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Pflege-Mängel in Deutschland: Hunderttausende Alte müssen hungern

Von Anna Bilger

Eine menschenwürdige Grundversorgung in der Pflege gibt es in Deutschland nicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Demnach bekommt etwa ein Drittel der Pflegebedürftigen zu wenig zu essen und zu trinken.

Berlin - Die Zahlen sind erschreckend hoch: 348.000 Menschen würden in Deutschland nicht ausreichend mit Nahrung und Trinken versorgt - das ist ein Drittel der Pflegedürftigen, die in Heimen leben oder von Pflegediensten betreut würden. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte (DIMR). Sogar fast die Hälfte der Betreuten, rund 440.000 Menschen, lägen wund und hätten Druckgeschwüre. Angesichts dieser erheblichen Mängel kommt das DIMR-Papier zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland keine flächendeckende und menschenwürdige Grundversorgung Pflegebedürftiger gebe.

Rund fünf Millionen Menschen sind in Deutschland hilfs- und pflegebedürftig.
AP

Rund fünf Millionen Menschen sind in Deutschland hilfs- und pflegebedürftig.

"Aus menschenrechtlicher Sicht bleibt viel zu tun", sagte Valentin Aichele vom DIMR bei der Präsentation der Studie in Berlin. Aichele hat die Daten des Deutschen Medizinischen Dienstes der Krankenkassen von November 2004 ausgewertet - vor dem Hintergrund der Menschenrechte.

"Die Mängel betreffen so viele Personen und so wesentliche Bereiche, dass man davon ausgehen kann, dass sie strukturbedingt sind", sagte Aichele. Und für die Struktur sei der Staat zuständig: Die Bundesregierung müsse ihrer Verantwortung gerecht werden und die Infrastruktur für eine würdevolle Pflege schaffen. So fordert das DIMR etwa einen bundeseinheitlichen Standard für die menschenwürdige Grundversorgung in der Pflege.

Eine Forderung, die der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) zwar unterstützt. Allerdings sieht Gabriele Osing vom ASB keine "strukturelle menschenrechtlichen Defizite" in der Pflege, wie in der DIMR-Studie benannt. "Nach Paragraf 80 des Sozialgesetzbuches sind alle Akteure zur höchst möglichen Qualität in der Leistungserbringung verpflichtet", so Osing, Leiterin der Abteilung Soziale Dienste beim ASB-Bundesverband. Sie bewertet diese gesetzliche Regelung als "vorbildlich".

Mehr unangemeldete Kontrollen in Pflegeheimen?

Christina Kaleve, Vorsitzende des Berufsverbandes für Altenpflege (DBVA) sieht hingegen durchaus strukturelle Mängel, vor allem weil ungefähr ein Drittel der Pflegebetriebe in Deutschland schwarze Schafe seien. So würde bei vielen die Fachkraftquote unter den gesetzlich vorgeschriebenen 50 Prozent liegen - ohne dass von Seiten der Heimaufsicht viel passiere. Viele Einrichtungen seien zudem unflexibel organisiert: "Da sind dann strenge Arbeitsabläufe wichtiger als Bewohnerwünsche", sagt Kaleve. Einen bundeseinheitlichen Standard für menschenwürdige Grundversorgung begrüßt Kaleve.

Um schwarze Schafe im Pflegedienst auszusortieren, empfiehlt die Studie des DIMR verstärkte und unangemeldete Kontrollen bei Heimen und Pflegediensten. Notfalls müsse auch die Heimleitung ausgetauscht werden. Das hält Michael Schulz, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe, für problematisch. "Noch mehr Kontrolle ist nicht gut. Die Studie des DIMR schürt Misstrauen am falschen Platz", sagt Schulz. Man könne in einem Heim nichts verstecken, auch nicht, wenn sich der Prüfdienst eine Woche vorher anmelde. Bestehende Kontrollmechanismen müssten besser eingesetzt werden. Schulz kritisiert zudem, dass die Studie des DIMR bekannte Daten aufwärme und die Betreuten nicht befragt worden seien.

Claudia Pohl vom Berufsverband der Pflegeberufe weist daraufhin, dass Mängel auch daher rührten, dass die Anforderungen an Pflegekräfte enorm gestiegen seien. "Unter anderem hat sich in den letzten Jahren die Bewohnerstruktur in den Heimen verändert. Es sind immer mehr Demenzkranke und Schwer- und Schwerstpflegebedürftige darunter", so Pohl. Diese Pflegebedürftigen etwa bei warmen Wetter zu überzeugen, dass sie essen und trinken müssten, brauche Zeit und Vertrauen. Das sei bei der Personalsituation dann oft nicht mehr zu leisten.

Zwei Millionen Pflegebedürftige - Tendenz stark steigend

Dass Staat und Pflegeunternehmen auf die Unterschiede in der Gruppe der Pflegebedürftigen nicht eingehen, kritisiert auch die Studie des DIMR. Es würde lediglich nach den Kriterien Alter, Geschlecht und Pflegestufe differenziert. Dabei gäbe es weitere Punkte zu beachten. Neben Demenzerkrankungen auch chronische Erkrankungen, Behinderungen sowie der Migrationshintergrund der Menschen. Auch ob er allein steht, kinderlos oder homosexuell ist, spiele eine Rolle.

In Deutschland leben ungefähr fünf Millionen hilfs- und pflegebedürfte Menschen, etwa zwei Millionen davon sind im Sinne des Gesetzes als pflegebedürftig eingestuft und beziehen daher Leistungen aus der Pflegeversicherung. Die Zahl der Bedürftigen wird angesichts der steigendenden Lebenserwartung stetig wachsen. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes werden es in 15 Jahren bereits knapp drei Millionen Pflegebedürftige sein.

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