Deutsche Altersheime finden keine Pfleger mehr. Darum suchen sie intensiv wie nie im Ausland, neuerdings sogar in Afrika. Kann das gut gehen? Und für wen?


Ein Traum von Deutschland


Mohamed Ali Nefzi, 23, genannt Dali, sucht das Glück in einem Land, in dem er Hemden mit großen Blumen darauf tragen darf, ohne dumm angeschaut zu werden. Einen Ort, an dem ihn seine Mutter nicht mehr jede Woche fragt, wann er denn heiratet und wie viele Kinder er haben wird. Für Nefzi ist Deutschland dieses Land.


Dali Nefzi, großgewachsen, Anzughose mit Hosenträgern, blinzelt über die Sonnenbrille hinweg ins gleißende Licht am Strand von La Goulette in Tunesien. Hier ist er examinierter Krankenpfleger, bis vor Kurzem war er Rettungsassistent beim großen Pipeline-Hersteller Pireco.


Jetzt ist Nefzi auserwählt. Mit dem staatlichen deutschen Programm Triple Win sollen er und 17 weitere Tunesierinnen und Tunesier in Deutschland den Personalmangel in der Altenpflege mildern, wenigstens ein bisschen.


Am Strand von Nefzis Heimatorts La Goulette kräuseln die Wellen hinter ihm auf den Sand. Kindergeschrei, Rufe vom Basketballplatz, Musik aus den Cafés und Fernseherlärm wehen über die marmornen Gehwege herüber. Familie und Freunde, das werde ihm fehlen, sagt er.



»Mein Ziel ist, dass alle Menschen mit einem Lächeln leben.«



250 Kilometer weiter südlich stechen nahe der tunesischen Hafenstadt Sfax die Boote in See, mit Afrikanern aller Länder, die nach Italien übersetzen wollen. Voller Hoffnung auf ein Leben in Europa, für das sie ihres aufs Spiel setzen.


Die neuen Krankenpfleger für Deutschland werden das Flugzeug nehmen. Das Angebot, zum Arbeiten nach Deutschland überzusiedeln, nennt Nefzi »Schnäppchen«, ein wichtiges deutsches Wort hat er damit schon gelernt. Er freue sich auf die Freiheit, die Deutschland einem jungen Menschen biete. Er will lernen, reisen, nette Menschen kennenlernen. Und die deutsche Kultur.


Von deutschem Rassismus weiß er nichts, und auch diese rechtspopulistische, islamfeindliche Partei mit 92 Sitzen im Bundestag kennt er nicht, die von dort aus Hass verbreitet. Davon haben sie im einwöchigen Deutschland-Crashkurs über kulturelle Unterschiede und Arbeitsweisen nicht erzählt. Sorgen will Nefzi sich deshalb keine machen:







Der Deal


Nefzi lernt Deutsch am Goethe-Institut in Tunis, bezahlt von seinem künftigen Arbeitgeber, dem Bayerischen Roten Kreuz (BRK). Erst nach bestandener Prüfung erhält er sein Flugticket, das ihn in ein neues Leben bringen soll.


Mindestens 6500 Euro kostet es das BRK, den Kandidaten aus Tunesien anzuwerben. Der Aufenthaltsstatus ist direkt an die Stelle geknüpft, den Vertrag unterschreibt der Kandidat erst einmal mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Erst wenn weitere Ausbildungsschritte, noch ein Deutschkurs und zwei staatliche Prüfungen zum examinierten Altenpfleger, geklappt haben, übernimmt der deutsche Arbeitgeber den Bewerber.






Hochgerechnet lassen sich die teilnehmenden Unternehmen die mithilfe der GIZ angeworbenen Tunesier mehr als 100.000 Euro kosten. Viel Geld - doch die Investition könnte sich lohnen. Denn der deutsche Altenpflegemarkt ist wie leergefegt, und das seit Jahren. Aktuell bleibt eine Stelle in der Altenpflege durchschnittlich 171 Tage frei, das ist unter allen Mangelberufen der schlechteste Wert. Zugleich wächst und wächst die Zahl der Menschen, die im Alter gepflegt werden müssen, bis 2060 dramatisch an. Ebenso kontinuierlich steigt seit Jahren der Anteil der ausländischen Fachkräfte in der Altenpflege, er liegt inzwischen bei elf Prozent.




Immer mehr Pfleger werden gebraucht, denn:




Viel zu wenige wollen heute Altenpfleger werden, und schon gar nicht in der Provinz für gerade einmal 2600 Euro brutto. Das zahlt die Sozialservice-Gesellschaft des BRK, ausgegründet speziell für die Pflege von Senioren. Damit zahlt Nefzis Arbeitgeber im Bayernvergleich unterdurchschnittlich. Und zwischen der Krankenpflege, Nefzis erlerntem Beruf, und der Altenpflege klafft eine dramatische Lücke bei der Bezahlung:






Und entsprechend panisch reagieren Heimleitungen, wenn sich Mitarbeiter zu verabschieden drohen. Und sie bieten allerlei Annehmlichkeiten, damit möglichst keiner geht.


Einsatzort für Nefzi wird das Heim Seniorenwohnen Olching sein, ein Vorort von München, eine Schlafstadt mit Dorfkern, katholischer Kirche und knapp 30.000 Einwohnern.


Fällt dort ein Mitarbeiter krank aus, komme sofort eine Zeitarbeitskraft als Ersatz. Regelmäßig lädt die Leitung die Angestellten zum Essen ein, einfach so als Dankeschön. Darum gab es anstelle eines Weihnachtsessens für alle Heimmitarbeiter einen gemeinsamen Theater- und Konzertbesuch.



»Das finde ich in Deutschland traurig, dass die Alten hier so leben müssen.«



Eine von Nefzis künftigen Kolleginnen sagt einen für Pflegeberufe erstaunlichen Satz: »Kaputt macht man sich hier bei der Arbeit nicht. Da kann sich niemand beschweren.«


Triple Win heißt so, weil dabei alle Seiten gewinnen sollen. Tunesien, weil es bei einer Jugendarbeitslosigkeit von um die 35 Prozent einige junge Menschen loswerden kann. Deutschland, weil der Pflegemangel abgemildert wird. Und der nordafrikanische angehende Altenpfleger, weil er legal in die EU und direkt in den deutschen Arbeitsmarkt übersiedeln darf, was Millionen anderen verwehrt ist.


Doch es gibt einen gravierenden Fehler: Es werden keine ungelernten Schulabsolventen mit deutschem Geld im Ausland zu Experten gemacht. Deutschland zieht mit Triple Win ausgebildete Fachkräfte ab, die man auch in Tunesien benötigt.


Aus der Eschborner GIZ-Zentrale heißt es dazu, man halte sich an die Absichtserklärung der Weltgesundheitsorganisation, auch auf die Bedürfnisse der Entsendeländer zu achten. Im Übrigen arbeite man eng mit der tunesischen Arbeitsagentur Aneti zusammen.





Europa gewinnt, Afrika verliert


»Wenn alle gewinnen«, so schreibt es die GIZ über ihr Programm zur Anwerbung ausländischer Pfleger. Die Wahrheit ist: Europa gewinnt, Afrika verliert, zumindest wenn man die fragt, die vom Triple-Win-Pilotprojekt in Tunesien direkt betroffen sind.

Professor Doktor Mounir Daghfous leitet den staatlichen Rettungsdienst in Tunis, er hat Nefzi in Notfallmedizin ausgebildet, wie vor ihm bereits Hunderte andere.


»Wir bilden sie aus, dann werden sie weggefischt.«





Die vier Ärzte und zwei Pfleger, die in diesem Jahr schon nach Deutschland gegangen sind, sind nicht die einzigen: Ein Freund von Nefzi, im gleichen GIZ-Programm und bislang für Daghfous' im Rettungswageneinsatz, wird der nächste sein.


Nefzi und die anderen gehören nicht zum Heer der Hoffnungslosen in Tunesien. Im Gegenteil: Seit seiner freiwilligen Kündigung beim Pipeline-Hersteller Pireco vor einem Jahr hatte Nefzi vier Stellenangebote erhalten. Alle schlug er aus, um sich ganz aufs Deutschlernen zu konzentrieren, sagt er.


Die jungen Arbeitslosen, die 35 Prozent, werden nicht von Deutschland ausgebildet, sie bleiben hoffnungslos. Im Landesinneren buhlen Islamisten um die Frustrierten. Im zerfallenen Gebiet des »Islamischen Staats« in Syrien kamen sehr viele Kämpfer aus Tunesien, das Land zittert vor diesen Rückkehrern. Und die Uno-Migrationsstelle IOM registriert einen starken Anstieg auch tunesischer Boat People. Mehr als 100 Menschen starben Anfang Juni, als ihr Schiff nahe der Hafenstadt Sfax kenterte.




Hallo, Deutschland


Am 12. April öffnet sich die Schiebetür am Terminal C des Münchner Flughafens, und der angehende Altenpfleger Dali schiebt seinen riesigen Koffer hindurch. Darin auch: tunesisches Olivenöl und Kekse, gebacken von seiner Mutter.


Nefzis neue Chefin Monika Wochnik und zwei Mitarbeiter empfangen ihn. Vom Flughafen fahren sie ihn zu seiner Wohnung, dann zu Aldi. Anmeldung bei den Behörden, Konto eröffnen - alles machen die Olchinger für ihren neuen Mitarbeiter. Und dann schenken sie ihm noch ein Fahrrad.


Der auserwählte Nafzi lächelt und sagt nur Danke, Danke und noch mal Danke. Dann ist er allein auf 45 Quadratmetern, frisch renoviert, möbliert, alles riecht neu, und an den Wänden hängen großformatige Bilder aus der Poster-Abteilung eines Möbelhauses.






Schon auf den Fahrten kreuz und quer durch Olching sah Nefzi sich verwundert um. Viele Autos, alles ordentlich, große Häuser. Nefzi geht auf den Balkon, ein warmer Frühlingsnachmittag, und fragt:


»Wo sind denn die Menschen?«


Anfang Mai: Es läuft gut an für Dali Nefzi. Die Pflegedirektorin schwärmt von der Herzenswärme Dalis, von seiner Empathie. Er gehe so freundlich mit den Alten um, geduldig hebt, streichelt, wäscht und füttert er sie.


In Tunesien war er als Pflegekraft mit drei Jahren Ausbildung eher so etwas wie ein halber Arzt. Aber vor der großen Reise ins deutsche Pflegesystem wurde den Glücksrittern eingebläut: Ihr seid das kleinste Rädchen im Getriebe, täglich waschen und füttern ist eure Arbeit. Insulin und andere Spritzen erst nach einem Jahr, wenn die Anerkennung zur Fachkraft da ist. Und Frauen werden eure Chefs sein. Die Warnung hielt man in einem muslimischen Land offenbar für nötig.


Nefzi erzählt, um die Grundpflege, das Waschen, Windeln, Wenden im Bett, kümmert sich in Tunesien die Familie. »Das finde ich in Deutschland traurig, dass die Alten hier so leben müssen«, sagt er. Also macht er sich daran, etwas von der deutschen Kälte zu kompensieren, wenn der tunesische Hüne die zierliche Frau Maier bei der Hand nimmt und sagt: »Komm mit, Frau Maier, wir gehen in den Garten.« »Ja, oder? Ich denke schon«, sagt Frau Maier.


Mit Pfleger Andi, drahtig, jung wie Nefzi und zuerst sein Schichtpartner, hat er sich angefreundet. Andi tanzt gern zu hartem Metal, und er hat Nefzi schon mit in die Stadt genommen, auch in den Hirschgarten, Münchens größten Biergarten.





Über eine Brotzeit und ein leichtes Weißbier hinweg erklärt Nefzi seine Ansichten über Gott und die Welt. »Islam light« nennt er seine Auffassung von Religion. Der Koran liegt auf seinem Nachttisch, ja. Aber fünf Mal beten? Nein. Alkohol ist Sünde, aber eine kleine, findet er. Was gar nicht geht, so richtig haram: harte Drogen. Und wenn jemand schlecht über einen anderen redet, hinter dessen Rücken.


Kollege Andi ist selig. »Du warst mir schon die ganze Zeit sympathisch, aber wir denken da genau gleich, du und ich. Und dass du auch noch ein Bier trinkst, das freut mich narrisch.«


Es knirscht ein wenig in Nefzis Ausbildung. Er hat die Altenpflege in der Theorie gelernt, vor ein paar Jahren. Jetzt hilft er seit vier Wochen auf einer Station, aber vieles, was hier in der Praxis verlangt wird, ist für ihn neu. Vier weitere Wochen, sagt seine direkte Vorgesetzte, werde er noch mitlaufen müssen. Das war anders geplant, aber ein Problem sei das keins.


Und Nefzi selbst ist überglücklich. »Ich mache meine Arbeit gern«, sagt er. »Und hier sind alle so nett, das ist wie meine neue Familie.« Die Kollegin, die den Satz mithört, lächelt.


Dann, Ende Mai, der Rückschlag. Der islamische Fastenmonat Ramadan läuft seit dem 16., Nefzi fastet den ganzen Tag, 18 Stunden lang. Und offenbar hat jemand im Team der 24 Pfleger in Olching, die Nefzi seine »neue Familie« nennt, damit ein Problem.



»Da kommt Herr Nefzi in einen Konflikt.«



Nefzi wasche keine Frauen mehr wegen des Ramadan, heißt es. Während des abendlichen Fastenbrechens mit einem Becher Joghurt komme er nicht, wenn Bewohner klingeln, heißt es auch.


Fünf Tage hält sich das Gerücht. Weil Nefzi Überstunden abbaut, kann er keine Stellung nehmen, nichts klarstellen. »Da kommt Herr Nefzi in einen Konflikt«, sagt die Dame von der Pflegedienstleitung, die vor drei Wochen noch voll des Lobes war. »Es ist Rücksichtnahme gefragt, auf allen Seiten.« Aber nicht alle im Team sähen das so.


»Eine Lüge«, sagt Nefzi am Tag nach seiner Rückkehr. In einer Teambesprechung wehrt er sich: Er faste, ja. Aber er mache seine Arbeit, springe immer ein, wenn nötig, ganz normal. Und natürlich wasche er weiter Frauen, denn Männer gibt es auf seiner Station überhaupt nicht.


Die Chefinnen sind peinlich berührt. Unabhängig von mehreren Kollegen bestätigen lässt das Gerücht sich nicht. Gerede eben, offenbar substanzlos.


Vom Optimismus in Tunesien ist bei Nefzi in diesem Moment nichts übrig. »Warum machen Menschen das? Direkt gesagt hat keiner etwas, alle sind immer so nett.« Eine Kollegin habe ihm zum Beginn des Ramadan sogar noch Datteln geschenkt.


Sünde ist, schlecht über andere zu reden. Das sagt Nefzis Glaube so. Mindestens ein Kollege hat da offenbar was nachzuholen.


Kurz nach den klärenden Gesprächen bekommt Nefzi eine gute Nachricht. Adel, mit dem er gemeinsam in Tunis im Deutschkurs saß und der nun endlich auch seine mündliche Prüfung bestanden hat, wird im Juni auch nach Olching kommen. Die Wohnung am Stadtrand werden sich die beiden teilen.


Damit hat der Notdienst in Tunis, geleitet von Mounir Daghfous, wieder einen Rettungsassistenten weniger. Und die deutsche Altenpflege bald einen tunesischen Mitarbeiter mehr.


Stellen sich die beiden gut an, werden Adel und Nefzi nach einem Jahr von Hilfs- zu Altenpflegern und bekommen das volle Gehalt, die staatliche Anerkennung und am Ende das Bleiberecht.
Erst dann wird richtig klar sein, wer die Gewinner sind bei der deutschen Fachkräftesuche im Ausland.



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AUTOR Christoph Titz
KAMERA UND FOTOS Christian Werner
PROGRAMMIERUNG Chris Kurt
SCHNITT Roman Höfner, Bernhard Riedmann
DOKUMENTATION Klaus Falkenberg
GRAFIK Patrick Stotz
GESTALTUNG Elsa Hundertmark
MOTION DESIGN Lorenz Kiefer
REDAKTION Johannes Korge, Jens Radü