Hamburgs neuer Bürgermeister Dann eben Tschentscher

Die SPD im Umfragetief, das Scholz-Erbe groß, er selbst gilt nur als Notlösung: Nach zäher Kandidatensuche tritt Peter Tschentscher als Hamburgs Erster Bürgermeister einen schwierigen Job an.

Peter Tschentscher
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Er ist ein Mann der Zahlen. Sogar die Excel-Tabellen der eigenen Mitarbeiter soll der Finanzsenator Peter Tschentscher gerne nochmal persönlich kontrolliert haben. Als Hamburgs neuer Erster Bürgermeister aber wird es Tschentscher künftig mit Zahlen zu tun haben, auf die er nur bedingt Einfluss hat, die aber maßgeblich über seine politische Zukunft entscheiden - Wahlergebnisse und Umfragewerte.

Zumindest im ersten Fall waren die Resultate für Tschentscher zuletzt erfreulich: Mehr als 95 Prozent der Delegierten nominierten ihn auf dem SPD-Landesparteitag am Wochenende für die Regierungsspitze der Hansestadt. Ein gutes Ergebnis, der Rückhalt in der Partei stimmt. "Die besten Tage Hamburgs liegen vor uns", kündigte Tschentscher an. Ungewöhnlich offensive Töne für einen, der sonst als die Sachlichkeit in Person gilt. An diesem Mittwoch nun wählte ihn die rot-grüne Mehrheit in der Hamburgischen Bürgerschaft offiziell zum Ersten Bürgermeister.

Der 52-Jährige steht damit auf einen Schlag im Rampenlicht: Eine Millionenmetropole schaut auf ihn. Laut sagen würde das niemand, aber selbst in den eigenen Reihen gibt es Zweifel: Kann der das?

Peter Tschentscher bei seiner Vereidigung
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Peter Tschentscher bei seiner Vereidigung

Die Frage ist umso drängender, seitdem kürzlich weniger erfreuliche Zahlen bekannt wurden: die jüngsten Umfragewerte der SPD in Hamburg. Bei 28 Prozent stünde die Partei laut einer "Zeit"-Umfrage, wenn jetzt gewählt würde. Das sind fast 16 Prozentpunkte weniger als bei der vergangenen Wahl.

Keine gute Ausgangslage also für Tschentscher. In zwei Jahren wird eine neue Bürgerschaft gewählt - und der Hamburger SPD fehlt ihr bisheriger Stimmengarant Olaf Scholz. Selbst unter dessen Ägide verlor die SPD bei der Wahl vor drei Jahren leicht an Stimmen, büßte die absolute Mehrheit ein. Dennoch lag sie fast 30 Prozentpunkte vor der Konkurrenz. Auf Scholz war Verlass.

Doch den 59-Jährigen zog es als Bundesfinanzminister nach Berlin. Ein Ort, der Scholz immer besonders reizte. Mehr Einfluss, mehr Ansehen, mehr Macht. Hamburg, das war nur eine Zwischenstation für ihn.

Für Tschentscher dagegen ist Hamburg die größte Bewährungsprobe seiner politischen Karriere. Mehrfach hat er inzwischen öffentlich betont, dass er sich das Amt zutraue: "Ich bin bereit", sagte er der "Zeit".

Drei Kandidaten - Tschentscher die Notlösung?

Tschentschers Nominierung war für viele eine Überraschung - die zunächst besonders bei der Opposition freudig aufgenommen wurde: Die Karten für die Bürgerschaftswahl 2020 seien durch den Scholz-Abgang nun wieder neu gemischt, sagte CDU-Fraktionschef André Trepoll dem "Hamburger Abendblatt". Tschentscher sei zudem nur eine Notlösung.

Tatsächlich galten andere als Favoriten für die Scholz-Nachfolge. Melanie Leonhard etwa, die Sozialsenatorin, winkte ab, wohl aus familiären Gründen. Auch SPD-Fraktionschef Andreas Dressel senkte aus Rücksicht auf die Familie den Daumen.

Blieb noch Tschentscher. Wer ihm begegnet, trifft einen unauffälligen, freundlichen, zurückhaltenden Menschen.

Scholz-Klon, scholziger als Scholz oder einfach Tscholz, wie ihn die "Welt" taufte - die Vergleiche mit seinem Vorgänger stören Tschentscher nicht. Im Gegenteil: "Ich finde es positiv, mit ihm verglichen zu werden", sagt Tschentscher am Rande einer Spendenübergabe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf dem SPIEGEL. Schließlich sei Scholz einer der besten Politiker Deutschlands in den vergangenen Jahren gewesen.

Und dennoch sei er ein anderer Mensch mit eigenen Schwerpunkten, betont Tschentscher und verweist auf seinen medizinischen Hintergrund. Das soll sich auch künftig in seiner Politik bemerkbar machen, etwa in Pflege- und Gesundheitsthemen.

Peter Tschentscher und Olaf Scholz
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Peter Tschentscher und Olaf Scholz

Der gebürtige Bremer studierte Humanmedizin in Hamburg, es folgten Promotion, Habilitation und Arbeit als Labormediziner. "Auffallend normal", so bezeichnet ihn ein ehemaliger Lehrer in der "Zeit".

Das passt auch zu seiner Parteikarriere: Ins Rampenlicht zog es Tschentscher nie so richtig. 2011 holte ihn Scholz in die Finanzbehörde. Dort arbeitet er geräuschlos, einer seiner größten Erfolge, der bundesweit Beachtung fand, war der HSH-Nordbank-Verkauf. Hier konnte er seine Stärken einbringen: Zahlen, Kontrolle, Detailarbeit.

Keine Skandale, keine Fettnäpfchen, auch über Tschentschers Privatleben ist kaum etwas bekannt. Er stammt aus Bremen, ist verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn, fährt gerne in den Urlaub nach Österreich.

Nicht nur für die Hamburger SPD wird es entscheidend sein, wie Tschentscher in den kommenden zwei Jahren auftritt, was er bewirkt. Auch die die SPD-Spitze in Berlin wird genau beobachten, wie sich der Rathauschef anstellt. Hamburg gilt - mit wenigen Unterbrechungen - als SPD-Hochburg, und das soll aus Sicht der sozialdemokratischen Führung bitte so bleiben.

Auf die Bürgerschaftswahl im Winter 2020 folgen mehrere Landtagswahlen und die Bundestagswahl. Schon im vergangenen Jahr musste die SPD auf dem Höhepunkt des Hypes um Martin Schulz bei der Landtagswahl im Saarland erleben, welche Dynamik eine Niederlage auf Landesebene entfachen kann. Weitere Landtagswahlen gingen in der Folge krachend verloren, am Ende stand das Desaster im Bund.

"Wir tragen jetzt keine Trauer", sagt Tschentscher mit Blick auf die aktuellen Umfrageergebnisse der Hamburger SPD. Für ihn gibt es nun ohnehin kein Zurück mehr: Er will auch über die Legislatur hinaus die Geschäfte führen und in zwei Jahren als Spitzenkandidat in die Bürgerschaftswahl gehen. Dann wird sich zeigen, ob die besten Jahre noch vor Tschentscher liegen.



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