Phänomen Guttenberg Merkels Star punktet sogar in Kunduz-Krise

Untersuchungsausschuss - na und? Die scharfen Vorwürfe in der Kunduz-Affäre übersteht Karl-Theodor zu Guttenberg bisher völlig unbeschadet. Für die Wähler bleibt der Verteidigungsminister der Star des Kabinetts, obwohl ihm viele nicht mal glauben.

Verteidigungsminister Guttenberg: Kritik ohne Widerhall
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Verteidigungsminister Guttenberg: Kritik ohne Widerhall

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Berlin - Karl-Theodor zu Guttenberg winkt ein neuer Titel. Vielleicht darf er sich bald "Sprachwahrer des Jahres" nennen. Als solchen hat ihn die Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt" jetzt nominiert, weil er laut Begründung nicht nur gutes Deutsch spricht, sondern auch einwandfreies Englisch. Außerdem lese er Platon im altgriechischen Original, könne aber genauso eine mitreißende Bierzeltrede halten. Als Verteidigungsminister bemühe er sich um eine klare, verständliche und schnörkellose Sprache und vermeide nicht krampfhaft das Wort Krieg, wenn von Afghanistan die Rede ist.

Die Chancen, dass Guttenberg sich in der E-Mail-Abstimmung gegen die Konkurrenten Guido Westerwelle, Bayern-Trainer Louis van Gaal und die Pop-Band Tokio Hotel durchsetzt, stehen gar nicht schlecht. Denn der CSU-Politiker ist der Liebling der Deutschen.

Immer noch. Kunduz hin oder her.

Die scharfen Vorwürfe im Zusammenhang mit dem folgenschweren Bombardement zweier von den Taliban gekaperter Lastwagen Anfang September in Nordafghanistan schaden dem Verteidigungsminister bisher überhaupt nicht - trotz der Ungereimtheiten in der Informationspolitik des Ministers. Die große Mehrheit der Deutschen hat an Guttenberg nichts zu mäkeln. Laut einer Forsa-Umfrage für RTL und den "Stern" lehnen 75 Prozent einen Rücktritt ab.

Die Meinungsforscher von Emnid ermittelten vor wenigen Tagen ganz ähnliche Werte. Und in der jüngsten SPIEGEL-Umfrage wünschten sich sogar mehr Befragte für Guttenberg eine "wichtige Rolle" als im September, als dieser noch Wirtschaftsminister war. In der Beliebtheitsskala liegt er gleichauf mit der Kanzlerin auf Rang zwei.

"Das interessiert die Menschen nicht"

Dieser Mann ist ein Phänomen. Dass er bisher nicht überzeugend erklären kann, warum er die vom deutschen Oberst Georg Klein angeforderten Luftschläge militärisch neu bewertet hat, obwohl er Berichte über zivile Opfer schon früh gekannt haben muss - die Bundesbürger lässt das kalt.

"Das interessiert die Menschen überhaupt nicht", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner. Wer wann was warum über den Kunduz-Angriff gewusst habe, sei für die meisten eine rein bürokratische Frage. Und dass Politiker stets die Wahrheit sagen, würden die Menschen ohnehin nicht erwarten. Also könnten Guttenberg auch aufkommende Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit wenig anhaben.

Tatsächlich, haben die Demoskopen herausgefunden, gehen viele Deutsche gar nicht davon aus, dass der Minister die Öffentlichkeit korrekt über das Bombardement informiert hat. 46 Prozent stellen dies laut Emnid in Frage. Doch Emnid-Chef Klaus-Dieter Schöppner meint: "Erst wenn ihm nachgewiesen werden kann, dass er bewusst die Unwahrheit gesagt hat, könnte er Kratzer davontragen."

Solange dies nicht zweifelsfrei feststehe, sehe Guttenberg mit der öffentlichen Korrektur seiner Einschätzung der umstrittenen Luftschläge in den Augen der meisten sogar sehr positiv aus. "Da ist einer, der einen Fehler offen zugibt", sagt Schöppner, "das rechnen die Menschen einem Politiker hoch an."

Riskante Angriffe der SPD

Die vermeintlich ehrliche Selbstkritik passt gut zum Bild, das die meisten Deutschen bisher von Guttenberg haben. "Für viele verkörpert er noch immer einen neuen Politikertypus", sagt Forsa-Geschäftsführer Güllner, "einen Typus, der rar geworden ist, nach dem sich die Leute aber sehnen." Er wirke unverbraucht, bediene sich nicht so oft der ritualisierten Politikersprache.

"Guttenberg ist noch nicht so eingefahren", sagt auch Schöppner. "Er reduziert die Distanz zwischen Bürger und Politik." Daran ändere auch seine adlige Herkunft nichts, weil er eben nicht abgehoben wirke. "In der Wahrnehmung eines Politikers spielen Vertrauen und Authentizität heute eine besonders wichtige Rolle", sagt Schöppner.

Guttenberg zehrt von seinem positiven Image, das er sich vor dem politischen Kunduz-Beben über die Parteigrenzen hinweg aufbauen konnte. So sehr, dass sich die Opposition möglicherweise keinen Gefallen tue, den Verteidigungsminister wegen der Kunduz-Affäre ins Visier zu nehmen, sagen die Meinungsforscher. "Vor allem für die SPD könnte das nach hinten losgehen", sagt Güllner. Auch Emnid-Chef Schöppner sieht die Gefahr, dass sich SPD-Chef Sigmar Gabriel "ein Eigentor schießt" - auch weil Parteifreund Frank-Walter Steinmeier zur fraglichen Zeit Außenminister war.

Tatsächlich will den Umfragen zufolge sogar die große Mehrheit der Oppositionsanhänger von einem Rücktritt des CSU-Mannes nichts wissen - 81 Prozent der Grünen-, 71 Prozent der SPD- und 58 Prozent der Linken-Wähler. Die Demoskopen glauben nicht, dass sich daran so schnell etwas ändert. Im Gegenteil: Am Ende, sagt Schöppner, könnte Guttenberg sogar noch stärker aus der Kunduz-Affäre herauskommen.

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Seite 1
tetaro 23.12.2009
1. Müde
Zitat von sysopUntersuchungsausschuss - na und? Die scharfen Vorwürfe in der Kunduz-Affäre übersteht Karl-Theodor zu Guttenberg bisher völlig unbeschadet. Für die Wähler bleibt der Verteidigungsminister der Star des Kabinetts, obwohl ihm viele nicht mal glauben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,668699,00.html
Vermutlich aus Desinteresse. In Deutschland wird alles endlos zerquatscht, viele sind dieser Tatsache einfach müde. Im Krieg sterben Menschen, dass ist traurig, also soll man keinen Krieg machen, das ist doch die einzige ebenso wirkliche wie triviale Wahrheit daraus, die jedem zur Genüge bekannt ist.
Medienkritiker 23.12.2009
2. Phänomen
Es ist wirklich paradox, mir ist schleierhaft warum Guttenberg so weit oben in der Beliebtheitsskala rangiert. Zum Teil liegt es wohl an seinem frisch-smarten auftreten, er ist das Abziehbild des Wunsch-Schwiegersohns deutscher Mütter...
Baikal 23.12.2009
3. Form und Inhalt
Zitat von sysopUntersuchungsausschuss - na und? Die scharfen Vorwürfe in der Kunduz-Affäre übersteht Karl-Theodor zu Guttenberg bisher völlig unbeschadet. Für die Wähler bleibt der Verteidigungsminister der Star des Kabinetts, obwohl ihm viele nicht mal glauben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,668699,00.html
Was könnte besser den Zustand der Politik in "diesem, unserem Lande" (mit Kartoffel im Mund zu sprechen a la Kohl)kennzeichnen als dieses Ergebnis? Nicht Inhalt, allein die Form bestimmt: nicht, was im Kopf ist sondern das gegelte darauf.
DeeDeeBee 23.12.2009
4. Nix Phänomen. Logisch.
Zitat von sysopUntersuchungsausschuss - na und? Die scharfen Vorwürfe in der Kunduz-Affäre übersteht Karl-Theodor zu Guttenberg bisher völlig unbeschadet. Für die Wähler bleibt der Verteidigungsminister der Star des Kabinetts, obwohl ihm viele nicht mal glauben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,668699,00.html
Das ist doch der Punkt: Der Mann wirkt glaubwürdig, weil er kritikfähig, unabhängig und authentisch ist. Ich nehme ihm sogar seinen musikalischen Spagat zwischen Techno und AC/DC ab, obwohl er mir selbst nicht gelingt. Der Mann weichspült nicht so lange hin und her, bis er seine Pensionsansprüche "drin" hat, das hat er nicht nötig. Er ist finanziell unabhängig, was ihn weniger anfällig für Lobbyistentum macht. Und er intelligent. Er geht intelligent mit seiner Sprache um, nicht auswendiggelernt in Rhetorikkursen, dadurch hebt er sich erfrischend ab von dem ganzen verkrampften Gesumse a´la Nahles, Gabriel und Kurskollegen.
Sapienti sat est 23.12.2009
5. Um´s einmal mit Fräulein Claudi Roth zu sagen...
Zitat von sysopUntersuchungsausschuss - na und? Die scharfen Vorwürfe in der Kunduz-Affäre übersteht Karl-Theodor zu Guttenberg bisher völlig unbeschadet. Für die Wähler bleibt der Verteidigungsminister der Star des Kabinetts, obwohl ihm viele nicht mal glauben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,668699,00.html
...mein Gott wie kann man nur? (-; Mich freut´s das die Genossen "Wendehälse" im nicht in die Karre fahren konnten und auch hoffentlich zukünftig nicht fahren können!
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