Schräge Parteienwerbung: Wahlkampf der Selbstdarsteller

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Kuriose Wahlwerbung: "Rot schmeckt gut" Fotos
AfD TV

Lach-Yoga und Gesangseinlagen, Kochrezepte und Kraftausdrücke: Im Kampf um Wählerstimmen schrecken große und kleine Parteien vor Peinlichkeiten nicht zurück. Schon jetzt kursieren schräge Videos, merkwürdige Plakate und skurrile Aktionen - fünf Beispiele aus dem Wahlkampf.

Berlin - Insgesamt 38 Parteien treten zur Bundestagswahl an, und im Kampf um Stimmen und Aufmerksamkeit ist ihnen anscheinend jedes Mittel recht. Zwar haben die Wahlkämpfer sehr unterschiedliche Budgets für ihre Eigenwerbung zur Verfügung (zum Vergleich: SPD 23 Millionen, Piraten eine Million). Die Ergebnisse sind zuweilen aber ähnlich schräg - große und kleine Parteien schrecken vor Peinlichkeiten nicht zurück.

Da gibt es zum Beispiel die Euro-Kritiker, die mit Gitarrenschlager in Eigenkomposition beeindrucken wollen. Oder den gestandenen Ministerpräsidenten, der sich bei der Jugend anbiedert. Oder die SPD-Frau, die mit dem Obstmesser auf Stimmenfang geht.

Videos, Plakate und Aktionen zum Gruseln: SPIEGEL ONLINE zeigt fünf kuriose Beispiele aus dem laufenden Wahlkampf. Viel Spaß!

1. Euro-Kritiker auf Sendung: Ganz großes Tennis

Screenshot aus AfD-Clip: Es besteht akute Fremdschämgefahr Zur Großansicht
AfD TV

Screenshot aus AfD-Clip: Es besteht akute Fremdschämgefahr

Die eurokritische Alternative für Deutschland verbreitet neuerdings Wahlwerbung im Stil einer Nachrichtensendung (für das YouTube-Video klicken Sie hier). Eigentlich sollte das Vier-Minuten-Filmchen Warnhinweise enthalten. Denn es besteht akute Fremdschämgefahr.

Was ist peinlicher? Der ins "Studio" gebeamte Experte, der einer Kalkofe-Parodie gleicht? Das hektische EKG-Geräusch, das die "News" über Schuldendramen und Euro-Apokalypse untermalt? Oder die Dame im Tennisoutfit, die samt Schläger und Ball vor einem modrigen Pool posiert?

Die Krönung ist der offizielle AfD-Song, den ein Parteimitglied auf der Gitarre intoniert. Eine Kostprobe: "Wir geben nicht auf" - Gitarrenschrammel - "Nein, wir geben nicht auf" - Schrammel - "Wir geben nicht auf" - nachdenklicher Blick - "Wir halten zusammen. Wir geben nicht auf. Die Rettung ist alternativ." Anhören auf eigene Gefahr.

2. Hans-Joachim Fuchtel (CDU) wirbt mit Mundhygiene

CDU-Politiker Fuchtel: Mann mit Mundhygiene-Mission Zur Großansicht
DPA

CDU-Politiker Fuchtel: Mann mit Mundhygiene-Mission

Die Lokalpresse im kleinen Empfingen südöstlich von Karlsruhe entdeckte den CDU-Politiker Hans-Joachim Fuchtel beim Versuch, junge Menschen für die Christdemokratie zu begeistern. Auf der sogenannten Beatparade wurde der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium auf einem Techno-Truck gesichtet - mit Strohhut, schwarz-rot-goldener Girlande und Cheerleader-Pompon.

Auf die tanzende Menge ließ der 61-Jährige schwarze Zahnbürsten niederregnen - Aufschrift: "CDU - Fuchtel in aller Munde".

Bei Fuchtel gehört die Zahnbürste zur Grundausstattung. Immer hat der stattliche Mann mit der Minipli-Frisur sie als Geschenk dabei - selbst wenn sich "Fuchtelos" im Auftrag der Kanzlerin um die deutsch-griechische Freundschaft verdient macht. Demnächst plant Fuchtel laut "Stuttgarter Nachrichten" schon den nächsten Coup - eine Tanzveranstaltung samt Polit-Talk und Lach-Yoga. Das ganze richte sich dann ans ältere Publikum. Titel: "Rock am Stock".

3. Locker bleiben mit Hessens Landesvater Volker Bouffier

CDU-Wahlplakate in Hessen: Pappbecher - ein Symbol der Lockerheit? Zur Großansicht
CDU

CDU-Wahlplakate in Hessen: Pappbecher - ein Symbol der Lockerheit?

Volker Bouffier (CDU) gibt sich im Wahlkampf total cool und witzig. Auf einem der ersten Plakatmotive lehnt Hessens Ministerpräsident lässig an einem Kickertisch, Krawatte und Sakko sind - logo - abgelegt, in der Hand hält er einen Kaffeebecher aus Pappe, schließlich laufen Jugendliche immer mit einem Kaffeebecher aus Pappe rum.

Fünf Teenager in echt krass hippen Klamotten blicken denn auch ganz verzückt zu ihrem Landesvater auf, einer von ihnen trägt sogar so einen frechen Irokesen-Haarschnitt. Und hat Migrationshintergrund! "Hessen bleibt locker" steht auf dem Bild.

Aber Bouffier kann noch "loggärä", wie der Hesse sagen würde. Er verschenkt nämlich auch "Volker's Aktiv Apfel" [sic!], eine Apfelschorle in der Dose für die "erfolgreiche Erfrischung", und "Bouffiers Popcorn" - Motto: "Immer eine gute Wahl". Wie das aussieht, sehen Sie in unserer Fotostrecke.

4. Sozialdemokraten zum Frühstück

Bundestagskandidatin Rebecca Hummel: "Denn Rot schmeckt gut"
SPDreutlingen

Bundestagskandidatin Rebecca Hummel: "Denn Rot schmeckt gut"

"Damit die Erdbeeren schneller kochen, schneiden wir sie einfach in kleine Stücke." Mit Tipps wie diesen geht Rebecca Hummel, 30, auf Stimmenfang. Die SPD-Bundestagskandidatin verteilt in ihrem Reutlinger Wahlkreis selbstgemachte Marmelade an die Bürger - Motto: "Rot schmeckt gut." Über die Herstellung des Brotaufstrichs hat die Genossin ein Video gedreht, das bei YouTube zu sehen ist.

Da steht Rebecca Hummel mit Schürze und Gummihandschuhen in einer Schulküche und erklärt, wie aus Früchten, Gelierzucker und Vanillearoma "Wahlkampfmarmelade" wird. Helfen wird es wohl nicht, der Wahlkreis ist fest in CDU-Hand, und der Platz auf der Liste wird nicht reichen. Immerhin: Mit ihrem Familienrezept hat es die Sozialdemokratin schon in den SPIEGEL und ins Fernsehen geschafft.

5. Klartext mit der Piratenpartei

Piratenplakat zu Mietpreisen Zur Großansicht
CC-BY-SA Bartjez

Piratenplakat zu Mietpreisen

Kletternde Mieten - dieses Thema könnte man auf vielfältige Weise thematisieren. Bezahlbarer Wohnraum für alle, das klingt doch nett. Aber die Piratenpartei hat noch nie viel von dezenter Wortwahl gehalten: In Berlin plakatiert sie mit einem saftigen "DIE SCHEISS MIETEN SIND ZU HOCH". Damit es auch der Letzte kapiert.

Plakatmodel und Direktkandidat Sebastian von Hoff zeigt sich auf seiner Website angesichts steigender Wohnmieten "wütend". Was dagegen getan werden soll, das passte allerdings nicht mehr aufs Plakat.

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insgesamt 70 Beiträge
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    Seite 1    
1. Popcorn ...
noalk 01.08.2013
... und Bouffier, dazu fällt mir spontan ein: heiße Luft ... passt doch, oder?
2.
Trondesson 01.08.2013
Vielleicht sollte Bouffier mal nach den Bedeutungen der Wörter "locker" und "cool" googlen. Offensichtlich scheint er sie nicht zu kennen.
3. Ich .....
curiosus_ 01.08.2013
Zitat von sysopCC-BY-SA BartjezLachyoga und Gesangseinlagen, Kochrezepte und Kraftausdrücke: Im Kampf um Wählerstimmen schrecken große und kleine Parteien vor Peinlichkeiten nicht zurück. Schon jetzt kursieren schräge Videos, merkwürdige Plakate und skurrile Aktionen - fünf Beispiele aus dem Wahlkampf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/peinliche-clips-schraege-plakate-wahlkampf-des-grauens-a-914156.html
..... sympathisiere ja durchaus mit der AfD, und nach derzeitigem Stand werden sie meine Stimme am 22.9. bekommen. Aber die Wahlwerbung ist ziemlich grenzlagig. Damit verscheucht man eher pot. Wähler, als dass man sie anzieht. Wenn die in der €-Frage genau so professionell sind wie in der Erstellung ihrer Spots, dann gute Nacht.... Dann besser keine Werbung als so eine.
4. Politikverdrossenheit kann da nicht wundern...
antonraum 01.08.2013
So eine niveaulose Werbung ist nun wirklich peinlich. Andererseits habe ich selbst erlebt, dass eine Parteiwerbung mit Sachthemen und ohne einzelne überzogene Parolen schlicht nicht ankommt. Unter anderem die Haushaltspartei ist mit sachlichen und breit aufgestellten Themen angetreten. Tja, sie fand am Ende nicht einmal 400 Mitglieder um zur Wahl zugelassen zu werden. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass sie sich auch erst drei Monate vor Wahl-Anmeldeschluss gründete und die Zeit knapp war. Da kamen echte Themen wie Europa-Reform, Trennung von Staat und Kirche, Bürgerrechte, Datenschutz und natürlich nachhaltig wirtschaftlich haushalten vor. Solche Themen ziehen an den Stammtischen aber eben nicht so gut wie z.B. der Bayern-Plan oder die Raus aus dem Euro-Rufe...
5.
Oberleerer 01.08.2013
Eigentlich zeigt das sehr schön, was los ist und diesmal wird noch nichtmal gelogen. CDU und SPD haben offenbar keine größeren Probleme als dass alles so bleibt wie es ist. AfD ist dem Leben von 90% der Wähler fern wie Tennisspielen im Gartengrundstück, dass aussieht wie aus dem Katalog. Da ist dieser depperte Kakadu von den Piraten der einzige, der eine konkrete Aussage trifft. Klar Mieten sind zu hoch. Wer aber ein wenig nachdenkt, sollte darauf kommen, dass andernorts die Mieten zu niedrig sind und Wohnraum verfällt. Die Löung ist den Piraten am ehesten zuzutrauen: Telearbeit und BGE könne die Bevölkerung wieder streuen, statt sie in den Ballungszentren zu konzentrieren. Dazu brauch man aber ggf. auch günstigen/kostenlosen Nahverkehr (auch ein Piratenthema).
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