real etablierte Demokratie ist um zehn weitere Prozentpunkte gestiegen und umfasst nun nahezu 90 Prozent der Teilnehmer an Pegida-Kundgebungen.

Das Wählerverhalten

Im Jahr 2013 hatten noch 26,7 Prozent der Befragten die Unionsparteien bei den Bundestagswahlen gewählt.

  • Heute strebt der Anteil von Unionswählern bei ihnen gegen null.
  • Drei Viertel der Pegida-Sympathisanten von heute präferieren die AfD.

Kurzum: Verdruss, Misstrauen, politische Misanthropie wuchern in diesen Milieus so stark, dass in Zukunft auch Parteien wie die AfD vor Argwohn und Ablehnung nicht sicher sein können. Pegida-Leute sind die allergrößten Fans plebiszitärer Willensbildung, als Voraussetzung des von ihnen heiß ersehnten starken Staates. Die klassisch bonapartistische Versuchung ist größer geworden.

Wem wird vertraut - wem nicht?

Dass Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck weiterhin mit Abstand das geringste Vertrauen unter Pegida-Demonstranten genießen, dürfte keine Überraschung sein.

  • Über vier Fünftel der Pegida-Aktivisten trauen auch der Nato mittlerweile nicht recht über den Weg.
  • Noch stärker fällt die Distanz zur Europäischen Union aus. Im Gegenzug plädieren 90 Prozent dafür, dass "die deutschen Grenzen befestigt und verteidigt (werden)".
  • Als vertrauenerweckend erscheint über 40 Prozent der Pegidisten hingegen die Wissenschaft und Forschung. Man wird dies empirisch weiter prüfen müssen.

Vom Wissenschaftlerteam des Göttinger Instituts für Demokratieforschung um den Politologen Franz Walter

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 221 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jakam 31.01.2016
1.
Sie müssen das Thema "Konfession" mal endlich droppen - das gehört nicht mehr in einen modernen politisch säkulären Diskurs. Ansonsten - eigentlich wie erwartet. Die Dinosaurier werden zum Glück bald aussterben.
ackergold 31.01.2016
2.
Damit dürfte wohl klar sein: Pegida und AfD sind quasi identisch. Gabriel hat vollkommen Recht. Das ist ein Fall für den Verfassungsschutz, denn wesentliche Elemente des Grundgesetzes und des geltenden Rechts werden hier mißachtet, ja abgelehnt. Wen wenn nicht diese soll der Verfassungsschutz beobachten? Wenn man die AfD nicht beobachtet, kann man die Organisation Gehlen auch gleich auflösen.
batmanmk 31.01.2016
3.
In der Alterskohorte > 55 Jahre sind Hochschulabschlüsse im Vergleich zu der darauf folgenden Generation eine ziemliche Seltenheiten. (Quote, je nach Quelle 10 bis 12%) In den neuen Bundesländern umso mehr. Nun wissen wir also wie "das Pack" sich zusammensetzt.
querdenker101 31.01.2016
4. Man
kann wirklich nur hoffen, dass angesichts dieser Zahlen Taten und nicht wieder leere Worthülsen kommen. Aber wie in den letzten Monaten, wird man vergeblich auf Einsicht der Regierenden hoffen. Die AfD wird weiter diffamiert, die tollsten Geschichten zur AfD werden in den Gazetten erscheinen und mich würde es auch nicht wundern, wenn türkeigleich noch etwas inszeniert wird, um die Wählergemeinde auf Linie zu trimmen. Die Handgranatenaktion, von der man wahrscheinlich nie erfahren wird, wer sich das ausgedacht hat, erinnert schon sehr an das Celler Loch. Naja, die kommenden Wochen werden das Gute und das Böse der Macht zum Vorschein bringen. Man kann nur hoffen, dass zumindest die Presse bei diesem perfiden Spiel um Macht und Geld einigermaßen neutral bleibt; mich würde es wundern.
janne2109 31.01.2016
5. warum
warum nur dürfte ich diese Umfrage nicht machen denn ich füge noch hinzu; gefrustet vom Alltag, Leben prickelt nicht mehr, Gewalt und Frust zu Hause kann man nicht auslassen ( zum Glück wenigstens das) neidisch auf jeden Nachbarn der mehr hat, bildet sich nicht weiter, daher die diffuse Angst vor Jobverlust, Oh Deutsche -- ich schäme mich iin Grund und Boden für Euch alle
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.