Performance-Check: So kämpften, glänzten, patzten Merkel und Steinbrück

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Public Viewing des TV-Duells in Berlin: Kein klarer Sieger

Bloß nicht zu ähnlich sein! Bei ihrem TV-Duell bemühten sich Kanzlerin und Konkurrent um gegenseitige Abgrenzung. Wie sich Merkel und Steinbrück schlugen, wo sie glänzten, patzten und nervten: Alles hier im Performance-Check.

Berlin - Kaum war das TV-Duell beendet, schwirrten die Spin-Doktoren beider Lager aus: "Merkel war besser!", hieß es von den Kanzlerin-Leuten. "Steinbrück hat gewonnen!", verkündeten die Unterstützer des Herausforderers.

Dabei steht eines wohl fest nach 90 Minuten: Einen klaren Sieger gab es nicht.

Aber wie haben sich Regierungschefin Merkel und Kanzlerkandidat Steinbrück nun tatsächlich geschlagen? Was waren ihre besten, was ihre schlechtesten Momente? Wer war aggressiver - und wer emotionaler?

Ein TV-Duell-Check in zehn Kategorien:

1. Glanz-Moment

Für Steinbrück ging es gut los: Sein Eingangsstatement, in dem er um Vertrauen warb, war unaufgeregt und klar, der Kanzlerkandidat wirkte fast sympathisch: "Ich wünsche mir ein Land, in dem jeder, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung, glücklich werden kann."

Bevor der Sound zu samtpfötig geraten konnte, schoss Steinbrück aber den ersten Giftpfeil ab: "Lassen Sie sich nicht einlullen", appellierte er ans TV-Publikum.

Merkel war stark im zweiten Drittel, als sie der SPD vorwarf, ans Portemonnaie der kleinen Leute zu wollen. "Polizisten, Lehrer, Soldaten, Justizvollzugsbeamten, alles Menschen mit eher kleinem Gehalt", die sollten "mal ganz genau hinhören", was ihnen mit Steinbrück drohe, ätzte sie - und spielte das Reizthema Beamtenpensionen geschickt aus.

2. Flop-Moment

Merkel brachte zur amerikanischen Spähaffäre nur hilflose Worthülsen hervor. Man arbeite an einer europäischen Verordnung, "das muss mit Intensität weitergemacht werden", und jedes Land habe "seine eigenen Dinge", was das Mitlesen von E-Mails angehe. Das war nix. Auch der letzte Satz der Kanzlerin ("Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend") ging daneben, er erinnerte eher an eine Nachtmagazin-Moderatorin als an eine Kanzlerin.

Steinbrück drückte sich beim Thema Beamtenpensionen um klare Zahlen herum. Beim Thema Politikergehälter kam er ins Straucheln und verpasste eine Steilvorlage: Er hätte perfekt zum SPD-Kernthema Mindestlöhne überleiten können. Das erledigte dann Merkel für ihn.

3. Entertainment-Qualitäten

Hier lag, wenig überraschend, Steinbrück vorne. Der Kanzlerkandidat machte die lockereren Sprüche. "Schöne Grüße nach München zu Herrn Seehofer", sagte er, als Merkel sich gegen die Mautpläne des CSU-Chefs ausspricht. "Das war ein Ausflug in meine Westernfilm-Erfahrung", sagte er über seine Kavallerie-Äußerungen zu Steueroasen. Hin und wieder lächelte er diebisch, nachdem er Merkel ärgern konnte, und hatte sichtlich Spaß daran, sich in einen Nahkampf mit den Moderatoren zu begeben ("Stimmt doch gar nicht!").

Und die Kanzlerin? Sorgte nur einmal für Lacher. Als sie gefragt wurde, ob sie Mitleid mit ihrem Herausforderer habe, sagte sie: "Ich glaube, das hat Herr Steinbrück doch gar nicht nötig, dass er mir leidtut."

4. Geschmeidigkeit

Vorteil Steinbrück. Der Mann hat einfach mehr rhetorisches Talent als die Kanzlerin, nutzt auch mal klare Begriffe, etwa wenn er die ehrlichen Steuerzahler die "Gelackmeierten" nennt. Musste sein Temperament sicher hin und wieder bremsen, wirkte dann weniger authentisch, genauso, als er zu Beginn auswendig Gelerntes unterbringen wollte. Merkel konnte einen Spontaneitätspunkt landen: Steinbrück preschte mit Plänen zur Pensionsbegrenzung vor, die Kanzlerin erinnerte an den einfachen Polizisten, der da sicher genau hinhören würde.

5. Zank und Zoff

Angela Merkel wirkte gerade im ersten Drittel ziemlich dünnhäutig. Schon nach 17 Minuten fiel sie den Moderatoren ins Wort, um weiter reden zu können. Das tat sie in den 30 Eröffnungsminuten gleich noch dreimal. Dagegen dauerte es bei Steinbrück bis zu Minute 50, als er das erste Mal maulte: "Entschuldigung, ich würde das gerne ausführen." Allerdings war Steinbrück auch gegenüber seiner Konkurrentin erstaunlich zahm: Harte Attacken gegen die Kanzlerin blieben aus.

6. Emo-Taktik

Merkel setzte in den 90 Minuten nur einmal auf Emotionen, als es um den ideellen Wert von Arbeit ging. "Jeder Aufstocker ist einer zu viel", mahnte sie und sinnierte: "Ein Arbeitsplatz, das ist ja nicht nur eine Zahl, sondern die Möglichkeit eines Menschen, sich zu verwirklichen und für die Familie einzustehen."

Steinbrück wollte beim Thema Euro Empörung und Empathie wecken: Man dürfe "den Griechen nicht immer nur die Konsolidierungskeule überziehen", das Sparen solle "nicht in einer tödlichen Dosis" verordnet werden. Dann bemühte er historischen Gewissen. Deutschland sei nach dem Zweiten Weltkrieg auch geholfen worden, man müsse in der Krise nun auch den Griechen die Hand reichen.

7. Ausweichtalent

Die Kanzlerin und ihr Herausforderer sind lange genug im Geschäft, um die Antwort auf unangenehme Fragen vielsätzig zu verweigern - das zeigte sich auch im TV-Duell: Bei Steinbrück war das schön zu erleben bei der Frage, wie er die Widersprüche in seiner Partei bei der Rente mit 67 erkläre. Er redete viele Sätze - ohne zu antworten.

Merkel zeigte ihr großes Ausweichtalent, als sie auf das geplante No-Spy-Abkommen mit der NSA angesprochen wurde. Warum man das braucht, wo sie den Amerikanern doch vertraut, erklärte Merkel in einer langen Antwort nicht.

8. Look und Style

Klarer Aufmerksamkeitssieg für Merkel: Ihre neue Halskette wird in den sozialen Netzwerken heiß diskutiert. Ist es wirklich eine Deutschlandkette?

Da kann Krawattenträger Steinbrück nicht gegen ankommen. Meister der Körpersprache sind beide nicht, auch wenn sie sich mühten, in und wieder Arme und Hände zu nutzen. Und: Die Kanzlerin versuchte, ihre Gesichtszüge zu kontrollieren, wenn sie nicht an der Reihe war. Gelang ihr in der ersten Hälfte besser.

9. Augenroll-Faktor

Wirklich nervig, das darf man auch mal sagen, war keiner von beiden. Sicher, die eine oder andere Polit-Floskel war zu hören, aber das ist in einer 90-minütigen Debatte auch kaum zu vermeiden. Ärgerlich war höchstens, dass Merkel so gar nicht auf ihre zeitlichen Vorgaben zu achten schien und durchweg so tat, als gebe es nirgends einen Dissens zwischen ihr und Steinbrück (außer natürlich bei der Steuerpolitik). Und Steinbrück freute sich vielleicht ein bisschen zu oft über sich selbst und seine Ironie. Aber das waren Petitessen, mehr nicht.

10. Kompetenz-Check

Zu einer von Steinbrücks Stärken gehört sein Faktenwissen - zu seinen Schwächen allerdings, dass er dieses Wissen oft zu sehr betont und damit besserwisserisch wirkt. Diesen Gefallen tat er Merkel im TV-Duell nicht, auch wenn er beispielsweise bei der Euro-Rettung ziemlich weit ausholte.

Merkel, als Naturwissenschaftlerin ebenfalls faktenstark, hat vor allem in den vergangenen Jahren gelernt, dass sie die Menschen mit ihrem Wissen nicht überfrachten darf. Doch im TV-Duell hätte es wohl nicht geschadet, wenn sie doch das eine oder andere Beispiel verwendet hätte.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Jaja...
Dengar 02.09.2013
Nach dem Motto: Ich erklär Dir, was Du gesehen hast.......PS: Im Nebenartikel wird beschrieben, dass Merkel die Kette auch schon zu anderen Gelegenheiten getragen hat. Reden Sie Schreiber eigentlich auch mal miteinander oder läuft das nur noch via Foristen?!
2. Verstehe nicht, warum die Zuschauer Steinbrück als unfairer empfanden
Wirbelwind 02.09.2013
Ich verstehe nicht, warum die Zuschauer Steinbrück als unfairer empfanden. Der unfairste Moment in der ganzen Veranstaltung war doch Merkels miese Parade hinsichtlich der Beamtenpensionen. Denn von Kürzungen war ja gar keine Rede gewesen, sondern lediglich davon, dass ein Auseinanderlaufen von Pensionen und Rente verhindert werden müsse. Und das wiederum würde ich eigentlich auch von Merkel erwarten. Eine ganz miese Tour, dass sie da versucht hat, die Staatsdiener gegen die berechtigten Interessen der Restbevölkerung aufzuhetzen.
3. Moderatoren
inderhehn 02.09.2013
Die Kandidaten waren gewiß konzentriert und gefasst, störend waren vor allem die Moderatoren/-innen (vor allem Frau Teletubby Will), die bei jeder sich anscheinend bietenden Gelegenheit dazwischenquatschten, ohne das der Zuschauer mitbekam, was er/sie denn noch zusätzlich anmerken oder wissen wollten. Diesen Zirkus sollte man beschränken - ein Raab hätte gereicht.
4. liebe Journalisten!
cyberboy 02.09.2013
Warum wird mit keinem Wort erwähnt dass Steinbrück, als es um Energiepreise ging im ersten Moment in einem Nebensatz sagte, dass er die Strompreise senken wird. Diese Aussage dann jedoch sofort unter den Tisch fallen lies um dann um dann zu sagen, dass sie nicht steigen sollen. bla bla... klar kann man bei dem Thema punkten. Aber es sollte doch jeder erkennen dass es Dummenfang ist. Die Frage wäre, warum das keiner bemerkt hat. Haben sie ihm nicht zugehört?
5. Respekt
stacheldraht10 02.09.2013
..der erste ausgewogene Artikel den ich zu der Uebertragung lese...
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