Politiker-Inszenierungen im Sommer: Achtung, jetzt wird's peinlich!

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In den Sommermonaten werden einige Politiker besonders kreativ, um mit gestellten Urlaubsfotos und allerlei anderem Klamauk Eigenwerbung zu betreiben. An ausgeklügelten PR-Ideen herrscht kein Mangel. Die Devise lautet: Hauptsache vorkommen.

Berlin - 31 Grad, die Sonne brennt auf den Strand von El Arenal. Schwergewichtige deutsche Mallorca-Urlauber planschen im lauwarmen Mittelmeerwasser, Bikini-Schönheiten führen ihre gebräunten Körper vor, es riecht nach Sangria und Bratwurst. Und mittendrin sitzt Carsten Schneider von der SPD.

Der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion hat sich nicht verirrt, sondern spricht mit deutschen Urlaubern über - ja, wirklich - Politik. Es geht um die Euro-Krise, das Hilfspaket für Spanien. Da muss er jetzt durch, der Schweiß fließt. Aber was soll's? Für Schneider lohnt sich der Ausflug: "Bürgersprechstunde am Ballermann" wird Deutschlands größte Zeitung am nächsten Tag titeln, dazu gibt's ein dreispaltiges Foto des Sozialdemokraten - in Polohemd und Turnschuhen. Für die "Bild"-Zeitung eine nette Fotogeschichte, für den Abgeordneten schöne Eigenwerbung. Hauptsache vorkommen, lautet die Devise.

Willkommen im Polit-Sommer 2012: Wie Schneider versuchen in diesen Tagen etliche Abgeordnete, Minister und Landesfürsten mit Personality-Geschichten beim Wahlvolk zu punkten. Die Politiker gehen in die Sommerpause und zeigen sich demonstrativ von ihrer freundlichsten Seite. Frei nach dem Motto: Wir sind auch nur Menschen. Ferien ohne Schlagzeile ist offenbar für immer weniger Politiker vorstellbar.

Das Phänomen ist in politischen Kreisen weit verbreitet. Beispiel Steffen Bockhahn: Der Linken-Abgeordnete und Landeschef von Mecklenburg-Vorpommern ließ sich von einem ZDF-Kamerateam in den Tagen vor der Bundestag-Sondersitzung im Familienurlaub in Spanien begleiten, inklusive Strandszene mit Töchterchen und Spaziergang durch die Altstadt von Bilbao. Da hebt er dann Geld vom Automaten ab und witzelt: "Ich kann bestätigen, die spanischen Banken haben noch Geld."

Aus dem Urlaub ins "heute-journal"

Schön für Bockhahn: Mit seinem Einsatz im Urlaub wurde er prompt zur Hauptfigur eines längeren Beitrags im "heute-journal" - Millionen Fernsehzuschauer haben nun schon einmal etwas von dem Herrn aus Rostock gehört und gesehen.

Zuletzt war es auch dem CDU-Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten gelungen, kurz vor der Sommerpause schlagartig seine Bekanntheit zu steigern: Der Christdemokrat, Chef des Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion, machte den einstigen Skandal-Rapper Bushido für ein paar Tage zu seinem Praktikanten. Das verschaffte dem Parlamentarier aus Baden-Württemberg unter anderem eine Einladung in die ZDF-Talkshow von Peter Hahne, vor allem der Boulevard berichtete begeistert von der politischen Karrierehilfe des CDU-Manns für Bushido - der will bald eine eigene Partei gründen.

Es ist halt so schön, endlich mal im medialen Mittelpunkt zu stehen, wo sich sonst nur Kanzler, Ministerpräsidenten und Parteichefs tummeln dürfen.

Im Urlaub wird eben gerne gemenschelt: So posierte Hamburgs SPD-Regierungschef Olaf Scholz kürzlich für die "Bild"-Zeitung - im Trekking-Funktionsoutfit und mit Rucksack - auf einer Wanderbrücke im Thüringer Wald. Dazu ein herziger Text über die Sieben-Tage-Tour von Scholz und Gattin Britta Ernst den Rennsteig entlang. Da heißt es dann unter anderem: "Das Pech des sportlichen Paares: Das Wetter macht nicht so recht mit."

CSU-General Dobrindt posiert traditionell auf der Zugspitze

Als Chefexperte in Sachen Sommerloch-Gaudi gilt gemeinhin CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Der Mann aus Oberbayern lässt sich beinahe schon traditionell auf der Zugspitze ablichten. Ähnliches ist auch dieses Jahr wieder zu befürchten. Im vergangenen Sommer posierte der CSU-Mann für ein Boulevardblatt als kerniger Wanderer mit Rucksack und Seil, dazu die Überschrift "Dobrindt geht steil". Er stand auch schon gemeinsam mit Bundesforschungsministerin Annette Schavan als Wanderpaar vor der Kamera. Schlimmer geht's nimmer, mag da mancher Parteifreund gedacht haben.

Geht's aber doch.

Zur Ehrenrettung von Dobrindt, Schneider und Co. muss gesagt werden, dass das Phänomen der Urlaubspolitiker in Badehosen nicht ganz neu ist. Schon Kanzler wie etwa Helmut Kohl schreckten nicht vor peinlichen Urlaubsaktionen zurück: Unvergessen das Bildnis aus den Österreich-Sommerferien der Kohls 1994, Helmut stehend im kurzärmeligen Hemd, davor Ehefrau Hannelore, die ein Rehkitz mit der Flasche säugt. Und: Schon Ludwig Erhard stand den Fotografen beim sommerlichen Ballspiel mit seinen Enkelinnen Modell.

Nur wenige Politiker sind gegen diese Art von Publicity gefeit. Angela Merkel posierte einst mit Turnschuhen am Angelsee. Inzwischen ist sie jedoch sehr viel zurückhaltender geworden. In den Ferien will die Kanzlerin vor allem eines - ihre Ruhe. Fotografen, die ihr und ihrem Mann auflauern, um Schnappschüsse in Südtirol zu machen, nerven sie ungemein.

Nur eine Show genehmigt sich Frau Merkel alljährlich zu Beginn ihres Sommerurlaubs: die Wagner-Festspiele in Bayreuth. Da lässt sie sich im Abendkleid ablichten, entspannt und fast privat. Ach ja, übrigens: In den nächsten Tagen soll es wieder so weit sein. Die Fotografen warten schon.

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