Deutsch-russischer Dialog Erwähnt bloß nicht das U-Wort!

Mitten in der Ukraine-Krise treffen beim Petersburger Dialog Vertreter der deutschen und russischen Gesellschaft aufeinander. Es gäbe viel zu sagen. Doch das Forum gleicht einer Geisterveranstaltung.

Wiktor Subkow (l.) und Lothar de Maizière: Der jetzige politische Konflikt wird übergangen
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Wiktor Subkow (l.) und Lothar de Maizière: Der jetzige politische Konflikt wird übergangen

Von , Leipzig


Leipzig und Luhansk könnten gerade nicht weiter auseinanderliegen: Während an der ukrainisch-russischen Grenze bewaffnete Separatisten wüten, referiert Herfried Münkler im Saal eines mondänen Leipziger Hotels über die heroische russische und postheroische deutsche Gesellschaft. Der Politikwissenschaftler hält sich strikt ans Skript der Veranstaltung: Um die Geschichte des deutsch-russischen Verhältnisses soll es beim Petersburger Dialog in diesem Jahr gehen - bloß nicht um seine Gegenwart.

Dass die deutsche Bundesregierung Russland offenen Völkerrechtsbruch vorwirft und mit Sanktionen überzieht, wird bei der Veranstaltung geflissentlich ignoriert. Der Friedensgipfel in Genf ist keine Woche her, schon beschuldigen sich die russische und die ukrainische Regierung, die Vereinbarungen zu brechen. Nie hätte der Dialog der Zivilgesellschaften, der die Veranstaltung sein will, mehr zu sagen, mehr zu mahnen.

Doch die Politiker und Akademiker beider Länder verlieren sich lieber in großen historischen Linien. Viel verbinde die deutsche und russische Gesellschaft: Erfahrung mit der Diktatur, Bewunderung für Musik und Literatur des anderen. Alles richtig, nichts davon löst den politischen Konflikt der Gegenwart. Als Gernot Erler (SPD), Russland-Beauftragter der Bundesregierung, während der Abschlussdiskussion doch mal die russische und die ukrainische Regierung sanft kritisiert, erteilt der Moderator rasch wieder Münkler das Wort.

Ohne Merkels Kabbeleien mit Putin bleibt nicht viel

Dabei täte ein Zeichen kritischer Völkerverständigung bitter not. Gerade jetzt müssten Deutsche und Russen miteinander reden, hatten auch die Organisatoren um Lothar de Maizière im Vorfeld betont. Das war auch ein Schrei gegen die eigene Bedeutungslosigkeit: Im April hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die traditionellen Konsultationen der beiden Regierungen während des Dialogs abgeblasen. Die Kabbeleien Merkels mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin hatten das Treffen in den vergangenen Jahren wenigstens noch etwas gewürzt.

Aus Geldmangel hatten die Organisatoren ihren Gipfel ohne Stargäste dann auch noch von bisher zwei Tagen auf zweieinhalb Stunden eingedampft. Der Co-Vorsitzende des Dialogs, Lothar de Maizière, gab sich dennoch trotzig: "Wer den Petersburger Dialog kennt, weiß, dass wir gerade jetzt nicht schweigen werden." Und schob warnend nach: Gespräche dürften jedoch nicht "zum Selbstzweck oder zur leeren Geste werden".

Nur dass die Gespräche kaum stattfanden: Neben den Regierungskonsultationen waren auch die Treffen der acht Arbeitsgruppen des Dialogs abgesagt worden. Von der Großveranstaltung blieben zwei Vorträge und die müde Diskussionsrunde als spärlicher Rest. Beim Petersburger Dialog im vergangenen Dezember stritten Vertreter aus Wirtschaft, Kultur oder Kirchen noch über politische Rechte in Russland. Die Wahl des diesjährigen Themas "Zivilgesellschaft und Friedensbemühungen von 1914 bis heute" wirkte gerade angesichts der Gewalt in der Ostukraine wie Weltflucht.

Das entging offenbar nicht einmal den Veranstaltern selbst: Wiktor Subkow, der Hauptorganisator auf russischer Seite, hatte die Relevanz des Treffens in seinem Eingangsvortrag ganz richtig eingeschätzt - und sich damit zumindest ein paar Lacher gesichert: "Wir sind alle Bayern-Fans", sagte der russische Politiker mit Blick auf das Champions-League-Spiel der Münchner am Abend. "Es wäre schön, wenn wir pünktlich schließen könnten."

insgesamt 20 Beiträge
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Early Bird 23.04.2014
1. Überflüssige Veranstalung........
........mit überflüssigen (weil feigen) Teilnehmern zu einem überflüssigen Thema. Die Welt konnte sehr genau verfolgen was Putin vom Zaun gebrochen hat - und das lahme Gequatsche darüber ist ungefähr so wertlos wie ein Pickel an einer bestimmten Körperstelle. Die Reise- und Hotelkosten waren ebenfalls überflüssig und hätten bei EInsparung wenigstens nicht noch die Ökobilanz verschechtert.
emeticart 23.04.2014
2. Tja, ...
... so ist es, wenn auf beiden Seiten nur hirnlose, völlig rückradlose Schwachmaten am Start sind ...! MfG
Mondlady 23.04.2014
3. Schämt euch!
Die Organisatoren dieser Veranstaltung und die deutschen Teilnehmer sollten sich schämen: Da kämpft das tapfere kleine Volk der Ukrainer um seine Selbstbestimmung, wird von den Russen überrannt, und diese Herren haben nichts Anderes zu tun als sich um ihre Geschäfte zu sorgen! Und das alles natürlich unter dem Deckmantel der Sorge: "Man darf ja den Gesprächsfaden nicht abreissen lassen!" Was für eine Heuchelei!
Bernd.Brincken 23.04.2014
4. Dialogfrage
Zitat von Early Bird........mit überflüssigen (weil feigen) Teilnehmern zu einem überflüssigen Thema. Die Welt konnte sehr genau verfolgen was Putin vom Zaun gebrochen hat - und das lahme Gequatsche darüber ist ungefähr so wertlos wie ein Pickel an einer bestimmten Körperstelle. Die Reise- und Hotelkosten waren ebenfalls überflüssig und hätten bei EInsparung wenigstens nicht noch die Ökobilanz verschechtert.
Es war doch nie der Anspruch des Petersburger Dialogs, aktuelle politische Debatten auszutragen. Und was bitte soll am Thema "Zivilgesellschaft und Friedensbemühungen von 1914 bis heute" - http://tinyurl.com/p4ex64d - überflüssig sein? Auch die Forderungsliste des Spiegel-Autors schlägt in die Kerbe "Wir müssen Russland die Regeln der Demokratie beibringen". Man will kritisches Denken - aber bitte nur gegenüber den Andern. Die eigene Selbstgefälligkeit in Frage zu stellen, oder das Russland-Bashing in deutschen Medien, das seit 20 Jahren anhält - kein Gedanke. Dialog bedeutet eben auch, sich zu respektieren und auf Augenhöhe zu treffen.
retterdernation 23.04.2014
5.
fällt mir an dieser Stelle da nur ein. Was soll die Deutsch-Russische Gesellschaft zu den Worten des rechten Nationalisten Jarosch auch sagen, zumal sich auf dieser Veranstaltung auch niemand den Mund verbrennen möchte!
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